Aus dem Ufa-Palast ist ein „Lost Place“ geworden – eine spannende Kulisse für einen Konzertfilm ohne Publikum mit der Hip-Hop-Band Zweierpasch in der Reihe „WeLive“. Kann das Großkino, bevor es vielleicht abgerissen wird, öfter für Kultur genutzt werden?

Stadtleben/Stadtkultur: Uwe Bogen (ubo)

Stuttgart - Zehn Kameraleute sind im Kinosaal neun im ersten Stock des Ufa-Palasts verteilt, der im Juni 2020 nach 24 Jahren im Nordbahnhofviertel für immer geschlossen hat. Nach stundenlanger Vorarbeit ist das Licht perfekt eingestellt. Kabel mussten über Hunderte von Metern verlegt werden, weil nicht alle Steckdosen oben im Vorführraum funktionieren. Immer wieder haut es die Sicherung raus. Doch nun steht das Equipment. Die Show von Zweierpasch kann beginnen – großes Kino ohne Publikum!

So viel Aufwand wird sonst nur für Popstars betrieben. „Wir könnten uns den Dreh nie und nimmer leisten“, sagt Felix Neumann, der mit seinem Bruder Till Neumann samt Band unter dem Namen Zweierpasch für politischen Hip-Hop mit klarem Statement bekannt ist, unter anderem gegen einen Krieg in der Ukraine und für Friedensappelle nach Moskau. Für die Brüder reicht’s nah an einen Lottogewinn heran. „Wir bekommen nicht nur einen superprofessionellen Konzertfilm, sondern auch noch eine Gage“, freut sich Till Neumann.

Der Innovationsfonds des Kunstministeriums macht’s möglich

Möglich macht’s nicht allein der Innovationsfonds des Kunstministeriums Baden-Württemberg, sondern vor allem ehrenamtliche Leidenschaft. Zwei andere Brüder haben 50 000 Euro für das Projekt bekommen, die aber reichen nicht, um alle Beteiligten bezahlen zu können. Pirmin und Maik Styrnol heimsen mit bisher zwölf Konzertfilmen ihres Punchline Studios in der Reihe „WeLive“ viel Lob an – und erreichen Klicks in Millionenhöhe. „Wir wollen keine Konzerte streamen“, sagt Pirmin Styrnol, der in Stuttgart unter anderem als Sprecher und Redakteur für den SWR arbeitet, „sondern hochwertige Konzertfilme in spektakulären Kulissen drehen.“ Die staatliche Hilfe dafür fiel zu knapp aus. „Das geht nur durch Geldverzicht unseres Studios und dank der ehrenamtlichen Arbeit der Lahrer Rockwerkstatt.“

Einer dieser „Lost Places“ befindet sich unweit des Hauptbahnhofs und der Gleisanlagen, die für Stuttgart 21 verschwinden sollen. Mit 13 Kinosälen und 4300 Sitzen war der 1996 eröffnete Ufa-Palast das größte Multiplex in Süddeutschland. Dass es vor 18 Monaten für immer schließen musste, lag, da sind sich Branchenkenner einig, nicht allein an Corona. Der Palast hatte quasi „Vorerkrankungen“ – ein Grund könnte die Lage am Rande der City sowie die Großbaustelle für den unterirdischen Bahnhof direkt vor der Haustür sein. Vielen Unternehmen erging es so: Wer auf schwachen Füßen steht, fällt endgültig um, wenn in der Coronakrise nichts mehr geht.

Die Besitzer verschließen sich einer kulturellen Zwischennutzung nicht

Vor knapp einem Jahr hat die Isaria München Projektentwicklungs GmbH das Areal des Ufa-Palasts von der Soravia Group gekauft, die das Großkino an die Kinobetreiberfamilie Riech vermietet hatte. Das verkaufte Areal gehört zum Umfeld des neuen Quartiers, das im Rahmen von S 21 entsteht. Über den Verkaufspreis wurde – wen überrascht’s? – Stillschweigen vereinbart.

„Geplant ist eine urbane Mischnutzung“, sagt Martina Reuter, die Isaria-Sprecherin, auf Anfrage unserer Zeitung. Gerade laufe die erste Phase der Projektentwicklung. Bis Februar sollen die ersten Vorschläge der Architekten vorliegen und dann bewertet werden. Die Nutzung als Kino ist unwahrscheinlich. Es wird wohl auf Wohnungen, Einzelhandel und Büros hinauslaufen. Ob der Ufa-Palast abgerissen wird, sei noch nicht entschieden, so Reuter. Die meisten Lösungen, hört man, laufen auf den Abriss hinaus. Einen Termin, wann die Bagger kommen, gibt es nicht. Einer kulturellen Zwischennutzung verschließen sich die bayerischen Besitzer nicht. Ohne Corona wäre es freilich leichter, die leer stehenden Kinosäle etwa für Konzerte oder Partys zu nutzen.

Für Zweierpasch ist’s „ein Segen in harter Zeit“

Auf der Suche nach „Lost Places“ dachten die Styrnol-Brüder erst an die Villa Berg, die aber zum Drehen nicht sicher genug sei. Mithilfe des Kulturamtes kamen die Regisseure auf den Ufa-Palast – und rannten offene Türen ein. „Die Idee hat uns gut gefallen“, sagt Isaria-Sprecherin Martina Reuter. Daher habe man die Filmproduktion unkompliziert möglich gemacht – auch, um an einem ehemaligen kulturellen Ort etwas für die Kultur zu tun. Beim Dreh im Ufa-Palast waren 25 Personen beteiligt, darunter Ehrenamtliche der Lahrer Rockwerkstatt. Für Zweierpasch war’s „ein Segen in harter Zeit“. Klar, sei es „komisch“, wenn zwischen den Titeln kein Publikum klatscht. Dennoch sind die Hip-Hopper zur Höchstform aufgelaufen, aufgeladen vom großen Kino, das die Filmemacher am verlorenen Ort inszeniert haben.