Leslie Mandoki in seinem Element: Bald feiert der Musiker mit einem Konzert in Budapest sein Fluchtjubiläum. Foto: Attila Kleb
Leslie Mandoki ist vor 50 Jahren aus Ungarn geflüchtet. Am 21. August feiert das frühere Mitglied der Band Dschinghis Khan das Fluchtjubiläum mit einem Konzert in seiner Geburtsstadt.
Michael Werner
13.08.2025 - 17:00 Uhr
Leslie Mandoki umarmt seine Mitmusiker auf der Bühne gerne euphorisch. Er leitet mit dem ausgestreckten Präsentationsarm auch begeistert Applaus auf die Mitglieder seiner Band Mandoki Soulmates um, und manchmal dirigiert er sie mit der Rechten, während er mit der Linken ein bisschen Schlagzeug spielt und überdies unter seinem mächtigen Schnurrbart hervor zu lustvoll ausfransendem Progressive Rock von der Verantwortung für die Zukunft singt. Das Video, das einen Alleskönner in seinem Element zeigt, verbirgt sich unter einem von elf Links, den sein Büro ein paar Tage vor dem Telefongespräch mit dem Musiker, Produzenten und Extrem-Ermöglicher zur Vorbereitung per E-Mail verschickt.
Einen Tag später kommt per Post ein Buch von Leslie Mandoki, dessen Ausmaß und Gewicht es als Tatwaffe in der Münchener Villenviertel-Variante der Krimireihe „Tatort“ prädestinieren: „Sehnsucht nach Freiheit“ heißt das Buch, das mit Fotos von Budapester Pracht und sowjetischen Panzern anno 1956 illustriert ist, und natürlich mit nachdenklichen Bildern des langhaarigen Schnurrbartträgers Mandoki, der unter anderem über seinen Vater schreibt: „Seine Botschaft für mich war: ,Lebe deine Träume und träume nicht dein Leben.‘“
Zu Fuß durch den Eisenbahntunnel
„Und genau diese Sehnsucht nach Freiheit, nach freiem Denken und künstlerischer Selbstverwirklichung war schließlich der Antrieb für meine Flucht in den Westen“, schreibt der „gebürtige Ungar und im positivsten Sinne deutsche Patriot“ (Eigendefinition). Durch den Karawanken-Tunnel, der vom damaligen Jugoslawien nach Österreich führte, machte sich der junge „relativ berühmte Avantgarde-Rockmusiker und die Stimme der studentischen Opposition“ (Selbstbeschreibung) anno 1975 mit zwei Freunden zu Fuß auf den Weg. „Wir haben die Unterdrückung der Diktatur nicht aushalten können. Die Sehnsucht nach Freiheit war wesentlich stärker“, sagt er später im Interview: „Deshalb haben wir die lebensgefährliche Flucht über den Eisenbahntunnel auf uns genommen.“
Mandoki und seine beiden Freunde (von denen einer wie er Lázló hieß, weshalb er sich aus Gründen eindeutiger Zuruferkennung seit seiner Flucht Leslie nennt) wollten über Stockholm nach Amerika, „aber die dänische Grenzpolizei hat uns erwischt und nach Deutschland abgeschoben.“ Ohne ein Wort Deutsch zu sprechen, stellte Leslie Mandoki im Zentrallager für Asylbewerber in Zirndorf seinen Asylantrag: „Zweieinhalb Wochen nach meiner Antragsstellung habe ich in meinem Beruf auf Lohnsteuerkarte gearbeitet – als Schlagzeuger am Schwäbischen Landestheater.“
Womöglich weil seine eigene Erfolgsgeschichte relativ umstandslos vonstattengegangen zu sein scheint, ist der Mann, der sich mit einer gewissen Leidenschaft selbst als „illegalen Einwanderer“ bezeichnet, zu Überzeugungen gelangt, die in seinem weit verzweigten Freundeskreis voller Entscheidungsträger nicht immer konsensfähig sein dürften: „Nichts integriert mehr als Arbeit“, sagt Leslie Mandoki, „deshalb lehne ich komplett diese Einwanderungspolitik ab, die darauf abzielt, die Leute nicht arbeiten zu lassen und sie in Rechtsunsicherheit ohne die Erfahrung der Selbstwirksamkeit in einer in jeder Hinsicht instabilen Lage zu lassen.“
Er sagt über das Land, das ihn in den Siebzigerjahren aufgenommen hat: „Deutschland war verliebt in das Gelingen und strotzte vor Energie.“ Er beklagt eine Veränderung, die einem Macher-Typen, den man wahrscheinlich als glühenden Antikommunisten bezeichnen muss, widerstrebt: „Wir haben nicht das aus der Freiheit gemacht, was wir hätten machen müssen.“ Das Deutschland, das der Geflüchtete „aus einem dysfunktionalen kommunistischen Land, das von den Russen besetzt war“ anfangs kennenlernte, sei ein „pluralistisches Paradies“ gewesen, aber „seit Corona leben wir in einer gespaltenen Gesellschaft.“ Und der progressive Musiker, der in seiner alten Heimat militärische Präsenz gewohnt war, mochte die Friedensbewegung in Deutschland: „Dieses friedfertige Land war meine Welt. Heute ist Deutschland stolz darauf, kriegstüchtig zu sein.“
Zustimmungsfähiges und Anstößiges für alle
In seinen Kolumnen für das Magazin „Focus“ wirbt Mandoki zugleich für Wirtschaftsliberalismus und für Pazifismus, er geißelt einen vermeintlichen „Angriff auf das Leistungsprinzip“ ebenso unerbittlich wie „Egoismus und Gier“. Er wirbt für Klimabewusstsein, warnt vor „dem totalen Hedonismus“, hält Einwanderung zwar grundsätzlich für eine Bereicherung aber sorgt sich zugleich um den Erhalt eines „Wertekanons“ in Deutschland. „Leitkultur ist für mich kein verbranntes Wort, weil es in Deutschland Toleranz bedeutet“, sagt er im Interview. Manchmal hat man das Gefühl, dass Leslie Mandoki seine Trommeln nur deshalb nicht Schwarz-Rot-Gold anmalt, weil er als Musikproduzent so viel zu tun hat, und in seinen Kolumnen können Anhänger aller im Bundestag vertretenen oder knapp an der Fünfprozenthürde gescheiterten und gnadenlos herausgewählten Parteien aus ihrer jeweiligen Perspektive Zustimmungsfähiges und Anstößiges finden.
Bei Leslie Mandokis Philosophiekreis am heimischen Kamin am Starnberger See diskutierten Politiker wie Edmund Stoiber und Unternehmer wie Erich Sixt über Kant und Nietzsche. Bei der Feier zum 30. Geburtstag seiner Band Mandoki Soulmates hielten Anfang 2023 Markus Söder, Lars Klingbeil, Claudia Roth, Christian Lindner und Peter Maffay Festreden im Münchner Künstlerhaus. Leslie Mandoki hat für Angela Merkel Wahlkampfmusik produziert, und 2013 trat er für die CSU bei der bayerischen Landtagswahl an, ausnahmsweise nicht erfolgreich. Stoiber habe ihn mit den Worten „Dein Land braucht dich“ darum gebeten. Er habe sich geehrt gefühlt, sagt Mandoki, der nicht unglücklich darüber gewesen sei, dass es mit dem Sitz im Landtag nicht geklappt hat, denn „ich bin ein Freigeist“. Er verstehe sich als Brückenbauer: „Ich bin nicht der Ansicht, dass nur noch Leute zusammenkommen sollten, die in allem einer Meinung sind.“
Global Aktiv: Mandoki Soulmates in New York Foto: Red-Rock Production/John Ricard
Auch wenn nur 800 Stimmen für das bayerische Direktmandat fehlten – seinen ersten Wohnsitz in Deutschland hatte Leslie Mandoki nach seiner Flucht, deren 50. Jahrestag er am 21. August mit einem „50 Jahre Sehnsucht nach Freiheit“ betitelten Gratiskonzert der Mandoki Soulmates auf dem Budapester Dreifaltigkeitsplatz feiert, in Baden-Württemberg, genauer gesagt in der Panoramastraße 33 in Gerlingen. Über eine „Tausend-Ecken-Verbindung“ wohnte er dort ein Dreivierteljahr lang bei einer Familie, die gerade ein Zimmer frei hatte, weil ihre Tochter in London studierte. „Die Menschen waren herzlich und verständnisvoll“, erzählt er, und dass er seine Gastgeber noch Jahre später Mutti und Vati genannt hatte.
Vier Jahre nach seiner Ankunft in Gerlingen war der ambitionierte musikalische Grenzenausloter plötzlich Popstar wider Willen: Beim Auftritt der Gruppe Dschinghis Khan beim Eurovision Song Contest 1979 rief der Schnurrbartträger als Dritter von rechts ausdauernd „Hu!“ und „Ha!“ in sein Mikrofon und tanzte mit nacktem Oberkörper zu Songzeilen wie „Lasst noch Wodka holen, ho, ho ho ho! Denn wir sind Mongolen, ha, ha, ha, ha!“
Abgeholt und Anerkannt in New York
„Das war hart“, sagt Leslie Mandoki 46 Jahre später am Telefon, „ich habe damit gehadert.“ Es sei ihm sehr wichtig gewesen, seine Wurzeln als progressiver Rockmusiker zu schützen. Andererseits habe ihm der Musikmanager Monty Lüftner versprochen, ihn als Gegenleistung für den Job bei Dschinghis Khan nach Amerika zu bringen. Er hat Wort gehalten, und Mandoki Soulmates sind heute global aktiv: „Wenn ich auf dem Times Square in New York eine Leuchtreklame mit einem Zitat aus der wichtigsten Musikzeitschrift ,Rolling Stone‘ sehe, die unser aktuelles Album ,A Memory of Our Future’ als ,a modern time’s masterpiece‘ bezeichnet, dann fühle ich mich schon abgeholt und anerkannt“, sagt der 72-jährige Musiker.
Mit seinem fein nuancierten und weit ins kreativ percussive Terrain reichenden Schlagzeugspiel treibt Leslie Mandoki auf diesem spaßeshalber komplett analog produzierten Album Spitzenkönner wie den Gitarristen Al di Meola, den Flötisten Ian Anderson, den Trompeter Till Brönner, den Saxofonisten John Helliwell und viele mehr zu prallem jazzverliebten Progressive-Rock an – inklusive spektakulär umknickender Basstöne, waghalsiger Kurzurlaub-Solis und organisch überschäumender Spielfreude. Arrangements und Performaces sind zuverlässig von jener selten gewordenen Spitzenqualität, die Musikgenießer zu entzücken vermag und zugleich Familien beim Großeinkauf im Supermarkt nicht stört.
Leslie Mandoki in Budapest Foto: Emmer László-HGMedia.tif/Dalma Tarapcsák
Doch das alleine genügt Leslie Mandoki nicht: Der Bandleader lädt sein musikalisches Schaffen gerne mit politischer Bedeutung auf: „Es geht darum, dass ich jetzt die gleiche Musik spiele, die ich damals in Ungarn mit meiner Band auch gespielt habe – und dieses Jahr wurden wir in der amerikanischen Rock ’n’ Roll Hall of Fame dafür gefeiert“, sagt er, „damals war ich der Meinung, dass Progessive Rock eine gesellschaftliche Bedeutung hat. Das empfinde ich immer noch so.“ Ein paar Tage nach dem Interview schickt er eine lange E-Mail mit einem Satz, dessen Expeditionsvokabular er ein paar Monate zuvor schon in einer seiner Kolumnen zu einer ähnlichen Botschaft zusammengefügt hatte. In der E-Mail lautet der Satz so: „Die Welt befindet sich in einem Labyrinth der Krisen ohne Kompass, umso mehr müssen wir Musiker darauf hinwirken, dass wir gemeinschaftlich diesen Kompass wiederfinden.“ Dafür schreibe er die Songs.