Die Sanierung des Esslinger Marktplatzes hat höchste Priorität im Rathaus. Zum Stadtjubiläum 2027 soll er schön aussehen. Doch es wird teurer als gedacht. Und einfach ist die Baustelle auch nicht: Zurzeit geht es nur unterirdisch voran.
Es ist ein mannshoher Tunnel mit einem Rundbogen, der an einigen Stellen sehr eng wird. Dunkel und mysteriös, filmreif. Wenn es viel regnet, fließt Abwasser in den Kanal. Man riecht es. Dann wird es Zeit, den Kanal zu verlassen, denn das Wasser schwillt schnell an.
Aber jetzt ist er begehbar. Einige Lichtstrahler stehen auf dem Boden. Männer in weißen Schutzanzügen spachteln eine Masse in das mittelalterliche Gemäuer des Geiselbaches, der unter dem Esslinger Marktplatz entlangläuft. Er endet an der Agnesbrücke, wo er in den Roßneckarkanal fließt, unter Umständen etwas durchmischt mit Abwasser.
Die Fugen müssen mit einem besonderen Material verfüllt werden
Es ist eine Spezialmasse, die die Arbeiter in die Ritzen drücken. Besser gesagt: Es sind verschiedene Massen, denn was hier abläuft ist ein großes Experiment. Die Spachtelmasse muss nämlich zwei Zwecke erfüllen. Zum einen soll sie das alte Mauerwerk stabilisieren. Zum anderen muss sie den Vorgaben des Denkmalschutzes genügen. Mit Mörtel aus dem Baumarkt kommt man da nicht weit. Und da es weit und breit keine Vorbilder für ein mittelalterliches Gewölbe gibt, das von aggressiven Dämpfen des Abwassers angegriffen wird, konnte auch nicht auf ein bereits bewährtes Material zurückgegriffen werden. Inzwischen haben sich drei Mischungen herauskristallisiert, die in einem Labor in Nürnberg liegen und dort auf ihre Tauglichkeit hinsichtlich ihrer stabilisierenden Funktion und ihrer Denkmalschutztauglichkeit geprüft werden.
Ein großer Aufwand, der in einer Ausschusssitzung in diesen Tagen bei den Esslinger Stadträten zu Fragen führte. Hier interessierte sich insbesondere Carmen Tittel von den Grünen dafür, warum es so kompliziert ist, den geeigneten Mörtel zu bekommen. Auch die Finanzierung interessierte die Stadträte sehr. Denn allein der Vorgang rund um die Mörtelbeschaffung kostet Zeit und Geld. Überhaupt kostet die Sanierung des Kanals sehr viel mehr als man bei der ursprünglichen Planung annahm.
Ohne Kanalsanierung keine Marktplatzsanierung
Doch das mittelalterliche Bauwerk muss gemacht werden. Nur wenn es stabil ist, kann im Anschluss der Marktplatz neu gestaltet werden. Und genau das ist das finale Ziel zum Stadtjubiläum 2027.
2027 – noch lange hin? Mitnichten. Der Zeitplan ist eng gestrickt. „Die Sanierungsmaßnahme muss weitgehend im Jahr 2025 umgesetzt werden, damit dann 2026 der Marktplatz saniert werden kann“, heißt es in dem Bericht. Daniel Weiss von der Kanalabteilung des städtischen Tiefbauamtes sprach auch von einem „sportlichen Ziel“. Stadtrat Andreas Koch stolperte in der Ausschusssitzung über die Wortwahl. „Wenn die Verwaltung sportlich sagt, kann das zweierlei bedeuten. Entweder sie signalisiert, dass es Probleme geben könnte, den Plan einzuhalten. Oder sie meint, alles tun zu wollen, damit es reicht.“ Koch geht davon aus, dass das Tiefbauamt „die Herausforderung bestehen wird“. Baubürgermeister Hans-Georg Sigel ist gleichfalls bester Dinge, dass es gut ausgeht und versprach: „Wir werden die Instandsetzung des Geiselbachkanals als auch die Neugestaltung des Marktplatzes mit hohem Tempo vorantreiben.“
Die Sanierung kostet mehr als gedacht
Das alles gibt es nicht umsonst. Ursprünglich wurde für die Kanalsanierung mit Kosten in Höhe von etwa 620 000 Euro geplant, heißt es in dem Bericht, der über den gegenwärtigen Stand informiert. Inzwischen rechnet die Verwaltung mit 1,85 Millionen Euro – fast eine Verdreifachung der geschätzten Summe. Die überplanmäßigen Ausgaben in den Jahren 2024 und 2025 von mehr als einer Million Euro sollen den Haushalt nicht belasten. Die Gelder werden umgeschichtet beziehungsweise an anderer Stelle eingespart. Begründet werden die Mehrausgaben unter anderem damit, dass der Kanal „gravierende Schäden und statische Defizite aufweist“. Die Erforschung der Stabilität, des Füllmaterials und des Kanals insgesamt sowie die herausfordernden Sanierungsarbeiten gehören dazu.
Eingepreist ist aber auch der Zeitdruck, denn Zeit ist Geld. Weil alles etwas schneller gehen muss, müssen verschiedene Maßnahmen ergriffen werden. Wenn zum Beispiel mehr Arbeiter im Tunnel beschäftigt sind, muss auch die Belüftung eine andere sein. Dass auch der Termindruck die Kosten in die Höhe treibt, steht nicht in dem Bericht, der den Stadträten vorgestellt wurde, kam aber zu Tage, als Andreas Klöpfer von der Ratsgruppe „WIR“ danach fragte. Unter den Gemeinderäten herrscht allerdings weitgehend Einigkeit, dass die Mehrausgaben gerechtfertigt sind.
Zusammenhang zwischen Kanalbau und Marktplatz
Hohlraum unter der Erde
Unter dem Marktplatz existiert eine zweite, für die Öffentlichkeit unsichtbare Welt. Etwa hundert Meter zieht sich der begehbare Kanal von der Augustingerbrücke bis zur Agnesbrücke. Wer mit wachen Augen über den Marktplatz geht, sieht Markierungen, die den Verlauf anzeigen – man kann den Weg also auch oberirdisch abgehen.
Vorfall im November
Deutlich sichtbar wurde der unmittelbare Zusammenhang zwischen Kanal und Platz im November 2023 vor den Gaststätten der Familie Kielmeyer. Um eine einsturzgefährdete Stelle auf dem Marktplatz zu sichern, mussten dort in einer Blitzaktion Stahlmatten eingezogen werden. Die Baustelle sorgte für einige Verwunderung, weil so eine schiefe Ebene entstand. Zehn bis zwölf Tische der Außengastronomie waren davon betroffen. Möglich, dass bei der Sanierung des Marktplatzes dieser Schönheitsfehler wieder ausgebessert wird.