Von historischen Landkäufen bis zu Billionen-Summen für Bodenschätze: Was könnte es kosten, wenn Dänemark „Ja“ sagen würde?

Digital Desk: Michael Maier (mic)

Es klingt wie ein Scherz aus einer Partie Monopoly, ist aber bitterer geopolitischer Ernst: Der Wunsch der USA, Grönland zu kaufen. Was 1946 unter Harry S. Truman mit einem konkreten Angebot von 100 Millionen Dollar in Gold begann und unter Donald Trump 2019 sowie in jüngster Zeit wieder aufflammte, wirft eine faszinierende ökonomische Frage auf: Was kostet eigentlich eine Insel von der Größe Westeuropas?

 

700 Milliarden Dollar könnte es sein, wenn man dem US-Sender NBC glaubt. Dieser berichtet, dass Wirtschaftsexperten und ehemalige Beamte der US-Regierung bei überschlägigen Berechnungen auf diese Summe kommen. Die Gruppe soll in Vorplanungen zur möglichen Übernahme Grönlands durch US-Präsident Trump involviert gewesen sein.

Wenn wir die politische Realität für einen Moment ausblenden und den Taschenrechner zücken, kommen wir indes auf verblüffend unterschiedliche Summen. Es gibt mindesten drei mögliche Preisschilder für Grönland, wobei sich die jüngst genannten Summen eher im oberen Bereich auf "Schatzsucher-Niveau" bewegen, wobei derzeit noch völlig unklar ist, ob die potenziell reichen Rohstoffvorkommen unter dem Eis jemals nutzbar sein werden.

Küstenort Inaarsuit auf Grönland. Foto: picture alliance/dpa

1. Historiker-Preis für Grönland: 1,4 bis 13 Milliarden Dollar

Wenn wir uns streng an den letzten konkreten Marktpreis halten, müssen wir ins Jahr 1946 zurückblicken. Damals boten die USA Dänemark 100 Millionen Dollar in Goldbarren.

Inflationsbereinigt wären das heute „lächerliche“ 1,4 Milliarden Dollar.

Passt man den Betrag jedoch an die Wirtschaftsleistung (BIP) der USA an (die heute viel größer ist als 1946), käme man laut Ökonomen auf etwa 13 Milliarden Dollar.

Zum Vergleich: Das wäre weniger, als WhatsApp Facebook gekostet hat (19 Mrd. Dollar). Ein echtes Schnäppchen für 2,16 Millionen Quadratkilometer Land.

2. Alaska-Grönland-Vergleich: 12 bis 77 Milliarden Dollar

Eine andere Methode ist der Vergleich mit früheren Landkäufen der USA, wie dem Erwerb der Jungferninseln (1917 von Dänemark für 25 Millionen Dollar in Goldmünzen) oder Alaskas (1867 von Russland für 7,2 Millionen Dollar).

Wirtschaftsexperten haben diese historischen Deals auf heutige Verhältnisse hochgerechnet. Dabei wird nicht nur die Inflation beachtet, sondern auch die relative Kaufkraft und das BIP-Wachstum Dänemarks.

Die Schätzungen schwanken hier stark, liegen aber meist zwischen 12,5 und 77 Milliarden Dollar.

Selbst am oberen Ende dieser Skala wäre der Kaufpreis für die USA eher überschaubar – er entspräche weniger als 10 Prozent des jährlichen US-Verteidigungshaushalts.

Hgseth und Trump in aggressivem Gestus. Foto: Alex Brandon/AP/dpa

3. Der „Schatzsucher-Preis“: 1,1 Billionen Dollar (und mehr)

Hier verlassen wir den Bereich der „Peanuts“. Grönland ist potenziell reich. Unfassbar reich. Unter dem schmelzenden Eis liegen Bodenschätze, die für das 21. Jahrhundert essenziell sind: Seltene Erden (für Smartphones und E-Autos), Uran, Gold, Diamanten, Zink und möglicherweise riesige Öl- und Gasreserven vor der Küste.

Einige Analysten (unter anderem in einem vielfach zitierten Bericht der Financial Times von 2019) spielten mit einer Bewertung von 1,1 Billionen Dollar (also 1100 Milliarden). Andere Schätzungen, die den theoretischen Wert aller Mineralien im Boden addieren, kommen sogar auf bis zu 4 Billionen Dollar.

Der Haken: Diese Schätze liegen unter kilometerdickem Eis oder in Regionen ohne jede Infrastruktur. Die Förderkosten wären astronomisch („Grönland-Prämie“). Ein Billionen-Preis ist daher eher eine Fantasie als ein Marktwert, da der Gewinn aus diesen Rohstoffen erst noch erwirtschaftet werden müsste.

4. Die „Betriebskosten“: 600 Millionen Euro pro Jahr

Wer eine Immobilie kauft, muss auch das Hausgeld zahlen. Grönland ist zwar autonom, hängt aber finanziell am Tropf Kopenhagens.

Der sogenannte „Blockzuschuss“ (Blocktilskud), den Dänemark jährlich nach Nuuk überweist, beträgt rund 3,9 Milliarden Dänische Kronen (ca. 520–600 Millionen Euro).

Ein Käufer müsste diese Subventionen sofort übernehmen, um den Lebensstandard der 56.000 Einwohner zu sichern. Ohne dieses Geld würde die grönländische Wirtschaft kollabieren.

Inuit in der Nähe US-Luftwaffenbasis in Grönland. Foto: OKAPIA KG, Germany

Das unbezahlbare Extra: Die Geopolitik

Warum wollen die USA Grönland wirklich? Nicht wegen des Eises, sondern wegen der Lage.

  • Thule Air Base: Die nördlichste US-Militärbasis der Welt ist essenziell für die Raketenabwehr und Weltraumüberwachung.
  • Die Arktis-Route: Wenn das Eis schmilzt, wird Grönland zum Tor für neue, extrem lukrative Handelsrouten zwischen Asien und Europa.
  • China-Rivalität: Peking nennt sich selbst einen „Near-Arctic State“ und investiert massiv in grönländische Infrastruktur und Minen. Ein Kauf durch die USA wäre vor allem eine Maßnahme, um China (und Russland) aus dem Nordatlantik fernzuhalten.

Fazit: Ist Grönland das wert?

Rein finanziell betrachtet wäre Grönland für die USA selbst bei einem Preis von 100 Milliarden Dollar wohl ein „No-Brainer“. Die strategische Lage und die Ressourcen sind langfristig unbezahlbar.

Doch die Rechnung hat eine Unbekannte, die sich nicht in Dollar ausdrücken lässt: die Einwohner selbst. Seit 2009 hat Grönland das Recht auf Selbstbestimmung. Ein Verkauf über die Köpfe der Menschen hinweg wäre im 21. Jahrhundert völkerrechtlich und ethisch kaum vermittelbar, falls sich ein unabhängiges Grönland nicht aus freien Stücken in einigen Jahren den USA anschließen will. Ex-Premier Múte B. Egede brachte es etwas zweideutig auf den Punkt: „Wir sind offen für Geschäfte, aber wir stehen nicht zum Verkauf.“

Milliarden-Deal oder doch nur Nato-Patrouillen?

Grönland ist also vielleicht Billionen wert – aber es hat kein Preisschild. Gut möglich, dass der sprunghafte US-Präsident von seinen Annexionsvorstellungen schnell wieder ablässt und es zum Beispiel bei gemeinsamen Nato-Patrouillen in der grönländischen 200-Meilen-Wirtschaftszone belässt.

Um China und Russland etwas abzuschrecken würde das allemal reichen, zumal man bei Trump nicht immer jedes Wort auf die Goldwaage legen sollte. Böse Zungen sagen sogar, dass der vermeintlichen „Friedenstaube“ eine mehrjährige Weiterführung des Ukraine-Konflikts durchaus gelegen käme, um die Russen als geopolitische Gegenspieler permanent aufzureiben und zu schwächen. Gerne natürlich auf Kosten Europas. Soll das ganze Grönland-Getöse womöglich nur von den eigentlichen Problemen ablenken?