Auf dem Bau herrschen raue Sitten. Deshalb gibt es auch für die Lokalhonoratioren kein Pardon. Trotz des stetig herniedergehenenden Regens müssen sich der Landrat, der Oberbürgermeister und der Vorstandschef aus dem Schutz der Regenschirme herauswagen. Doch Roland Bernhard, Martin Georg Cohn und Michael Fritz sind tapfer: Schließlich gilt es, den Grundstein für den Neubau der Kreissparkassen-Direktion in Leonberg zu legen.
Und nicht nur das: Damit verbunden ist ein Quartier mit 71 Wohnungen, unmittelbar am Rande der Altstadt. Wenn das kein Grund ist, den Tropfen von oben zu trotzen und das Innere des Betonsteins mit einer Ausgabe unserer Zeitung, einem Sparbuch und zwei Spielzeugmännchen zu bestücken, die nachfolgenden Generationen zeigen sollen, wie die Welt so war, anno 2023.
Früher noch eine eigenständige Kreissparkasse Leonberg
Dort wo die Stuttgarter Straße in die Grabenstraße mündet, hat das Kreditinstitut schon lange seinen Sitz: 1960 eröffnete dort die seinerzeit noch eigenständige Kreissparkasse Leonberg eine für damalige Verhältnisse moderne wie repräsentative Zentrale.
Mittlerweile hat sich nicht nur der Namen geändert. Im Zuge der Kommunalreform wurden vor 50 Jahren weite Teile des Kreises Leonberg dem Kreis Böblingen zugeschlagen. Auch die Sparkasse firmiert seither unter diesem Titel. Eine Direktion des größeren Geldinstitutes blieb aber am Engelberg. Bis heute ist der Geschäftsbereich Leonberg, zu dem Renningen, Rutesheim, Weissach und Weil der Stadt gehören, der zweitgrößte in der gesamten Kreissparkasse.
Für den Vorstand also keine Frage, die Weichen für eine langfristige Zukunft in Leonberg zu stellen. Vor gut vier Jahren stellte der damalige Vorstandschef Detlef Schmidt die Pläne für einen Direktionsneubau und für ein Viertel mit 71 Wohnungen, 25 Prozent davon sozial gefördert, vor.
Während beim Oberbürgermeister Martin Georg Cohn (SPD) und Baubürgermeister Klaus Brenner offene Türen eingerannt wurden, gab es im Gemeinderat unterschiedliche Reaktionen. Zu hohe Gebäude könnten die hinter dem Sparkassengelände liegenden Wohnhäuser der Unteren Burghalde buchstäblich in den Schatten stellen. Die Grabenstraße wiederum könnte zu einer Art Schlucht werden, waren die Argumente der Kritiker, insbesondere aus den Reihen der Grünen und der Freien Wähler.
Vorstand lässt Projekt erstmal platzen
Nachdem der Planungsausschuss als Fachgremium im Januar 2020 mit hauchdünner Mehrheit die Pläne abgelehnt hatte, riss beim Sparkassenvorstand der Geduldsfaden. Detlef Schmidt verkündete das „Aus“.
An diesen denkwürdigen Freitag erinnert der Oberbürgermeister am Mittwoch bei der Grundsteinlegung: „Dr. Schmidt rief mich an, dass am Samstag in der Zeitung steht, dass das Projekt geplatzt ist“, berichtet Martin Georg Cohn von einem aufregenden Wochenende vor gut drei Jahren, an dem die Drähte heiß glühten. „Am Dienstag stand dann das Gegenteil in der Zeitung.“ Die Stadträte, die Rathausspitze und die Chefetage der Sparkasse hatten sich doch noch zusammengerauft. Die Gefahr, in Zeiten größter Wohnungsnot, 71 neue Einheiten mitten in der Stadt zu riskieren, war zu groß.
Das alte Gebäude wurde im Winter 2020/2021 abgerissen, seit sechs Monaten laufen die Bauarbeiten für den Neubau. Christof Teige vom Stuttgarter Architektenbüro Auer und Weber, das den Siegerentwurf erstellt hat, geht davon aus, dass mit Beginn des kommenden Jahres der Direktionsbau hochgezogen werden kann und in der Weihnachtszeit 2024 bezugsfertig ist. Das benachbarte Wohnquartier wird einige Monate länger dauern.
Sparkasse investiert insgesamt rund 50 Millionen Euro
Der Vorstandsvorsitzende Michael Fritz geht davon aus, dass die Sparkasse 80 Prozent des Bürogebäudes selbst nutzt. Den Rest will sie vermieten. 50 Menschen werden am neuen Sitz in Leonberg arbeiten. Die Gesamtinvestition beziffert Fritz mit rund 50 Millionen Euro.
Auch der alte Chef lässt sich zur Grundsteinlegung blicken. „Ich bin froh, dass es noch geklappt hat“, grinst Detlef Schmidt.