Großrazzia in Ellwangen Alassa verklagt die Polizei
Auf der Flucht von Kamerun nach Deutschland hat Alassa Mfouapon alles verloren. Aber er hat gelernt, für sein Recht zu kämpfen, sagt er. Jetzt prozessiert er gegen die Landespolizei.
Auf der Flucht von Kamerun nach Deutschland hat Alassa Mfouapon alles verloren. Aber er hat gelernt, für sein Recht zu kämpfen, sagt er. Jetzt prozessiert er gegen die Landespolizei.
Ellwangen/Stuttgart - Für die „Bild“-Zeitung ist er der „Skandal-Asylbewerber“ gewesen: Immer „mittendrin“, wenn es in der Landeserstaufnahmestelle (Lea) in Ellwangen Randale gab. Die AfD-Chefin im Bundestag, Alice Weidel, nannte ihn einen „Rädelsführer“ von Tumulten. Und ihr Fraktionskollege Thomas Seitz meinte sogar, wegen Leuten wie ihm solle man in Deutschland über die Wiedereinführung der Todesstrafe nachdenken.
Richtig ist, dass Alassa Mfouapon, geboren im Juni 1989 in Kouti/Kamerun, ein Mann ist, der gelernt hat, für sein Recht zu kämpfen. Die „Bild“, Alice Weidel und einen rechtsradikalen Verlag hat er schon erfolgreich verklagt. Die eingangs erwähnten Aussagen dürfen sie mangels Belegen nicht wiederholen. Diese Woche bringt Mfouapon nun die baden-württembergische Landespolizei vor Gericht.
„Wir sind Flüchtlinge, keine Verbrecher“, lautet seine Kernbotschaft, seit den Geschehnissen im Frühling 2018. Damals war die Ellwanger Lea plötzlich bundesweit in die Medien geraten. Die Polizei hatte die nächtliche Abschiebung eines Asylbewerbers aus Togo abgebrochen, nachdem mehrere Dutzend Bewohner zusammengelaufen waren. Vertreter der Polizeigewerkschaft lancierten das Ereignis an die Öffentlichkeit. Von einem Kontrollverlust des Staates war die Rede. Der reagierte: Drei Nächte später kehrte die Polizei mit 500 Beamten zurück.
War die Großrazzia rechtens? Oder bedurfte sie einer richterlichen Anordnung, weil die grundgesetzlich garantierte Unverletzlichkeit der Wohnung auch für Zimmer einer Gemeinschaftsunterkunft gilt? Darum geht es am Donnerstag vor dem Stuttgarter Verwaltungsgericht.
Mfouapon lebte damals in der Lea. Mit Frau und Kind war er aus Kamerun geflüchtet, in Libyen wurde er von seiner Familie getrennt, das Zweijährige starb bei der Überfahrt übers Mittelmeer. In der Lea galt der gelernte Marketingmanager aufgrund seiner guten Englisch- und Französischkenntnisse als Vertrauensperson. Wenige Tage nach der Razzia organisierte er eine große Flüchtlingsdemo in der Kleinstadt. „Was viele nicht wissen: wir hatten schon vor den Ereignissen entschieden, an die Öffentlichkeit zu gehen“, erinnert sich Mfouapon.
Gerade unter den afrikanischen Asylbewerbern in der Lea herrschte pure Verzweiflung. Während sie die Syrer kommen und gehen sahen, stockten ihre eigenen Verfahren. Es ist die Dublin-Regel: Demnach werden die Asylfälle dort bearbeitet, wo zuerst der Boden der EU betreten wurde. Für die meisten ist das Italien.
Auch Mfouapon wird im Juni 2018 dorthin abgeschoben. Ein halbes Jahr später, nach Ablauf seiner Einreisesperre, ist er wieder da. Unterstützer, die vor allem aus dem linken Milieu stammen, holen ihn nach Stuttgart und präsentieren ihn als Überraschungsgast bei ihrer Weihnachtsfeier. Die Zeit seither hat Mfouapon genutzt. Interviews kann er längst auf Deutsch führen. Bei der Mediengruppe „Neuer Weg“, einem linken Verlag in Essen, hat er eine Ausbildung als Mediengestalter begonnen. Der Ausgang seines Asylverfahrens ist noch offen. Immerhin, Dublin spielt keine Rolle mehr. Der deutsche Staat hat den Fall übernommen.