Tiffy ist vier Monate alt, als sie bei ihrer neuen Familie in Böblingen ankommt. Sie ist ein Bichon-Frisé-Welpe – kaum größer als eine Katze – und hat fluffig-flauschiges, weißes Fell. Vor allem die 16-jährige Lorena freut sich ganz besonders über den Neuzugang in der Familie. Schon lange hat sie sich einen Hund gewünscht. Anfang Dezember geht er in Erfüllung. Und bald darauf hat Tiffy der ganzen Familie sogar ein kleines Weihnachtswunder beschert.
Denn wenige Tage nach Tiffys Ankunft verschwindet sie. Und was bis zu ihrer Rückkehr vier Tage später alles passiert, klingt fast zu schön um wahr zu sein.
Verhängnisvoller Spalt in der Tür
In den ersten Tagen erkundet Tiffy ihr neues Zuhause. Sie schnüffelt, schmust und spielt. So viele neue Gerüche. Da – was ist das? Ein Schuh in der Tür! Und schon ist der Welpe durch den schmalen Spalt in der Tür verschwunden. Und die Freude der frischen Hundebesitzer in Verzweiflung umgeschlagen. Die ganze Nacht ist die Familie auf der Böblinger Hulb unterwegs und sucht, doch Tiffy bleibt unauffindbar.
„Das war wirklich schlimm, vor allem weil sie so ein anhänglicher, freudiger Hund ist“, erzählt die Familienmutter, die nicht mit Namen in der Zeitung erscheinen möchte. Sie vermutet, dass der Welpe einfach mal schauen wollte, was hinter versehentlich geöffneten Tür lag, dann Angst bekommen hat und davon gerannt ist.
Die Familienmitglieder rufen, versuchen den Hund auf sich aufmerksam zu machen, doch nichts hilft. Schließlich beschließen die Verzweifelten, sich Hilfe zu suchen. Über die sozialen Medien und den Sindelfinger Förster bekommen sie den Tipp, sich an Nadja Pawert zu wenden: Die Waldenbucherin hat im Jahr 2014 „Hund entlaufen Baden-Württemberg“ gegründet und sucht seither mit zehn weiteren Ehrenamtlichen nach ausgebüxten Hunden. Sie gibt der Familie zunächst Tipps, doch die Suche bleibt ergebnislos. Mit dem Verdacht, dass Tiffy in Richtung der Bahngleise gelaufen ist, treffen die Hunderetter um Nadja Pawert schließlich die Entscheidung, den Welpen mit eigens ausgebildeten Spürhunden zu suchen.
Zwei Spezialhunde suchen Tiffy
Gibson und Lin, zwei sogenannte Pet-Trailer, nehmen Tiffys Geruch mit einer Duftprobe auf – dann startet die Suche erneut. Tatsächlich finden die Hunde eine Spur bei den Bahngleisen und folgen ihr bis sie letztlich auf dem Böblinger Flugfeld sind. Dort fragt die Familie Passanten, ob sie Tiffy gesehen haben. Und tatsächlich: Ein Junge hat Tiffy einige Stunden zuvor gesehen und führt die Hundesucher an die besagte Stelle. Eine Futterstelle wird aufgebaut, eine Wildkamera angebracht, Flyer werden verteilt. Dann, am nächsten Tag, der nächste Hinweis: Der Welpe wurde an der Theodor-Heuss-Realschule gesichtet. Auch dort richten die Sucher eine Futterstelle ein. Doch Tiffy lässt sich einfach nicht blicken.
Mit jeder fortschreitenden Stunde liegen die Nerven der Familie noch etwas blanker. Es ist bitterkalt, Tiffy wiegt gerade mal drei Kilo und hat kein dickes Fell, das sie vor der Kälte schützen könnte. Am Freitag war der kleine Hund entlaufen und am Montag hat die Familie immer noch kein Lebenszeichen von ihrem Haustier. Auch am Kayserhof, einem Reiterhof in Böblingen, richtet die Familie eine Futterstelle ein. Doch die Hoffnung schwindet: „Zu dem Zeitpunkt waren wir schon ziemlich am Boden“, erzählt die Böblingerin. Nur durch ein Wunder, denkt sie, könnte der kleine Hund bei den eisigen Temperaturen überleben. Doch die Tochter, Lorena, gibt die Hoffnung nicht auf.
Die Familie richtet mehrere Futterstellen ein
Am Dienstagmorgen schließlich kommt der rettende Anruf: Ein Mann, dem die Familie einen Flyer in die Hand gedrückt hatte, hat Tiffy in seiner Straße gesehen. „Das war die erste zeitnahe Sichtung“, erzählt die Familienmutter. Sofort springt die Familie ins Auto und fährt an die betreffende Stelle in der Nähe des Pferdehofs. Zehn Minuten später folgt der nächste Anruf mit einem Hinweis ganz in der Nähe. Dieses Mal ist die Familie bereits vor Ort – und tatsächlich: Lorena sieht den Welpen, der sich jedoch völlig verängstigt versteckt.
Ein tierisches Weihnachtswunder
In einem letzten Versuch, spielt die Familie das Gebell der Hundemutter auf dem Handy ab, das sie sich von der Züchterin haben schicken lassen. Genau richtig, wie sich herausstellt: Tiffy kommt aus einem Garten herausgesprungen. In einem kurzen Telefongespräch bereitet Nadja Pawert die Familie auf die Rettungsaktion vor: Statt aufgeregt auf den Hund zuzugehen, setzt sich die Familie auf den Boden und schaut den Hund nicht an. Lorena nimmt Futter in die Hand und streckt ihren Arm so weit von sich, wie sie nur kann. Dann heißt es Nerven bewahren: Tiffy kommt langsam auf sie zu und schnuppert an dem Fressen. Stück für Stück zieht Lorena ihren Arm zurück, bis Tiffy so nahe ist, dass die junge Böblingerin den Hund in die Arme nehmen kann.
Die Freude ist groß, doch als erstes bringt die Böblinger Familie den Welpen zum Tierarzt und lässt Tiffy durchchecken. Ein echtes Wunder pünktlich zu Weihnachten: Der Hund ist nicht unterkühlt und hat auch sonst keinen Schaden davongetragen. Obwohl sie über Gleise und große Straßen geirrt ist, hat die kleine Hündin nicht mal einen Kratzer abbekommen. „Wir sind ziemlich sicher, dass sie im Pferdestall Schutz vor den kalten Temperaturen gefunden hat“, erzählt die Familienmutter.
Und selbst Nadja Pawert ist beeindruckt: „Es ist der Hammer, was so ein Welpe mit nur vier Monaten schon hinbekommt.“
Was tun, wenn der Hund entläuft?
Die wichtigsten Schritte
1. Polizei, Ordnungsamt, Tasso, Tierärzte, Tierheime, Förster, Jäger informieren 2. Großflächig flyern (20 Kilometer) 3. Futterstellen am Entlaufort einrichten 4. Genehmigungen für Wildcams und Lebendfalle bei Unterer Jagdbehörde einholen 5. Nach Möglichkeit Wildcams besorgen und an Futterstellen einrichten 6. Bei sicherer Annahme der Futterstelle, eine Lebendfalle besorgen und abwarten. Hund in der Falle in geschlossenen, sicheren Raum bringen.
Sichtungskarte
Auf ihrer Webseite www.hund-entlaufen-baden-wuerttemberg.de empfiehlt Nadja Pawert eine Sichtungskarte zu erstellen, um herauszufinden, in welchem Gebiet sich der entlaufene Hund aufhält. Bei jeder Sichtung sollten Datum, Uhrzeit, Laufrichtung und Verhalten des Hundes aufgeschrieben werden. Die Sichtungskarten können auf Googlemaps erstellt werden.
Hunde entlaufen Baden Württemberg
Nadja Pawert hat die Initiative 2014 gegründet. Seither hat sie mit ihrem Team zahlreiche entlaufene Hunde aufgespürt. Manche Suchen dauern einige Tage, manche ziehen sich über Tage. Teilweise legen die Hunde dabei beachtliche Strecken zurück. Ein Hund, den sie im Sommer über zwei Monate gesucht haben, war 1000 Kilometer weit unterwegs. Ihr eigener Hund, Gibson, hat eine Ausbildung zum sogenannten Pet-Trailer absolviert. Er ist darauf spezialisiert, andere Hunde zu finden.
Neujahr
Vor allem Neujahr ist für das Team von „Hund entlaufen“ eine mittlere Katastrophe. Beinahe im Sekundentakt werden sie kontaktiert, weil Haustiere aufgeschreckt durch den Böllerlärm das Weite suchen. Hunde sollten auf gar keinen Fall in die Nähe von Feuerwerken gebracht werden und im Zeitraum um den Jahreswechsel immer an der Leine geführt werden.