Grün-Schwarz beim muttersprachlichen Unterricht uneins Keine Staatsaufsicht für Türkischunterricht

Von Reiner Ruf 

Die Kultusministerin hegt keine Ambition, den Sprachunterricht für Kinder aus Migrantenfamilien unter die Aufsicht des Landes zu stellen. Die Grünen halten das für falsch und fordern einen Modellversuch.

Türkisch und Italienisch sind beim Unterricht in der Muttersprache gefragt. Foto: dpa
Türkisch und Italienisch sind beim Unterricht in der Muttersprache gefragt. Foto: dpa

Stuttgart - Der türkische Konsulatsunterricht an den Schulen ist umstritten, weil die baden-württembergische Kultusverwaltung keinen Einfluss darauf hat. Doch Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) denkt nicht daran, diesen Sprach- und Kulturunterricht unter die Aufsicht des Landes zu stellen. „Ein Modellwechsel ist derzeit nicht geplant“, schreibt die CDU-Politikerin in ihrer Antwort auf eine Parlamentarische Anfrage der Grünen-Abgeordneten Sandra Boser und Daniel Lede Abal. Das halten die Grünen-Abgeordneten für falsch. Grünen-Fraktionsvize Boser betont die „wichtige integrationspolitische Bedeutung des muttersprachlichen Un­terrichts“ und verlangt einen „Modellversuch, wie ein Unterrichtsformat mit in Baden-Württemberg ausgebildeten Lehrerinnen und Lehrern aussehen könnte“. Notwendig sei ein „neues Verständnis, was muttersprachlicher Unterricht leisten soll“. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigten, dass die Herkunftssprache eine entscheidende Rolle für die weitere Entwicklung von Identität, Denkstrukturen, Wissenserwerb und Ausdrucksvermögen spielte, argumentiert Boser.

Der Konsulatsunterricht entspringt einer europäischen Richtlinie zur schulischen Betreuung von Kindern sogenannter Wanderarbeitnehmer aus dem Jahr 1977. Damals gingen die Behörden noch davon aus, dass die „Gastarbeiter“ in großer Zahl in ihre Herkunftsländer zurückkehren würden. Darauf sollten die Kinder vorbereitet werden.

Der deutsche Bildungsföderalismus entwickelte zwei Modelle für den „muttersprachlichen Zusatzunterricht“. Bundesländer wie Rheinland-Pfalz, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen nahmen den Unterricht in die eigene Hand: Sie entwickelten Lehr- und Bildungspläne für den Unterricht, der von Lehrkräften erteilt wird, welche entweder die jeweiligen Sprachen studierten oder aber als Muttersprache erlernten und entsprechend qualifiziert wurden. Es handelt sich um Beamte oder Angestellte des jeweiligen Bundeslandes. Auch Honorarkräfte kommen infrage.

Ministerpräsident Kretschmann regte Überprüfung an

Baden-Württemberg entschied sich für das Konsulatsmodell, bei dem die Herkunftsländer den Unterricht verantworten. „Das schließt die Verantwortung für die Ausgestaltung von Lehr- beziehungsweise Bildungsplänen oder im Unterricht eingesetzte Lehrmaterialien ebenso ein wie die Verantwortung für die Gewinnung, den Einsatz und die Vergütung der Lehrkräfte“, schreibt Ministerin Eisenmann. Nach dem Wettersturz in den deutsch-türkischen Beziehungen in Folge des gescheiterten Militärputsches im Sommer 2016 regte sich teils harsche Kritik am Konsulatsmodell, weil man eine integrationshemmende Einflussnahme der aus der Türkei entsandten Lehrer auf die Schüler befürchtete. Auch Ministerpräsident Winfried Kretschmann regte eine Überprüfung des Konsulatsmodells an.

Dass es jetzt doch dabei bleibt, hat finanzielle Gründe. Bis zu 57 Millionen Euro im Jahr betragen nach Angaben des Kultusministeriums allein die Kosten für die Lehrerdeputate. Dabei wird allerdings unterstellt, dass ein staatliches Unterrichtsangebot wesentlich mehr Schüler anziehen würde als derzeit im Konsulatsmodell. Im Schuljahr 2017/18 erreichte der muttersprachliche Zusatzunterricht in Baden-Württemberg insgesamt 38 509 Schüler aus 14 Herkunftsländern. Die Zahl geht konstant zurück, im Schuljahr 2010/11 waren es noch 54 065 Schüler gewesen. Die bei weitem größte Gruppe entfällt auf den türkischen Konsulatsunterricht mit aktuell 22 493 Schülern. Es folgt der italienische Konsulatsunterricht mit 6987 Schülern.