Grün-Schwarz Cem Özdemir hat es auch nicht immer leicht

Cem Özdemir hört konzentriert zu, wenn sein Verhandlungspartner Manuel Hagel (CDU, vorne) spricht. Foto: Marijan Murat/dpa

Den alten Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann hätte die CDU gern adoptiert. Seinen Nachfolger Cem Özdemir würden sie am liebsten auf den Mond schießen.

Fast drei Wochen nach Beginn der Gespräche zwischen Grünen und CDU über eine neue Landesregierung stellen sich keine warmen Gefühle ein – weder bei den Verhandlern, noch bei den Beobachtern. Man muss das gesehen haben, wie der Grünen-Anführer Cem Özdemir bei einem der wenigen Pressestatements am Mikrofon steht mit einem Gesicht, das einem vertraut vorkommt, weil es an den freundlichen Onkel aus der Kindheit erinnert, der verführerisch mit einer Tüte Schoko-Ostereier wedelt und so viel Wärme ausstrahlt wie die Sonne an einem heißen Sommertag.

 

Doch die Kinder trauen dem Onkel nicht recht; sie fremdeln, denn zuhause wird schlecht über ihn geredet. Lange habe der Onkel in der Fremde gelebt, wispern die Eltern, und wenn er auch regelmäßig in der Heimat gesehen worden sei, so wisse man doch, dass Menschen aus Sündenmetropolen wie Berlin oder Brüssel nur Hoffart, dumme Ideen und überhaupt Fremdes mitbrächten. Einige in der Verwandtschaft raunen, der Onkel gehöre gar nicht zur Sippe; ein Kuckuckskind sei er, dem eigenen Geschlecht ins Nest gelegt. Also nichts gegen den Onkel, wenn er denn ein solcher sei, doch täte er besser daran, still in der Ecke zu sitzen.

In Wahrheit lockt Özdemir die misstrauische CDU nicht mit Keksen, sondern mit einem „Regieren auf Augenhöhe“ und einer gleichmäßigen Machtverteilung. Er weiß um die überragende Bedeutung des Ministerpräsidentenamts in der Landespolitik. Von den anderen Akteuren nimmt die Öffentlichkeit, wenn überhaupt, nur wenig Notiz. Auch der CDU ist dieses Phänomen bekannt, weshalb es sie so sehr schlaucht, das Staatsministerium verfehlt zu haben. Özdemir befleißigt sich deshalb einer besonderen Empathie im Umgang mit den Christdemokraten, deren Seelenschmerz er als ehemaliger Sozialpädagoge mit Wertschätzung und Zuspruch zu lindern sucht. Ganz seelsorgerlich tritt er auf. Die Reaktionen darauf sind arg verhalten. Manche CDUler starren ihn an, als begegne ihnen der Höllenfürst. Als fürchteten sie ums christliche Abendland.

Wobei man, nebenbei bemerkt, in der CDU von heute das Wissen über das christliche Abendland nicht allzu vertieft abfragen sollte. Da verhält es sich nicht anders als mit anderen Leitbegriffen des Konservativismus. Die Geschichte zeigt: Die Leute, die am meisten und am lautesten über Patriotismus reden, verschwinden bei Gefahr im Verzug am schnellsten hinterm Gebüsch. Und die Oberchristlichsten zeigen sich nicht selten als die Eigensüchtigsten. Wie heißt es doch im Neuen Testament über die Pharisäer: „Sie gehen in langen Gewändern umher und lieben es, wenn man sie auf den Marktplätzen grüßt und wenn sie die Ehrenplätze bei den Festmählern einnehmen. Sie fressen die Häuser der Witwen auf und verrichten in ihrer Scheinheiligkeit lange Gebete. Umso härter wird das Urteil sein, das sie erwartet.“

Winfried Kretschmann (r.) feiert zusammen mit seinem designierten Nachfolger Cem Özdemir. Foto: Bernd Weißbrod/dpa

Anders als seinem künftigen Vorgänger Winfried Kretschmann wird es Özdemir voraussichtlich nicht gelingen, die Christdemokraten um den Finger zu wickeln. Kretschmann hat sich als Konservativen ausgegeben, von Özdemir ist das in dieser Form nicht zu erwarten. Er kennt die Klüfte in der deutschen Gesellschaft. Mit Kretschmann vereint ihn das Freiheitspathos – und der Wille zu einer wirtschaftsnahen Politik. Etwas anderes erscheint in Baden-Württemberg auch nicht erfolgversprechend. Darin liegt die Anschlussstelle zur CDU.

Berliner Mut zum Unsinn

Die Grünen in Berlin allerdings scheinen immer noch nicht realisiert zu haben, dass ihre Partei mit Leuten wie Kretschmann und Özdemir Wahlen gewinnt. Diese sind Exponenten einer realpolitischen Politik, für die im Südwesten Rezzo Schlauch, Fritz Kuhn, Dieter Salomon, Birgit Bender und andere stehen. In der ersten Ausgabe der „Wochen-Taz“ nach der Landtagswahl fand sich eine lange Geschichte, in der die These ventiliert wurde, ob die Ursache für den Wahlsieg im Südwesten weniger in Özdemir als im pro-fossilen Kurswechsel von CDU-Wirtschaftsministerin Katherina Reiche in der Energiepolitik zu finden sei. Michael Kellner, grüner Ex-Staatssekretär bei Robert Habeck, wird mit der Bemerkung zitiert, die Bundespartei habe geholfen, indem sie die Themen Klima und Energie in Berlin immer wieder auf die Tagesordnung gesetzt habe.

Den Mut, solchen Unsinn zu reden, muss man aufbringen. Respekt dafür. Die Frage, ob es Özdemir als Ministerpräsident besser gelingt, die Bundespartei mit der Wirklichkeit zu versöhnen, bleibt vorerst offen. Skepsis ist angezeigt. Kretschmann hat sich für die Berliner Grünen nie besonders interessiert. Özdemir aber war zehn Jahre lang Bundesvorsitzender. Vielleicht ist das ein Ansporn.

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