Großeinsatz der Polizei Stuttgart hat ein Problem

Samstagnacht: Konfrontation in der Stuttgarter City. Foto: Andreas Rosar/Fotoagentur-Stuttgart

Stuttgart am Samstag. Der Tag: sonnig, die Menschen erwartungsvoll. Die Nacht: unruhig, gereizt, aggressiv. In Stuttgart tun sich Risse auf. Man muss sie dringend kitten, kommentiert Lokalchef Jan Sellner.

Stadtleben/Stadtkultur: Jan Sellner (jse)

Stuttgart - Der Hunger auf Stuttgart war wie erwartet groß: Tausende Menschen genossen am Samstag die Stadt und die neue Freiheit, die sich fast schon anfühlte wie die alte – trotz aller Beschränkungen, die Corona weiterhin erfordert. Flanieren in den Straßen, ausgehen, einkaufen, essen. Ein schönes Bild: Stuttgart lebt!

 

Groß war allerdings nicht nur der Hunger auf die Stadt, sondern an bestimmten Orten auch der Durst. Rund um die Freitreppe am Kleinen Schlossplatz floss Alkohol bis spät in die Nacht – trotz Verbots. Mehrere Hundert junge Leute deuteten die neue Freiheit dort in unbeschränkte Freiheit um. Ansprachen durch die Polizei gingen im Pfeifkonzert unter. Beamten schlug Aggression entgegen, sie wurden beleidigt und angegangen, irgendwann flogen Flaschen, mehrere Polizisten wurden verletzt, es kam zu Festnahmen. Hässliche Bilder mitten aus Stuttgart.

Eine Nacht, die einem Kopfzerbrechen machen muss

Der Begriff „Krawallnacht“ ist mit der Nacht vom 20. auf den 21. Juni 2020 belegt, als es in der Stuttgarter City zu massiver Gewalt gegen Polizeibeamte, zu Zerstörungen und Plünderungen gekommen war. In diese Kategorie gehört die Nacht vom Samstag auf Sonntag auch nach Einschätzung der Polizei nicht, auch wenn die Ereignisse erneut bundesweit negativ ausstrahlten. Zweifellos ist es jedoch eine Nacht, die einem Kopfzerbrechen machen muss. In erster Linie der Stadtpolitik, aber auch der Stadtgesellschaft als ganzer. Denn sie macht deutlich: Stuttgart hat ein Problem.

Der Lockdown kann keine Entschuldigung für Gewalttätigkeiten jedweder Art sein. Er bietet jedoch Erklärungsansätze für bestimmte Phänomene. Die Coronaeinschränkungen für junge Leute waren massiv. Eineinhalb Jahre lang konnten viele ihr Bedürfnis, sich zu zeigen und zu beweisen und vor allem zu feiern, nicht ausleben, weil es nichts zu Feiern gab und auch sonst vieles untersagt war. Gleichzeitig haben sich die beruflichen Perspektiven, insbesondere von weniger gut ausgebildeten Jugendlichen verschlechtert. Nach der Krawallnacht im vergangenen Jahr und ähnlichen Unruhen in Frankfurt stellte der Jugendforscher Klaus Hurrelmann „einen Mangel an Aggressionsabfuhr“ in der gesamten Gesellschaft fest. „Die meisten Menschen ertragen das, junge Männer jedoch nicht.“ Mit ihren nächtlichen Treffen versuchten sie, Beschränkungen aufzubrechen – „ein typisch männliches Muster“. Ähnlich gelagerte Vorkommnisse in Hamburg und Leipzig an diesem Wochenende deuten auf ein grundsätzliches Problem hin. Richtig ist allerdings auch, dass bestimmte Auswüchse in Stuttgart schon vor Corona festzustellen waren.

Perspektiven eröffnen und Grenzen setzen

Stuttgart hat nach den schockierenden Erfahrungen vom vergangenen Juni versucht gegenzusteuern – mit einem Runden Tisch, mit dem verstärkten Einsatz von Streetworkern. Wie fragil und zerbrechlich die Situation dennoch ist, zeigt sich jetzt in abgeschwächter Form wieder. Es braucht nur bestimmte Konstellationen, eine kritische Masse und ein paar Funken und es brennt wieder.

Was ist zu tun? Die vielfach geäußerte Empörung über die Krawallstimmung in der City, ist verständlich, hilft alleine aber nicht weiter. Ein nächtliches Verweilverbot, wie am Sonntag diskutiert, kann allenfalls eine Kurzfristlösung sein. Die Stadt muss vielmehr ihre Anstrengungen in der Prävention und bei der Integration nochmals verstärken. Sie muss den öffentlichen Raum gemeinsam mit Akteuren aus Kultur und Sport breit bespielen und konstruktiv besetzen. Sie muss jungen Leuten, die hier wohnen und die hierher kommen, gleichzeitig Perspektiven eröffnen und dort, wo nötig, klare Grenzen setzen.

Es mag Themen geben, die man abhaken kann, nachdem sie einmal aufgerufen und behandelt worden sind, das Thema der Samstagnacht gehört eindeutig nicht dazu. Die Jugend, die auch Stuttgarts Zukunft ist, muss die Stadt nachhaltig beschäftigen.

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