Große Demo auf dem Stuttgarter Schlossplatz S21-Gegner spüren Rückenwind

Von George Stavrakis 

Laut Angaben der Veranstalter haben am Samstag rund 4000 Menschen auf dem Schlossplatz in Stuttgart gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21 protestiert. Doch die Bahn bleibt bei ihren Plänen.

Mehrere Tausend Menschen haben am Samstag auf dem Schlossplatz gegen Stuttgart 21 demonstriert. Foto: Lichtgut/Volker Hoschek 12 Bilder
Mehrere Tausend Menschen haben am Samstag auf dem Schlossplatz gegen Stuttgart 21 demonstriert. Foto: Lichtgut/Volker Hoschek

Stuttgart - Unter dem Motto „Raus aus der Grube – Projekt Zukunft in Stuttgart“ haben am Samstag nach Angaben der Veranstalter rund 4000 gegen die Fortführung von Stuttgart 21 demonstriert. Die Polizei sprach von 2500 Teilnehmern. Die Gegner des milliardenschweren Projekts haben Rückenwind, seit bekannt geworden ist, die Baukosten könnten bis zu zehn Milliarden Euro betragen. Das gehe aus Unterlagen des Bundesrechnungshofs hervor.

Die Bahn AG dementiert diese Zahl. Selbst wenn alle auch neu identifizierten Risiken einträfen, bliebe das Projekt Stuttgart 21 innerhalb des vom Aufsichtsrat bewilligten Finanzierungsrahmen in Höhe von 6,526 Milliarden Euro, teilt die Bahn mit. Das habe eine umfängliche Bestandsaufnahme des Projekts ergeben. Zudem strebe man weiterhin an, das Projekt zusammen mit der Neubaustrecke Wendlingen – Ulm wie geplant 2021 in Betrieb zu nehmen.

Gegner glauben der Bahn nicht

Die Gegner glauben nichts davon. Sie fordern einen sofortigen Baustopp und eine Umplanung auf Basis des aktuellen Bauzustands. „Mit unserem Konzept Umstieg 21 ist die Diskussion um Alternativen zu Stuttgart 21 eröffnet, zumal S 21 finanziell am Ende ist“, sagt Matthias von Herrmann, Pressesprecher der Parkschützer. In der bereits weitgehend ausgehobenen Baugrube für den geplanten Tiefbahnhof können sich die Köpfe hinter dem Konzept Umstieg 21 einen Fernbusbahnhof und eine Park- und Fahrradstation sowie Ladesäulen für Elektromobilität vorstellen. Und vor allem: Es bleibe auch genügend Platz für Wohnbau. Auf dem Gelände, auf dem derzeit die Baulogistik der Bahn untergebracht ist, könnten bis zu 1000 Wohnungen entstehen. „Mit dem Konzept Umstieg 21 können wir den fortschrittlichsten Bahnhof Europas bauen“, sagte Hannes Rockenbauch, Vorsitzender der Fraktionsgemeinschaft SÖS/Linke plus im Stuttgarter Gemeinderat.

Die angeblichen zehn Milliarden Euro Baukosten für Stuttgart 21 seien eine Blamage für Bahn, so Rockenbauch weiter. „Man stelle sich vor, diese Zahl wäre vor der Landtagswahl genannt worden. Dann säßen heute echte S-21-Gegner im Landtag“, sagte der Kommunalpolitiker, der bereits vor 20 Jahren im Alter von 16 auf der Königstraße Unterschriften gegen das Projekt gesammelt hat. Er kritisiert die Politik, die angesichts der Zahl zehn Milliarden Euro nur abwiegele und beschwichtige. „Das bringt mich auf die Palme.“ Er nennt Stuttgart 21 einen „Horror“, der schlecht sei für die Stadtplanung, für das Stadtklima, für das Mineralwasser. Das Projekt sei weder fertiggeplant noch fertigfinanziert.

Bahn zeigt sich von Protesten unbeeindruckt

In diese Kerbe schlägt auch der Journalist Joe Bauer. Er geißelt S 21 als ein „absurdes Objekt“. Und weiter: „Wir haben keine Lust, erwartungsgemäß dumm zu grinsen, wenn der propagandistisch gut geschulte Ministerpräsident im folkloristischen Ton eines Dorftheater-Intendanten erzählt: Dr Käs isch gässa“. Bauer spricht von einem „Zehntausendmillionen-Wahnsinn“. Der ehemalige SWR-Radiomoderator Stefan Siller bekennt auf dem Podium, er sei einst von Stuttgart 21 begeistert gewesen. Dann habe er sich intensiver mit dem Projekt beschäftigt und gemerkt, dass von Seiten der Verantwortlichen „nicht offen und ehrlich kommuniziert“ worden sei. „Man hat uns hinters Licht geführt“, so Siller. Auch er plädiert für einen Umstieg, für eine Neuplanung.

Die Bahn zeigt sich unbeeindruckt. Das Gemeinschaftsprojekt sei weit fortgeschritten und werde zu Ende gebaut. Umstiegsszenarien hingegen entbehrten jeder Grundlage. „Der Zug für einen Umstieg ist längst abgefahren“, sagt Geschäftsführer Manfred Leger. Nachdem man den Planfeststellungsbeschluss für den Flughafenbahnhof erhalten habe, „können wir nun auch dort richtig loslegen“, so Leger.

Unterdessen bewegte sich der Demonstrationszug der S-21-Gegner durch die Innenstadt zum Hauptbahnhof – begleitet von Bläsern und Trommlern und den wohlbekannten Rufen: „Oben bleiben!“