Größter deutscher Steinmeteorit Blaubeurener Sensationsfund endet fast im Bauschutt

So ähnlich könnte es ausgesehen haben, als der Meteorit in Blaubeuren einschlug. Unser Bild zeigt die Leuchtspur eines kosmischen Objekts im US-Bundesstaat Washington. Foto: dpa/epa afp Nasa

Auf der Schwäbischen Alb findet ein Mann im Garten einen Stein, der sich 31 Jahre später als größter deutscher Steinmeteorit entpuppt.

Wissen/Gesundheit: Werner Ludwig (lud)

Blaubeuren - Etwas ungewöhnlich kommt Hansjörg Bayer der Stein schon vor, den er 1989 beim Ausheben eines Kabelgrabens im Garten seines Hauses in Blaubeuren findet. Denn gemessen an seiner Größe ist der Brocken mit gut 30 Kilo ziemlich schwer geraten. Mithilfe eines Magneten stellt Bayer fest, dass das Material wohl Eisen enthält. Doch der Finder beschäftigt sich dann nicht weiter mit dem Stein, der bis 2015 in seinem Garten liegen bleibt – bis Bayer beschließt, ihn zusammen mit anderem Abraum zu entsorgen. Als der Brocken schon auf dem Anhänger liegt, überlegt es sich der Finder noch mal anders und bewahrt das gute Stück weitere fünf Jahre im Keller auf.

 

Erst in diesem Frühjahr will es Bayer dann genauer wissen und verständigt das Institut für Planetenforschung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR). Die dortigen Experten vermitteln den Kontakt zu Dieter Heinlein in Augsburg. Der Meteoritenexperte des DLR bekommt ein gut 23 Gramm schweres Fragment des Brockens aus Blaubeuren zugeschickt. Heinlein greift zur Diamantsäge und schneidet das Bruchstück auf. Dabei stößt er auf die typischen Strukturen eines Steinmeteoriten: kleine Silikatkügelchen, auch Chondren genannt. Damit ist klar: Der Stein, den Bayer vor 31 Jahren in seinem Garten entdeckt hat, ist nicht von dieser Welt.

Die Entdeckung gilt als Sensation

Bei dem Fund handelt es sich nicht um irgendeinen Steinmeteoriten, sondern um den größten Vertreter dieser Art, der bis jetzt in Deutschland gefunden wurde. 30,26 Kilo bringt der nach seinem Fundort Blaubeuren benannte Brocken von der Größe eines Kinderrucksacks auf die Waage. Fast doppelt so viel wie der bisherige deutsche Rekordhalter, der 1949 bei Oldenburg gefundene Benthullen-Meteorit, der es auf 17,25 Kilo bringt. Verglichen mit dem Meteoriten, der vor rund 15 Millionen Jahren im Nördlinger Ries einschlug und einen gewaltigen Krater hinterließ, ist freilich auch „Blaubeuren“ ein Winzling. Trotzdem gilt die Entdeckung in Fachkreisen als Sensation.

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Dass der Meteorit 31 Jahre lange nicht als solcher erkannt wurde, führen die DLR-Experten nicht zuletzt auf sein unspektakuläres Äußeres zurück. „Selbst ein Profi hätte beim Blick auf den stark verwitterten Brocken kaum auf einen Meteoriten geschlossen“, heißt es beim DLR. Normalerweise erwarte man bei potenziellen Meteoriten eine charakteristische dunkle Schmelzkruste, die sich beim Sturz durch die Erdatmosphäre bildet. Dabei werden teilweise Geschwindigkeiten von bis zu 100 000 Kilometern pro Stunde erreicht. Die meisten dieser kosmischen Objekte, die in der Fachsprache Meteoroide heißen, verglühen dabei vollständig und hinterlassen nur eine mehr oder weniger gut sichtbare Leuchtspur am Himmel.

Ein echter Schwabe

Von einem Meteoriten spricht man erst dann, wenn es ein Teil des ursprünglichen Brockens bis auf die Erde schafft. Wann „Blaubeuren“ dort angekommen ist, wird noch untersucht. Angesichts des Verwitterungsgrads könnte das irdische Alter bei mehreren Hundert Jahren liegen, schätzt Dieter Heinlein. Denkbar seien aber auch tausend Jahre. Zur genaueren Bestimmung greifen die Experten unter anderem auf sogenannte Radioisotope zurück – also auf radioaktive Varianten von Elementen, die unterschiedlich schnell zerfallen.

Die DLR-Experten wussten um die Brisanz des Meteoritenfundes von Blaubeuren und bemühten sich daher bei den ersten Untersuchungen um Diskretion. Bereits jetzt ist den Analysen zufolge klar, dass der Stein nach seinem Eintreffen auf der Erde im schwäbischen Juraboden verwitterte. „,Blaubeuren‘ ist definitiv ein Schwabe“, schreiben die Meteoritenforscher.

Meteoroide und die größeren Asteroide entstehen bei kosmischen Zusammenstößen und umkreisen die Sonne. Dabei kreuzen sie teilweise die Bahnen der Erde und anderer Planeten. „Der Blaubeuren-Meteorit hat in der Vergangenheit mindestens eine heftige Kollision erlebt“, sagt Addi Bischoff vom Institut für Planetologie der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, der die Zusammensetzung des Meteoriten untersucht hat. Meteoritenfunde sind sehr selten. Im Durchschnitt würden pro Jahr nur etwa zehn Exemplare gefunden, schätzt Dieter Heinlein.

Aus demselben Material wie die Erde

Um aktuell gefallene Meteorite aufzuspüren, nutzen die Experten Aufnahmen von Spezialkameras, die das Geschehen am nächtlichen Himmel aufnehmen und von vielen freiwilligen Helfern betreut werden. Anhand solcher Aufnahmen konnten Heinlein und seine Mitstreiter vom Europäischen Feuerkugelnetz vor rund zwei Jahren den 955 Gramm schweren Meteorit „Renchen“ im Ortenaukreis aufspüren. Es war der erste vollständig dokumentierte Meteoritenfund in Baden-Württemberg.

Von Meteoriten könne man viel über die Entstehung des Sonnensystems lernen, sagt Heinlein. „Sie bestehen aus demselben Material wie die Erde“ – allerdings mit dem Unterschied, dass sie sich seit 4,5 Milliarden Jahren nicht durch Verwitterungsprozesse verändert haben.

Der Meteorit „Blaubeuren“ soll zunächst bei seinem Finder bleiben, der selbst nicht an die Öffentlichkeit treten will. Laut DLR ist es aber sein Wunsch, „dass der größte Steinmeteorit Deutschlands in einem Museum dauerhaft ausgestellt wird“.

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