Große Umfrage der Gewerkschaft IG Metall: Angst um den Job greift um sich

Vor der Daimler-Zentrale: IG-Metall-Bezirksleiter Roman Zitzelsberger (links) und seine Mitstreiter von Gewerkschaft sowie Betriebsrat vor der Übergabe der gut 50 000 Postkarten Foto: dpa

Die Gewerkschaft sieht ihre dritte Beschäftigtenbefragung als Ansporn, die Arbeitgeber zur Kooperation zu zwingen, um gemeinsam den Wandel zu bewältigen. Diese Botschaft haben auch mehr als 50 000 Postkarten für Daimler-Chef Källenius.

Politik: Matthias Schiermeyer (ms)

Stuttgart - Mit einer bisher einzigartigen Aktion in der Daimler-Geschichte haben führende Funktionäre von Betriebsrat und IG Metall die Ängste der Belegschaften vor dem Verlust des Arbeitsplatzes deutlich gemacht. Kurz vor der Aufsichtsratssitzung übergaben sie am Donnerstagmorgen in Untertürkheim dem Vorstandschef Ola Källenius und Personalvorstand Wilfried Porth mehr als 50 000 Postkarten, die in den vergangenen zwei Wochen an allen Daimler-Standorten bei Solidaritätsaktionen unterschrieben worden waren.

 

Gesamtbetriebsratschef Michael Brecht sprach angesichts der zwölf mit Karten gefüllten Wäschekörbe von „50 000 Botschaften“: Die Unternehmensleitung müsse die Erfahrungen der Mitarbeiter auch in Zukunft nutzen. „Hört uns zu und lasst die Beschäftigten Teil der Veränderung sein“, mahnte er auch mit Blick auf den wochenlang schwelenden Streit im Stammwerk Untertürkheim, wo der Vorstand mit einem Aus für das geplante Kompetenzzentrum E-Mobilität gedroht hatte. Ziel war es nach Angaben der IG Metall Stuttgart von Ende November, entsprechend der Anzahl der Daimler-Beschäftigten sogar 170 000 Postkarten zu übergeben.

Drei von vier Beschäftigten spüren Zukunftsängste

IG-Metall-Chef Jörg Hofmann stellte derweil in Frankfurt die Ergebnisse einer großen Befragung vor, an der von Ende September bis Mitte November mehr als 250 000 Beschäftigte in gut 6700 Betrieben bundesweit teilgenommen hatten – jeder Vierte von ihnen gehört nicht der Gewerkschaft an. Es ist die dritte große Befragung dieser Art der Gewerkschaft nach 2013 und 2017, diesmal nur online.

Demnach zeigt sich flächendeckend eine große Verunsicherung: 71 Prozent der Teilnehmer bejahten die Frage nach den Zukunftsängsten. Den eigenen Arbeitsplatz gefährdet sehen immerhin 28 Prozent. Vor allem Leiharbeiter (62 Prozent), aber auch in der Fahrzeugproduktion Beschäftigte (42) fürchten um ihren Job. „Die Pandemie erweist sich als Brandbeschleuniger für unsere Branchen, die ohnehin in einem tiefgehenden Strukturwandel stecken“, sagte Hofmann.

Nur 44 Prozent der Befragten fühlen sich ausreichend über die wirtschaftliche Lage und die Zukunftsaussichten ihres Betriebes informiert. Und lediglich jeder Zweite ist (eher) der Ansicht, dass es in seinem Betrieb eine Strategie gibt, die die langfristigen Herausforderungen wie die Digitalisierung oder Mobilitätswende berücksichtigt. Ähnliche Resultate hatten an der Stelle schon die früheren Befragungen gezeigt. „Die hohe Konstanz macht mich betroffen“, sagt Hofmann mit Verweis auf die seit Jahren diskutierte Transformation. „Mit verängstigten Belegschaften lässt sich keine Zukunft gestalten.“

IG Metall wagt mit Tarifforderung einen Spagat

Eine Zustimmung von zwei Dritteln aller Teilnehmer gibt es für die von der IG Metall angestrebten Vier-Tage-Woche mit Teillohnausgleich. Zugleich halten 71 Prozent der Beschäftigten Entgeltsteigerungen für (sehr) wichtig. Für Hofmann ist dieser Zwiespalt eine Bestätigung für die Forderung in der Tarifrunde: Bei den am 16. Dezember in Baden-Württemberg beginnenden Verhandlungen will die Gewerkschaft ein Gehaltsvolumen von vier Prozent durchsetzen, dass entweder zur Stärkung der Einkommen oder zur Beschäftigungssicherung durch Modelle mit geringerer Arbeitszeit verwendet wird.

Die Aufgabe sei, unterschiedliche Prioritäten in ein Gesamtkonzept zu bringen, sagte der Vorsitzende. Es gebe Kollegen, die noch immer wenig von der Rezession erlebt hätten – aber auch Belegschaften, die teilweise jetzt erst in Kurzarbeit gehen und „ins große Loch fallen“. Diese „wollen Beschäftigungssicherung bei möglichst hoher Stabilität der Einkommen“. Die Forderung sei der Versuch, „die Truppenteile zusammenzuhalten“.

Überbetriebliche Perspektiven sind gefragt

Angepeilt wird auch ein tariflicher Rahmen für betriebliche Zukunftstarifverträge, die von 88 Prozent der Beschäftigten für gut befunden werden: „Wir möchten, dass die Arbeitgeber sich nicht mehr verweigern können, mit der IG Metall und den Belegschaften konkret über die Perspektive von Standort und Belegschaften zu verhandeln.“ Ziel wäre eine Gesprächsverpflichtung der Gegenseite – noch nicht zwingend mehr Mitbestimmung. Auch die Notwendigkeit von Solidarität – wie sie ebenso in der Postkartenaktion zum Ausdruck kommen soll – wird in der Umfrage betont: 71 Prozent der Teilnehmer sprechen sich (eher) dafür aus, „gemeinsam laut zu werden, um für die Beschäftigung in der Region zu kämpfen“. Hofmann interpretiert dies als Erwartungshaltung an die IG Metall, „dass sie den engen Rahmen des Betriebs verlässt und im überbetrieblichen Kontext Perspektiven für die Industrie entwickelt“. Zukunftsfragen ließen sich nicht mehr allein vor Ort lösen. Regionale Ansätze mit neuen Geschäftsmodellen seien nötig. Daher sei er zufrieden, dass seit dem jüngsten Autogipfel „ordentlich Fördermittel für regionale Strukturpolitik im Raum stehen“.

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