Großes Energieprojekt im Kreis Böblingen Millioneninvestition auf alter Mülldeponie

Karges Land? Von wegen. Hier soll die Energie für die Zukunft erzeugt werden. Foto: Stefanie Schlecht

Auf der Dachsklinge in Sindelfingen soll eine Energiedrehscheibe entstehen. Die Stadt und der Landkreis wollen dort mit Partnern Strom und Wärme für das gesamte Netz produzieren und zigtausende Tonnen CO2 einsparen. Ob alles kommt, wie geplant, wird spannend.

Böblingen: Julia Theermann (the)

Von der Müllkippe zum Leuchtturmprojekt – diesen Karrieresprung soll die Dachsklinge bei Sindelfingen machen. Schaffen wollen ihn die Partner – die Stadt Sindelfingen und der Landkreis Böblingen sowie deren (Eigen)betriebe – mit der sogenannten Energiedrehscheibe Sindelfingen Nord. Bis die sich aber dreht, wie sich die Beteiligten das vorstellen, werden aber noch ein paar Jahre vergehen.

 

Vorhaben von immenser Dimension

Geplant ist unter anderem eine Erweiterung der bereits vorhandenen Photovoltaikanlagen am Südhang der ehemaligen Mülldeponie. Eine davon betreiben die Sindelfinger Stadtwerke, die andere die kreiseigene Naturstrom GmbH. Die neuen gemeinsamen PV-Module mit einer Leistung von 1350 Kilowatt befinden sich bereits im Bau und sollen bereits im April dieses Jahres ans Netz gehen. Mit ihnen soll Strom nicht nur für die weiteren auf dem Gelände geplanten Anlagen erzeugt werden, sondern auch für das gesamte Energienetz.

Die nächsten beiden Bausteine – die Biogasaufbereitungsanlage und die Kohlenstoffdioxid-Verflüssigung – sind von einer Gas-Pipeline abhängig, die erst noch gebaut werden muss. Sie wird die etwa 3,5 Kilometer lange Strecke zwischen der Dachsklinge und der aktuell im Bau befindlichen Vergärungsanlage in Leonberg überbrücken, an der neben dem Kreis Böblingen auch der Kreis Esslingen beteiligt ist. Der Bau der Leitungen könnte im April beginnen.

Methan und flüssiges CO2 aus Biomüll

Aus dem Biomüll beider Landkreise wird Rohbiogas, das zur Aufbereitung nach Sindelfingen geleitet wird. „So stellen die Bürger den Rohstoff für ihre Energie selbst zur Verfügung“, sagt Wolfgang Bagin, Geschäftsführer der Bioabfallverwertung Leonberg, die sowohl die Vergärungsanlage als auch die Aufbereitungs- und Abscheidungsanlagen baut. 2025 könnten sie in Betrieb gehen.

Durch die Aufbereitung des Rohgases entsteht Bio-Methan, das unter anderem zum Heizen oder als Treibstoff benutzt werden kann. Sindelfingen will damit unter anderem Fernwärme erzeugen und sich so unabhängiger von fossilem Erdgas machen. Ein Produkt der Aufbereitung ist auch Kohlenstoffdioxid (CO2). Das soll in Zukunft verflüssigt und dann an industrielle Abnehmer verkauft werden. Die Beteiligten rechnen mit bis zu 6000 Tonnen CO2 und 36 Millionen Kilowattstunden Bio-Methan pro Jahr. Das mache die Dachsklinge zu einer CO2-Senke, die mehr Kohlenstoffdioxid herausfiltert als in die Atmosphäre ausstößt. 7,5 Millionen Euro sollen die Anlagen zusammen kosten. Entstehen sollen die neuen Gebäude auf dem Häckselplatz in Sindelfingen.

Windkraft steht vor Hürden

Neben dem Betriebsgebäude des Asphaltproduzenten Makadamwerk Schwaben und hinter dem Häckselplatz soll zudem für bis zu 15 Millionen Euro ein Biomasseheizkraftwerk entstehen. Bauen wollen es die Stadtwerke Sindelfingen. Ein Teil der benötigten Biomasse könnte dann direkt vom Häckselplatz kommen. Mit einem Baubeginn wird nicht vor dem Jahr 2026 gerechnet.

Ein Wackelkandidat im Kreislauf der Energiedrehscheibe ist die Windkraft. „Wir haben vor zehn Jahren schon mal 300 000 Euro für eine Windkraftanlage investiert und uns eine Kopfnuss abgeholt“, erzählt Böblingens Landrat Roland Bernhard (parteilos). Damals wie heute geht es um die Sicherheit der Flugzeuge, die vom Stuttgarter Flughafen starten. Nun soll ein neuer Versuch unternommen werden. Der Sindelfinger Gemeinderat hatte sich zuletzt für den Bau von insgesamt zehn Windkraftanlagen auf städtischer Gemarkung ausgesprochen. „Damit würden wir landesweit einen ziemlich großen Beitrag leisten“, sagt Oberbürgermeister Bernd Vöhringer (CDU).

Der Landrat kündigt Action an

Auf der ehemaligen Deponie könnten sich bis zu drei Windräder drehen. Wann genau, ist aber noch offen. Denn es gibt Hürden – so die bereits erwähnte Flugsicherheit. „Hier wäre es angebracht, politische Initiative zu ergreifen“, sagt der Landrat. Er werde sich für das Thema stark machen. „Da muss mehr kommen von der Landesregierung.“

Insgesamt erhoffen sich die Partner von der Drehscheibe jährlich eine CO2-Ersparnis von 64 000 Tonnen und rund 161 Millionen Kilowattstunden Energieerzeugung.

Folgenschweres Feuer

Vergärungsanlage
 Die Vergärungsanlage, von der die Energiedrehscheibe Sindelfingen ihr Rohbiogas beziehen will, wird derzeit von der interkommunal getragenen Bioabfallverwertung GmbH Leonberg gebaut. Die Landkreise Böblingen und Esslingen kooperieren seit 2005 bei der Verwertung von Bioabfällen.

Der Brand
 Im Frühjahr 2019 wurde die Erweiterung der Vergärungsanlage beschlossen. Im selben Jahr brannte sie aus ungeklärten Gründen vollständig ab. Die Kosten für den Neubau der Halle und der Anlagentechnik für Vergärung, Methanisierung und CO2-Verflüssigung in Sindelfingen belaufen sich voraussichtlich auf rund 47 bis 48 Millionen Millionen Euro.

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