Großbritannien Londons Banker zittern vor einem Brexit

Jahrzehntelang war die Londoner City das Finanzzentrum in Europa, aber wird das bei einem Brexit so bleiben? Foto: EPA
Jahrzehntelang war die Londoner City das Finanzzentrum in Europa, aber wird das bei einem Brexit so bleiben? Foto: EPA

Während sich die Finanzwelt in Frankfurt auf neue Geschäfte einstellt, bangen die Kollegen auf der Insel um ihren Job.

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Frankfurt - In der Londoner City, dem europäischen Finanzzentrum, geht die Angst um. Sollten sich die Briten am Donnerstag mehrheitlich für einen Austritt aus der Europäischen Union entscheiden, könnte nach Ansicht einiger Experten die Bedeutung des Finanzplatzes schwinden. In London konzentrieren sich derzeit rund 41 Prozent des weltweiten Devisenhandels und 49 Prozent des verwalteten Vermögens von Hedgefonds. Der Sektor, der rund 12 Prozent des britischen Bruttoinlandsprodukts (BIP) stellt, zählt 1,3 Millionen Beschäftigte – 250 000 davon alleine in der Londoner City und in Canary Wharf. Zum Vergleich: in und um Frankfurt sind es rund 62 000.

Ausgerechnet aus der Mainmetropole, wo schon die Immobilienmakler in den Startlöchern stehen und nach attraktiven Objekten für Londoner Banker suchen, kommt Schützenhilfe für die „City“. In den vergangenen zehn Jahren habe die britische Hauptstadt ihren Vorsprung auf Frankfurt und Paris ausgebaut, meint die Chefvolkswirtin der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba), Gertrud Traud. „Der Finanzplatz Frankfurt könnte bei einem Brexit zwar gewinnen – aber um welchen Preis?“, warnt sie vor Hoffnungen auf einen Zustrom von Investmentbankern in die Mainmetropole. Frankfurt habe Paris als zweitwichtigster Finanzplatz in der EU seit 2006 deutlich abgehängt, heißt es in der Studie. Vor zehn Jahren hatte die Helaba beide Städte gleichauf gesehen. „Frankfurt hat seine Chance genutzt“, sagt Traud. Während die Zahl der Arbeitsplätze in der Finanzbranche in London in der Krise stark schwankte, nun aber wieder sechs Prozent über dem Vorkrisenniveau liege, habe Paris einen „strukturellen Abbau“ erlebt. In Frankfurt sei die Beschäftigung weiterhin relativ stabil – nicht zuletzt durch die Ansiedlung der Bankenaufsicht bei der Europäischen Zentralbank (EZB).

Finanzplatz Frankfurt profiert vom Brexit

Am meisten profitieren würde unter den Finanzplätzen auf dem Kontinent Frankfurt, wenn die Briten im Streit aus der EU ausscheiden würden. Wenn sich Großbritannien dagegen in Verhandlungen die Rosinen aus dem Kuchen picke und etwa der „EU-Pass“ weiterhin auch für Finanzprodukte aus London gelten würde, ginge Frankfurt leer aus, glaubt Traud. Viele Investoren scheinen da nicht so zuversichtlich für die Zukunft der City zu sein. Nach Angaben der britischen Notenbank sind in den vergangenen Monaten bereits Milliarden von der Insel aufs Festland geflossen. Noch stärker als die Umfrageergebnisse darüber, ob der Brexit nun kommt oder nicht, schwanken schon seit Wochen die Börsen- und Devisenkurse. Bis zu einem Drittel könnte das Pfund Sterling gegenüber Euro und Dollar bei einem Austritt an Wert verlieren, steht in diversen Studien.

In den Banken laufen die Planspiele für den Brexit auf Hochtouren. Einige angelsächsische Institute sollen bereits auf der Suche nach neuen Büroräumen am Main sein. Vor allem amerikanische Banken können sich durchaus vorstellen, gar nicht mehr auf der Insel präsent zu sein, wenn diese nicht mehr zur EU gehören sollte. Auf jeden Fall aber werde man das Schwergewicht verlagern. Bei der Deutschen Bank gibt es schon seit einem Jahr eine Arbeitsgruppe, die analysieren soll, welche Geschäfte man sinnvollerweise noch in London machen könne, wenn die Briten nicht mehr zur EU gehören würden. Auch die Bankenaufsichtsbehörde EBA hat angedeutet, dass sie bei einem Brexit ihren Sitz wohl nicht mehr in London haben werde.

Die Europäische Zentralbank (EZB) als oberste Aufsichtsbehörde in Europa hätte wohl Bedenken. „Bei einem Austritt Großbritanniens aus der EU können die Behörden der Euro-Zone nicht länger tolerieren, dass ein großer Anteil von Finanztransaktionen im Ausland abgewickelt wird“, betont Christian Noyer, ehemaliger Vize der EZB. „Für die Mitglieder der Euro-Zone ist es bereits jetzt schwer zu akzeptieren, dass unsere Währung zum Großteil außerhalb der Währungsgemeinschaft und damit außerhalb der Kontrolle der EZB gehandelt wird“, schreibt der frühere französische Notenbankchef in einem Beitrag. Dabei ist der klassische Devisenhandel – also der Tausch von Euro in Dollar oder Franken – nicht das eigentliche Problem.

Auswirkungen auf die Börsenfusion

Vom Volumen umfangreicher sind die Termingeschäfte. Der Bank für internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) zufolge werden mehr als die Hälfte der weltweiten Zinsterminkontrakte im Gesamtvolumen von jährlich 435 Billionen Dollar (383 Billionen Euro) über LCH Clearnet, eine Tochter der Londoner Börse LSE, abgewickelt. Das ist mehr als das Fünffache der weltweiten Wirtschaftsleistung.

Die EZB möchte die Abwicklung dieser und anderer Geschäfte mit Währungsderivaten unter ihrer Aufsicht haben. Denn nur so erhält sie Einblicke in die Kontrakte und hat die Chance, mögliche Probleme frühzeitig zu erkennen. Sonst muss sie sich wie nach der Finanzkrise von 2008 darauf beschränken, mit Not-Maßnahmen Schlimmeres zu verhindern.

Die Abstimmung am Donnerstag könnte auch für ein deutsch-britisches Großprojekt erhebliche Auswirkungen haben. Im März hatten die beiden Börsenbetreiber in Frankfurt und London angekündigt, dass sie fusionieren wollen. Zwar betont der Chef der Deutschen Börse, Carsten Kengeter, dass der Zusammenschluss auch bei einem Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union Sinn macht. „Die Logik und die Komplementarität hat weiterhin Bestand,“ sagt er. Die Konzerne müssten bei ihrer Verschmelzung dann lediglich die regulatorischen Veränderungen nach einem Brexit berücksichtigen. Doch sowohl die Aufsichtsbehörden als auch die Eigentümer beider Börsenbetreiber werden erst nach dem Referendum über das Projekt abstimmen.

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