Eine 5000 Quadratmeter große Fläche rechts von der Ortsdurchfahrt wird neu überplant. Foto: Werner Kuhnle
In Murr (Kreis Ludwigsburg) werden mehrere Gebäude abgerissen, um Platz für neue Wohnungen zu schaffen. Für attraktive Läden oder Mediziner geht auch ein Türchen auf.
Christian Kempf
14.01.2026 - 17:00 Uhr
Einen langen Atem hat die Gemeinde Murr beim Areal hinter dem früheren Rathaus bewiesen. Wann immer sich in den vergangenen zehn bis 15 Jahren die Gelegenheit bot, hat man in dem Viertel zwischen Murrgässle, Kirchgasse und Hindenburgstraße Grundstücke erworben. Stets mit dem Ziel im Hinterkopf, mitten im Ortskern ein modernes, dicht besiedeltes Wohnquartier aus der Taufe zu heben. Ganz am Ende wurde dann auch noch das letzte fehlende Puzzleteilchen eingefügt: Per Flächentausch mit einem Anrainer erreichte man einen homogenen Gebietszuschnitt.
Damit war der Weg frei, um auf satten 5000 Quadratmetern in die Vollen zu gehen: Marode Gebäude werden abgerissen, das Gelände anschließend komplett neu bebaut, auch die Flächen, die bislang brachlagen. „Für Murr ist das fast eine Jahrhundertchance in so zentraler Ortslage“, schwärmt der Bürgermeister Torsten Bartzsch.
Mehr als 40 Wohneinheiten könnten entstehen
Wo der Murrer Bürgermeister Torsten Bartzsch auf dem Foto steht, werden voraussichtlich bald die Bagger anrücken, um neuen Wohnraum zu schaffen. Foto: Christian Kempf
Entstehen sollen ungefähr 40 bis 45 Wohneinheiten verschiedener Größe. Etwa 50 Prozent davon sollen vermietet, die andere Hälfte verkauft werden. Die Zahl der Einheiten sei nicht in Stein gemeißelt und könnte sich noch etwas reduzieren, betont Torsten Bartzsch.
Zum Beispiel dann, wenn es wie angestrebt gelingt, auf dem Gelände eine Tagespflege für Senioren oder eine Pflege-Wohngemeinschaft anzusiedeln. „Wenn sich ein Arzt vorstellen könnte, eine Praxis aufzumachen, würden wir sicher auch nicht Nein sagen“, erklärt der Rathauschef. Offen wäre man überdies für Geschäftsleute, die sich mit einem attraktiven Laden ansiedeln wollen. „Was wir allerdings nicht wollen, ist eine klassische Büronutzung“, erklärt Bartzsch.
Der Bürgermeister versichert ferner, dass man das Thema Parken im Blick habe. Es soll eine Tiefgarage realisiert werden. 35 bis 40 Fahrzeuge könnten hier abgestellt werden, sagt der Bürgermeister. Darüber hinaus schwebt der Gemeinde vor, direkt angrenzend an das alte Rathaus einen Platz mit viel Grün und Aufenthaltsqualität anzulegen.
„Sowohl was das Thema Baupartner als auch das Thema Pflegebetreiber betrifft, müssen wir im nächsten halben Jahr zu einer Entscheidung kommen.“
Torsten Bartzsch, Bürgermeister von Murr
Besagtes altes Rathaus ist in dem Gesamtkonstrukt ein Sonderfall. Als einziges Gebäude in dem Viertel steht es unter Denkmalschutz, darf also nicht und sollte auch nie abgerissen werden. Stattdessen möchte es die Gemeinde sanieren und um einen eingeschossigen Anbau ergänzen lassen. „In den beiden oberen Geschossen wollen wir Wohnraum schaffen“, erläutert Bartzsch.
Im Erdgeschoss sei eine „öffentliche Nutzung“ vorgesehen. Vornehmlich sind damit Trauungen gemeint. Im neuen Rathaus stünden dafür nur 30 Plätze bereit, was nach heutigen Maßstäben knapp bemessen sei, erläutert Bartzsch. Immer mehr Paare würden sich nur noch standesamtlich das Jawort geben. Entsprechend größer würden hierbei aber die Gesellschaften. Dieser Entwicklung wolle man Rechnung tragen.
Allerdings ist das historische Gebäude derzeit noch anderweitig belegt, und zwar vom Verwaltungsbüro des SGV Murr und der örtlichen Böhmerwaldgruppe. Beide sollen in das alte Schulhaus gleich um die Ecke umziehen, wo zuletzt Flüchtlinge untergebracht waren. Die betreffenden Räumlichkeiten im Obergeschoss müssten jedoch zunächst saniert werden. „Das ist zeitlich gesehen das erste Projekt. Der Umbau soll in diesem Jahr beginnen, wir warten nur noch auf die Genehmigung für den Bauantrag“, sagt der Bürgermeister. Ist dieser Dominostein gefallen, können alle weiteren folgen.
Bis 2029 könnte die Neubebauung abgeschlossen sein
An der Ortsdurchfahrt werden mehrere Gebäude für die Neubebauung weichen müssen. Foto: Christian Kempf
Im Idealfall könnte der Spatenstich in dem Viertel im nächsten Jahr über die Bühne gehen, 2029 dann alles fix und fertig sein. Insgesamt sollen vier Mehrfamilienhäuser sowie ein Doppel- und ein Einfamilienhaus gebaut werden. Vor einer Umsetzung sind jedoch noch ein paar Dinge zu regeln.
Zunächst brauche man einen Partner, der sich um die Pflegebausteine kümmert, erläutert Torsten Bartzsch. Die Anforderungen an die Räumlichkeiten für Senioren müssten anschließend von dem Bauunternehmen in die Planungen eingeflochten werden, mit dem man bei den größeren neuen Gebäudekomplexen gemeinsame Sache machen werde. „Sowohl was das Thema Baupartner als auch das Thema Pflegebetreiber betrifft, müssen wir im nächsten halben Jahr zu einer Entscheidung kommen, damit sich das Gesamtprojekt nicht verzögert. Es gibt für beides Interessenten“, sagt Bartzsch.
Parallel dazu prüft die Gemeinde, wie das Areal am besten nachhaltig mit Wärme beliefert werden könnte. „Wir wollen komplett auf fossile Energieträger verzichten und ein Nahwärmenetz aufbauen, an das sich auch andere Haushalte im alten Ortskern andocken können sollten“, erklärt der Bürgermeister. Die angrenzende Murr sei nicht tief genug. Vielleicht lasse sich jedoch die Abwärme des Abwassersammlers anzapfen, der an dem Quartier vorbei zur Kläranlage in Marbach verlaufe. Womöglich kämen auch Großwärmepumpen zum Einsatz. „Oder vielleicht auch ein Mix aus beidem“, sagt Bartzsch.