Wer fantasievoll verkleidet und voller Elan im Mash mit den „Rheingeschmeckten“ feiert, jubelt darüber, auf der besten Karnevalsparty in Stuttgart zu sein. Selbst der größte Schwoaba-Seggl sagt dann: „Jet jeck simmer alle!“
Da han mir den Salad! Zur „größten Kölner Karnevalsparty außerhalb von Köln“ verabreden sich gern Cliquen unter einem bestimmten Motto. Jemand hat eine Idee, und die anderen ziehen mit. Einem dieser vergnügten Freundeskreise in der Eventlocation Mash ist fürs Kostümieren der „Salat“ eingefallen. Man sieht den Sellerie, die Lollo-Rosso-Lady, den Schnittlauch-Boy. Grün dominiert. Doch auch eine Giraffe ist darunter. Warum, erklärt das Männchen mit dem langen Hals: „Ich ess’ am liebsten Salat.“
Andere Cliquen machen auf gallisches Dorf (Asterix & Obelix haben Idefix mitgebracht), auf den Hofstaat von Kaiserin Sisi oder auf Fluch der Karibik mit hohem Sexy-Johnny-Depp-Faktor. Ein Besuch der Kölner Party ist allein schon deshalb so schön, weil man die nahezu grenzenlose Fantasie der Gäste bewundern kann. Die kunterbunt kostümierte Schlange vor dem Mash zieht sich zeitweise fast bis zur Liederhalle. Am Einhang hängt das Stadtwappen von Köln. Für eine Nacht liegt Kölle am Nesenbach.
Die 900 Karten sind schon Monate davor ausverkauft
Seit 20 Jahren lädt der Verein Die Rheingeschmeckten, in dem sich Rheinländer versammeln, die in Stuttgart wegen der Liebe, des Berufs oder was auch immer gelandet sind, zum Feiern auf die kölsche Art ein. Zunächst genossen die eingewanderten Frohnaturen ihren Exotenstatus. Doch längst hat sich auch bei Ur-Schwaben herumgesprochen, wo Stuttgarts wildeste Faschingssause steigt. Die 900 Karten sind schon Monate davor ausverkauft.
In der Nacht zum Samstag feiern Gudrun Nopper und Franz Ferdinand Nopper mit, die Ehefrau und der Sohn des Stuttgarter OB Frank Nopper, die daheim erzählen können, wie gut die Integration des Rheinländers gelungen ist. Aber auch die Grünen sind vertreten: Sebastian Engelmann, Sprecher von Finanzminister Danyal Bayaz, mischt als Muskel-Maxe aus Turnvater Jahns Zeiten mit Schnauzer und Gewichten mit.
Diesmal gibt’s mehr Bierstände (auch im Außenbereich), mehr Kölsch-Gläser, mehr Zugänge zu den Garderoben, sowie mehr Bierfässer – so lässt es sich noch besser und nahezu ohne Mangel feiern als bei der Premiere im Mash vor einem Jahr (davor galt die Attacke des rheinischen Frohsinns immer dem Nil im Schlossgarten).
Was die Erfolgsformel der Rheingeschmeckten ist? Bei ihrer Party ist nur Party – kein Brimborium drumherum mit Begrüßungen von Abordnungen und Einmarsch von Prinzenpaaren. Das Kölsch im Kranz gehört dazu. Elf gefüllte 0,2-Gläser zum bequemen Forttragen kosten 25 Euro, so wie im Vorjahr.
So eine Musikszene wie in Köln kennt Stuttgart nicht
Dafür, dass die Party so schnell zündet, gibt’s noch einen Grund: Diese mitreißende Musik! Keine Hits vom Ballermann sind zu hören, keine Layla,die schöner, jünger, geiler ist, stattdessen dröhnt’s ultrastark aus 900 Kehlen: „Damm, damm, damm, tatata, damm, damm, damm.“ Textsicher singt der ganze Saal die Ohrwürmer der Höhner, der Brings, der Räuber, von Kasalla und Co. mit – DJ BaLou aus Köln, der Kola statt Kölsch trinkt, hat eine Riesenauswahl an Partyknallern dabei. So eine gigantische Musikszene wie in Köln gibt’s in Stuttgart nicht – schon allein deshalb hinkt der Fasching in unseren Breiten hinterher.
Plötzlich bricht die wahre Natur durch
Die unbeschreibliche Leichtigkeit des rheinischen Feierns steckt an. Laut ist’s – und trotzdem kommt man mit Fremden rasch in Kontakt. Für eine Nacht sind Krisen, Kriege, Klimanotstände, Kanzlerfragen vergessen. Man tankt auf, um danach die Welt umso besser retten zu können. Selbst die Bundestagswahl ist kein Thema, wenn man mal von den Schlümpfen absieht, die sich sehr heftig blau angemalt haben und sagen, wenn die Farbe bis Sonntag nicht runtergeht, werden sie im Wahllokal erklären müssen, dies habe nichts mit ihrer Wahlentscheidung zu tun.
Beim Fest der Rheingeschmeckten geht’s dem sonst manchmal zurückhaltenden Stuttgarter wie seinem Hund beim Gassigehen: Wenn plötzlich ein Hase auftaucht, bricht die wahre Natur durch. Schon gibt’s kein Halten mehr! Kölle alaaf!