Am Sonntag ist die letzte Ausgabe der Zeitung „News of the World“ erschienen. Nun hoffen viele, dass dies das Ende des Imperiums des Rupert Murdoch ist.

Korrespondenten: Peter Nonnenmacher (non)

London - Zur Trauerfeier kam Rupert Murdoch ein paar Stunden zu spät. Vielleicht wollte er sich ja Tränen und Zorn der 200 Mitarbeiter ersparen, die an diesem Morgen die letzte Ausgabe seiner "News of the World" von den Druckerpressen nahmen. Die Einstellung des 168 Jahre alten Boulevardblatts hatte er zusammen mit seinem Sohn James drei Tage zuvor Knall auf Fall verfügt. Das Blatt sollte bezahlen für die Sünden der Vergangenheit, die "ein früheres Regime" auf dem Gewissen hatte.

 

Als "früheres Regime" betrachten die am Sonntag arbeitslos gewordenen Murdoch-Redakteure den ehemaligen Chefredakteur Andy Coulson und dessen Vorgängerin Rebekah Brooks, die von 2000 bis 2007 an der Spitze des Blattes standen. In dieser Zeit hatte sich das Blatt systematischer Lauschaktionen schuldig gemacht und unter anderem sogar die Mobiltelefone von ermordeten Jugendlichen und von den Angehörigen von Terroropfern und gefallenen Soldaten "angezapft".

Murdoch hält zu Brooks

Coulson, der noch bis Januar britischer Regierungssprecher war, wurde wegen dieser illegalen Aktionen am Freitag bereits neun Stunden lang verhört. Brooks, heute Generaldirektorin aller britischen Zeitungsunternehmen der Murdoch-Familie, dürfte in den nächsten Tagen Besuch von Scotland Yard erhalten. Anders als Coulson erfreut die 43-Jährige sich aber der Protektion des Konzerns, des uneingeschränkten Vertrauens des Medienmoguls. "Ich werfe doch", ließ Murdoch grimmig vernehmen, "unschuldige Leute nicht vor den Bus." Statt Rebekah Brooks zu entlassen, wie ihm zum Wochenende sogar Premierminister David Cameron empfahl, schloss Murdoch lieber die ganze Zeitung - immerhin das mit 2,6 Millionen Druckauflage zweitstärkste Blatt in Großbritannien, das noch immer einige Millionen Pfund für ihn einfuhr. Dass die Redaktion sich längst von den alten, illegalen Praktiken distanziert hatte, spielte keine Rolle. Der Titel selbst war für Murdoch "toxisch" geworden. Der Skandal um die "News of the World" drohte sein ganzes Medien-Empire zu vergiften.

Im Wirbel der öffentlichen Empörung nämlich hatten nicht nur Politiker aller Parteien, soziale Verbände und die englische Staatskirche in den vergangenen Tagen gegen "die Unmoral" des Skandalblatts gewettert. Unter dem Druck hatten auch etliche Großkonzerne der Zeitung ihre Anzeigen entzogen. Renault kündigte am Sonntag sogar an, alle Produkte Murdochs auf der Insel zu boykottieren - also auch die "Sun", die "Times" und die "Sunday Times".

Binnen einer Woche liefen zudem mehr als 150.000 Proteste gegen den Verkauf des Satellitensenders BSkyB an Murdochs News Corporation ein. Diese Übernahme ist das Kernstück Murdoch'scher Expansion. Mit der Verbindung von Pay-TV und Printware will der Verleger sich eine klare Vorherrschaft erkaufen: Nicht nur den angeschlagenen Zeitungsrivalen, auch der von den Murdochs gehassten BBC soll so das Wasser abgegraben werden.

Thatcher-Politik und Murdoch-Presse

Mittlerweile hat die in den politischen Bereich übergeschwappte Affäre eine rasche Entscheidung in dieser Frage aber unmöglich gemacht. Darüber hinaus hat Oppositionsführer Ed Miliband für diesen Mittwoch eine Abstimmung im Unterhaus erzwungen, die die Übernahme unterbinden soll, solange noch Polizeiermittlungen laufen. Die Liberaldemokraten - die Koalitionspartner Camerons - sind einem solchen Genehmigungsstopp nicht abgeneigt.

Im nun revoltierenden London hat er einst 1969 seine Machtbasis begründet: mit dem Kauf der damals größten Zeitung der Welt, eben der "News of the World". Die "Sun" folgte noch im selben Jahr. Als Margaret Thatcher 1979 in den Wahlkampf zog, konnte sie sich auf diese Massenblätter verlassen. Nach ihrem Wahlsieg revanchierte sich die Eiserne Lady mit Genehmigungen für den Kauf der "Times" und "Sunday Times" durch Murdoch (1981). Seine Überzeugungen deckten sich mit denen Thatchers: freie Bahn für Privatkapital und Marktwirtschaft, Einlenken auf den "amerikanischen Weg", Distanz zu Europa, Zerschlagung aller Gewerkschaftsmacht.

Murdochs schmutzige Kampagnen

Der stille Deal zwischen Politik und Murdoch-Presse sollte 30 Jahre lang halten. Murdoch stellte seine Zeitungen in den Dienst von Politikern, die seine persönlichen Werte vertraten - und die die Ausdehnung seiner kommerziellen Reichweite erlaubten. Den Labour-Vorsitzenden Neil Kinnock suchten seine Blätter durch eine lange Kampagne gehässiger Artikel aus der Bahn zu werfen. 1992 verfehlte Kinnock den Wahlsieg gegen Tory-Premier John Major, nachdem die "Sun" am Morgen des Wahltags auf ihrer Titelseite empfohlen hatte, im Falle eines Wahlsiegs Kinnocks solle doch bitte "der Letzte, der das Land verlässt, das Licht ausschalten".

Was Major, der sich nicht in allem mit Murdoch einig war, vor Schaden nicht bewahrte. Einmal rief einer der Chefredakteure Murdochs an, um ihm mitzuteilen, dass man ihm anderntags "einen Kübel Scheiße über den Kopf schütten" werde. Als Tony Blair Mitte der 90er New Labour auf den Weg brachte, betrachtete er es als sinnlos, sich mit Murdoch anzulegen. Kurzfristig zu einem "abklärenden Treffen" am Rande einer Konferenz in Australien eingeladen, hetzte Blair zum Flughafen, um dem Herrn über "Sun" und "Times" seines guten Willens zu versichern und einer Lockerung diverser Presserestriktionen durch eine Blair-Regierung zuzustimmen.

Mit seiner anschließenden Unterstützung Blairs nahm Murdoch offenbar auch Rücksicht auf damalige Stimmungswechsel auf der Insel. Jedenfalls gelang es ihm, Blair und später Gordon Brown stets an der kurzen Leine zu halten. Kaum ein Projekt wagten die New-Labour-Regierungen anzugehen, ohne sich bei Murdoch grünes Licht zu holen. Allein in den neun Tagen vor der Irakinvasion telefonierte Blair dreimal mit Rupert Murdoch. Ein enger Berater Blairs, Lance Price, sollte später erklären, dass Murdoch wie ein unsichtbarer 24. Kabinettsminister mit am Kabinettstisch gesessen habe.

Premier Cameron gesteht Fehler ein

Als er das Ende der New-Labour-Ära kommen sah, schwenkte Murdoch wieder zu den Konservativen über. Auf einer Yachtparty im Sommer 2008 ließ sich der alte Mann von David Cameron versichern, dass dieser nicht nur eng mit Murdoch zusammenarbeiten, sondern auch den früheren "News of the World"-Chef Andy Coulson zum Regierungssprecher machen würde. Seither hat sich ein enges Netz politischer und sozialer Verbindungen zwischen Cameron und Murdochs Topleuten ergeben. In den gleichen wohlhabend-ländlichen Gefilden der Grafschaft Oxfordshire angesiedelt, sind der Premier und Murdoch-Generaldirektorin Rebekah Brooks beim Ausritt beobachtet worden. Vor wenigen Wochen erwies Camerons Regierung Murdoch einen Gefallen, als sie dessen BSkyB-Übernahme-Begehren nicht an die staatliche Wettbewerbskommission verwies, sondern Murdoch einen privaten Deal mit dem Kultusministerium offerierte.

Dies alles ist von der Volkswut über den Skandal nun infrage gestellt worden. Seit der Labour-Chef Ed Miliband vorige Woche beschloss, dass er Murdoch die Stirn bieten würde, hat sich auch Cameron gezwungen gesehen, Positionen zu beziehen, die für einen britischen Regierungschef 30 Jahre lang undenkbar gewesen wären. Aus Sorge über sein eigenes Ansehen nach der Verhaftung seines Freundes Andy Coulson erklärte der Premierminister kleinlaut, alle Politiker, auch er selbst, hätten sich in der Vergangenheit vielleicht "zu eng" an gewisse Medienmächte angelehnt. Im Übrigen, fügte Cameron hinzu, werde seine Regierung dafür sorgen, dass die Polizei "ausnahmslos allen Spuren nachgehen" werde.

Der Einfluss Murdochs schwindet

Ein 30-jähriger Bann sei offenbar gebrochen worden, staunten die meisten Kommentatoren. Zu lange habe Britannien "in Furcht vor Murdoch" gelebt, sagte der Vizechef der Liberalen, Simon Hughes. Jetzt endlich könne man beginnen, Themen wie Einwanderung, Europa oder Krieg und Frieden ohne Rücksicht auf Murdochs Meinung zu diskutieren, freut sich der Londoner "Independent". Die Marionetten, heißt es, seien des Mitspielens auf der Murdoch-Bühne überdrüssig. Mit der schwindenden Angst vor Vergeltung schwinde rapide auch der Einfluss Murdochs in London, urteilte auch die "Financial Times".

Rupert Murdoch indessen schlüpfte am Sonntagmittag durch die Hintertür in sein Hauptquartier in Wapping. In einer solchen Situation hat er sich noch nie gefunden, in seinem alten London.