Großprojekt in Stuttgart Weniger Parkplätze, mehr Platz für Fußgänger: die City wird umgebaut

Die Tiefgarage unter dem Schillerplatz ist eines von mehr als 20 Parkhäusern innerhalb des Cityrings. Foto: Leif Piechowski

Mehr Lebensqualität, weniger Autoverkehr: Stuttgarts Innenstadt wird sich in den nächsten Jahren stark verändern. Dabei fallen Parkplätze weg – aber ist der Aderlass für Autofahrer wirklich so dramatisch? Ein Überblick.

Bis zum Jahr 2035 will die Stadt Stuttgart eine „Lebenswerte Innenstadt“. So ist das Vorhaben betitelt, das zum Ziel hat, den gesamten Bereich innerhalb des City-Rings umzugestalten. Und zwar so, dass er für Passanten, Radfahrende, aber auch für die dort lebenden Menschen attraktiver wird. Neben einer optischen Aufwertung der Straßen, Plätze und Grünanlagen sollen vor allem die Bedingungen für den Fuß- und Radverkehr verbessert werden.

 

Weite Teile der Innenstadt werden deshalb seit diesem Jahr stufenweise umgebaut. Trennende Elemente wie Fahrspuren und Bürgersteige entfallen. 14 Straßenzüge sollen schrittweise neu gestaltet werden: von der Lautenschlagerstraße und Bolzstraße über die Dorotheenstraße, Gerber- und Christophstraße bis zur Gymnasiumstraße. Entlang dieser Straßen sollen Stellplätze durch Sitzmöglichkeiten, Bäume, Radspuren oder Platz für Außengastronomie ersetzt werden.

Pkw-Verkehr reduzieren

Um all das umsetzen zu können, muss der Pkw-Verkehr innerhalb des City-Rings reduziert werden. Nach wie vor sind zu viele Autos unterwegs. Einen großen Anteil macht der Parkplatzsuchverkehr aus. Aus diesem Grund werden in den kommenden Jahren innerhalb des City-Rings etwa 300 oberirdische Stellplätze wegfallen; ausgenommen Behindertenparkplätze, Taxistände und Anlieferungszonen. Eine stattliche Anzahl – allerdings nur auf den ersten Blick. Denn die Stellplätze am Straßenrand machen laut Stadtverwaltung nur knapp fünf Prozent des Gesamtangebotes aus.

2300 Parkplätze in Nähe zum City-Ring

Wo also sind die restlichen 95 Prozent des Stellplatzangebots? „Im Stuttgarter Innenstadtbereich gibt es rund 45 Tiefgaragen und Parkhäuser beziehungsweise größere oberirdische Parkplatzanlagen, die öffentlich zugänglich sind“, sagt Jacqueline Albinus von der Abteilung Kommunikation der Stadt Stuttgart. Allein innerhalb des City-Rings befinden sich mehr als 20 große Parkbauten mit einer Gesamtkapazität von rund 6000 Stellplätzen. „Sie verteilen sich dabei relativ gleichmäßig über alle inneren Erschließungsbereiche“, sagt die Stadtsprecherin.

Ein Schwerpunkt liege jedoch in der nördlichen Hälfte beim Hauptbahnhof und dem Oberen Schlossgarten mit einer Kapazität von rund 2000 Parkplätzen. „Unmittelbar am City-Ring und somit ebenfalls in fußläufiger Entfernung zum inneren Bereich befinden sich noch weitere Parkbauten mit einer Kapazität von rund 2300 Parkplätzen“, erläutert Albinus.

Foto: Stadt Stuttgart/Grafik: Yann Lange

Breuninger-Parkhaus bereits abgerissen

Berücksichtigt werden muss allerdings, dass diese Zahlen aus dem Jahr 2019 stammen. Dies wirkt sich auf die Gesamtsituation aus. Seither ist das Breuninger-Parkhaus mit seinen gut 650 Stellplätzen abgerissen worden. Das Parkhaus Steinstraße am ehemaligen Kaufhof ist aus Brandschutzgründen gesperrt. 40 der insgesamt 200 Stellplätze sind seit Juni für Kurzparker wieder nutzbar, nachdem die Brandschutztüren im Treppenhaus nachgerüstet wurden. Wie es generell weiter gehen soll mit dem Parkhaus, soll eine Machbarkeitsstudie klären. Sobald die Ergebnisse vorliegen, will die Verwaltung über das weitere Vorgehen zur Öffnung der unteren Stockwerke für den Kurzzeitparkbetrieb entscheiden.

Das Breuninger-Parkhaus ist abgerissen. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Sitzen statt Parken

Die Eberhardstraße ist als Pilotprojekt seit längerem baulich umgestaltet. Zuvor schon zur Fahrradstraße deklariert, fiel dort nun auch der Parksuchverkehr weg, wodurch sich der Gesamtverkehr weiter reduzierte. An der Dorotheenstraße wurden ebenfalls bereits Vorabmaßnahmen ohne große bauliche Eingriffe umgesetzt. „Die dort vorhandenen Seitenbereiche zum Parken wurden zu Flächen zum Verweilen verändert, etwa durch Pflanzkübel mit Sitzgelegenheit“, sagt Jacqueline Albinus. Eine Veränderung, die vor allem die Markthallenbeschicker kritisieren. Obwohl für deren Kunden in unmittelbarer Nähe zwei große Tiefgaragen mit rund 450 Stellplätzen zur Verfügung stehen, sprechen die Einzelhändler von einem „massiven Umsatzrückgang“ und einer „Bedrohung ihrer Existenz“.

Wie es mit dem Kaufhof-Parkhaus weitergeht, ist noch offen Foto: Lichtgut// Leif Piechowski

Die Lautenschlagerstraße im Abschnitt zwischen Bolz- und Thouretstraße wurde im Rahmen eines Verkehrsversuchs ebenfalls beruhigt und zu einer Fahrradstraße umgestaltet. Auch die Tempo-20-Regelung für die Erschließungsstraßen innerhalb des Cityrings, die seit April 2022 gilt, ist Teil des Gesamtkonzepts.

Radwege entlang der „Theo“

Durch die Umgestaltung des Joseph-Süß-Oppenheimer-Platzes wird aktuell die Rathausschleife vom Stadtplanungsamt neu untersucht. „Hierbei soll geprüft werden, inwiefern die Neue Brücke und die Schmale Straße zu Fußgängerzonen erweitert werden können“, sagt Jacqueline Albinus. Darüber hinaus stünden auch die bauliche Planung für die Umgestaltung der Dorotheenstraße und somit die Erschließung der Karlsschleife an. Ebenfalls auf der Agenda der nächsten zwei Jahre: die Geißstraße sowie die Theodor-Heuss-Straße, an der ein beidseitiger Radweg nach neuen Standards entstehen werden soll. Anschließend (2026 bis 2030) folgen Umbaumaßnahmen der Kronprinzschleife, der Rathausschleife und der Königsschleife.

Der Joseph-Süß-Oppenheimer-Platz wurde neu gestaltet. Foto: Lichtgut//Julian Rettig

Gerberviertel macht den Abschluss

Zum Abschluss des Gesamtprojekts gehört neben dem Bereichen Bahnhofsvorplatz/Schillerstraße und der Sophienstraße auch die Gerberschleife (2031 bis 2035). In diesem Bereich gibt es – im Gegensatz zur restlichen Innenstadt – einen höheren Anteil an Wohnungen. Hier möchte die Stadt zusammen mit den Anwohnern nach Lösungen suchen. Zum Beispiel in den dort vorhandenen Parkhäusern. Platz wäre vorhanden, denn Untersuchungen haben ergeben, dass die Auslastung der Parkhäuser und Tiefgaragen innerhalb des City-Rings sowohl werktags wie auch am Wochenende im Schnitt unter 50 Prozent liegt.

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