Daimler, Bosch und Co. Wie Stuttgarter Firmen gegen die Grippewelle ankämpfen

Von Anna Lammers 

Wer sich krank an den Arbeitsplatz schleppt, schadet nicht nur sich, sondern auch dem Unternehmen. Warum Firmen wie Daimler und Bosch ihren Mitarbeitern die Vierfach-Grippeschutzimpfung zahlen – und weitere Gesundheitsvorsorge betreiben.

Wenn die Grippe richtig erwischt, der sollte zuhause bleiben, um nicht noch Kollegen anzustecken. Foto: dpa
Wenn die Grippe richtig erwischt, der sollte zuhause bleiben, um nicht noch Kollegen anzustecken. Foto: dpa

Stuttgart - Die Grippewelle fegt seit Wochen so einige Büros leer und ein Ende ist nicht in Sicht. Im Gegenteil: In der abgelaufenen Meldewoche sind mehr als 5000 weitere Influenzafälle an das Landesgesundheitsamt übermittelt worden. Daher geben Experten noch immer keine Entwarnung. Doch einige Arbeitnehmer schleppen sich trotz Beschwerden an den Schreibtisch. Präsentismus wird dieses Phänomen in Fachkreisen genannt. Die Kosten, die dadurch entstehen übersteigen laut Untersuchungen der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) sogar die Kosten der Abwesenheit im Krankheitsfall.

„Wer so richtig krank ist, sollte auf jeden Fall zuhause bleiben“, rät Jörg Feldmann von der BAuA. Es ist ein einfacher Rat, aber wer ihn nicht befolgt, schadet nicht nur sich selbst, sondern auch seinem Unternehmen. Denn neben der Ansteckungsgefahr für Kollegen leide vor allem die Produktivität bei Präsentismus. Es entstünden vermehrt Fehler, und die gesundheitlichen Spätfolgen seien auch nicht zu unterschätzen. Im Rahmen der Whitehall-II-Langzeitstudie, bei der die Gesundheit von britischen Angestellten in Behörden untersucht wurde, konnte nachgewiesen werden, dass Menschen, die über mehr als drei Jahre hinweg trotz Krankheit auf eine Krankmeldung verzichteten, nach neun Jahren ein doppelt so hohes Risiko für einen schweren Herzinfarkt aufwiesen, als Kollegen, die sich krankschreiben ließen.

Mehr als die Hälfte geht krank zur Arbeit

Dennoch scheint es für viele Arbeitnehmer nicht selbstverständlich zu sein, bei einer Krankheit das Bett zu hüten. Auf Basis einer Beschäftigtenbefragung des Bundesinstituts für Berufsbildung und der BAuA gaben 58 Prozent der Befragten an, einmal oder öfter in den vergangenen zwölf Monaten krank zur Arbeit gegangen zu sein. 27 Prozent taten dies sogar häufiger als drei Mal. Die Gründe hierfür sind weniger die Angst vor Arbeitsplatzverlust, als vielmehr das Pflichtgefühl und die Solidarität zu den Kollegen. Abgesehen von den gesundheitlichen Aspekten, die Präsentismus zur Folge hat, ist es für Arbeitgeber auch ein wirtschaftlicher Verlust, wenn ihre Mitarbeiter krank am Arbeitsplatz erscheinen. Während der Schaden durch Produktionsausfälle, die durch Arbeitsunfähigkeitstage entstehen, von der BAuA auf insgesamt 75 Milliarden Euro geschätzt werden, lieg der Schaden bei Präsentismus Schätzungen zufolge deutlich höher, so Feldmann. Genaue Zahlen gebe es aber nicht, da Mitarbeiter, die krank arbeiten, nicht erfasst würden.

Daimler und Bosch bieten Vierfach-Grippeimpfung an

Daher setzen viele Firmen vermehrt auf Prävention und eine vielfältige Gesundheitsförderung ihrer Mitarbeiter – nicht nur in Grippezeiten. Sowohl bei Daimler als auch bei Bosch können alle Mitarbeiter kostenlos die Vierfach-Grippeschutzimpfung beim werkärztlichen Dienst erhalten. Im Vergleich zum deutlich günstigeren Dreifachimpfstoff, der von den Krankenkassen bezahlt wird und vor drei Virusvarianten schützt, enthält der Vierfachimpfstoff einen weiteren Virus-Typen. Der Vierfachschutz kostet je nach Hersteller zwischen 20 und 35 Euro und wird nur für Risikogruppen, wie Senioren, chronisch Kranke oder Schwangere von den Kassen übernommen.

Ob es an der Impfung lag, dass Daimler laut eigenen Angaben von der aktuellen Grippewelle weitestgehend verschont geblieben ist, konnte ein Firmensprecher nicht sagen. „Wir erfassen nicht, wer das Angebot angenommen hat und können daher auch keine Vergleiche ziehen.“ Die Impfung werde aber schon seit einigen Jahren angeboten. Auch der Anwesenheitsbonus in Höhe von maximal 200 Euro brutto jährlich, den Daimler den Mitarbeitern zahlt, die keinen Fehltag hatten, spiele keine Rolle. „Es sollte auf keinen Fall jemand krank zur Arbeit kommen. Wir vertrauen da auf die Vernunft, dass keiner dies wegen der Prämie macht. Sie ist nur ein Teil der Leistungen, die unsere Mitarbeiter bekommen“, so der Daimler-Sprecher.

Arbeiten vom Homeoffice aus kann Ansteckungsgefahr verringern

Bei Bosch erhalten die Mitarbeiter ebenfalls kostenlos die Vierfachimpfung. Und auch hier lautet das Credo: Wer krank ist, soll zuhause bleiben. „Es soll sich niemand verpflichtet fühlen, krank zu arbeiten. Wer nicht richtig fit ist, hat die Möglichkeit vom Homeoffice aus zu arbeiten. Aber krank ist krank und dann ist das Wichtigste gesund zu werden. Das ist auch im Interesse des Unternehmens“, so ein Bosch-Sprecher. Es bringe Bosch nichts, wenn Mitarbeiter aus falsch verstandenem Pflichtgefühl krank zur Arbeit kämen und dies womöglich zu Folgeerkrankungen führe.

Bei Automobilzulieferer Mahle ist in den vergangenen zwei bis drei Monaten die Krankenquote deutlich gestiegen. Dennoch gilt auch bei dem Stuttgarter Unternehmen: „Wer Krankheiten nicht auskuriert, verschleppt und krank an den Arbeitsplatz kommt, gefährdet nicht nur seine eigene Gesundheit, sondern setzt auch die Kollegen im Umfeld dem Ansteckungsrisiko aus“, sagt eine Sprecherin. Daher werde auch bei Mahle verstärkt auf die Gesundheit geachtet und durch verschiedene Angebote, wie Grippeschutzimpfungen, Angebote für Betriebssport oder Ernährungs- und Stressberatungen gefördert. „Nicht zuletzt ist dies hinsichtlich der Reduzierung von krankheitsbedingten Abwesenheitszeiten und somit einer wirtschaftlichen Betrachtung auch für das Unternehmen ein sinnvoller Ansatz“, so die Mahle-Sprecherin.

Seinen Mitarbeitern lediglich die Grippeschutzimpfung oder Anwesenheitsboni zu zahlen, würde aber ein falsches Signal setzten und sollte nicht das einzige Angebot sein, erklärt Mika Steinke von Salubris Badura & Münch. Die Firma berät Unternehmen im betrieblichen Gesundheitsmanagement. „Grippeschutzimpfungen sind ein sinnvolles Angebot der Firmen. Gerade dieses Jahr hat die Grippewelle viele Unternehmen stark getroffen. Da geht es auch um Kosten für Fehlzeiten, die so gesenkt werden können.“ Es gehe aber nicht nur darum, Krankheiten zu vermeiden, sondern auch darum, Gesundheit zu fördern. Von einem breiten Angebot aus Bewegung, Ernährung und psychischer Beratung würden Firmen profitieren. „Eine gesunde Führung, gute Teams und ein gesundes Klima im Unternehmen sorgen am Ende für mehr Wohlbefinden, gesündere und motivierter Mitarbeiter“, so Steinke.