Stuttgart - Noch ist es nur ein dürrer Satz, mit dem die neue Pflicht für Häuslebauer im Koalitionsvertrag verankert ist. Aber der hat es in sich. Geplant sei die Einführung einer Solarpflicht für den Fotovoltaikausbau auf Gebäuden – einschließlich Solarthermie –, die die bestehende Fotovoltaikpflicht auf neue Wohngebäude und grundlegende Dachsanierungen bei Bestandsgebäuden (Wohnen und Gewerbe) erweitere. Damit sind die privaten Häuslebesitzer mit im Boot: Und an einer anderen Stelle im Koalitionsvertrag heißt es, man wolle prüfen, ob die Errichtung von Fotovoltaikanlagen nicht auch auf denkmalgeschützten Häusern erleichtert werden könne.
Die neue Pflicht findet sich im Sofortprogramm für den Klimaschutz, mit dem die Regierung also nicht lange fackeln wird und das sie unmittelbar nach der Regierungsbildung am 12. Mai auf den Weg bringen will. Gut möglich, dass die Pflicht – gesetzlich verankert – schon vom kommenden Jahr an gilt. Aber was kommt nun auf private Hausbesitzer eigentlich zu? Welche Kosten haben sie zu erwarten? Je nachdem, wen man fragt, gehen die Schätzungen weit auseinander.
Eine Anlage kostet zwischen 8000 und 11 000 Euro
Laut einer Auskunft des Stuttgarter Umweltministeriums von Anfang April sei eine Fotovoltaikanlage für ein Drei- bis Vierfamilienhaus (Leistung 10 Kilowatt Peak) für rund 11 500 Euro zu haben, die für ein Ein- bis Zweifamilienhaus (7 Kilowatt peak) müsse mit 8400 Euro veranschlagt werden. Ein Sprecher des Umweltministeriums verweist auf das Internetportal www.solaranlagen-portal.com/photovoltaik/kosten, das die Marktpreise und Angebote von Dutzenden von Anbietern vergleiche. Das Portal lege mittlerweile einen Preis von 1300 bis 1400 Euro pro Kilowatt peak zugrunde, was „etwas höher ist, als wir angenommen haben“, räumte der Sprecher dieser Tage auf Anfrage ein, aber bei einer sechsstelligen Summe für die Investition in einen Häuserbau sei so etwas wohl zu verkraften.
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Tatsache ist, dass sich die Kosten nach der Größe der Anlage richten. Und wie viel Platz ist überhaupt auf einem Dach? „Wenn ich von meinem Büro an der Gerokstraße auf die Stuttgarter Dächer schaue, sehe ich überall Dachfenster, Aufzugsbauten, Satellitenanlagen“, sagt Ulrich Wecker, der Geschäftsführer des Haus- und Grundbesitzervereins in Stuttgart. Er hat durchaus Sympathien für die Fotovoltaik, schließlich habe das Bürogebäude von Haus und Grund schon seit zwölf Jahren eine reibungslos funktionierende Fotovoltaikanlage. Kosten: damals 100 000 Euro. Aber Wecker sieht auch die Zielkonflikte, vielfach seien die Dachstöcke für Wohnzwecke ausgebaut, mit Dachfenstern und Dachgauben versehen.
Als einer der hautnah die Preise beobachtenden Institutionen gilt das Amt für Umweltschutz der Stadt Stuttgart, das Bürgern eine Beratung anbietet, ansonsten aber auf die Energiezentren verweist, die in jedem Landkreis zu finden seien. Das Amt stellt eine Modellrechnung vor: Bei einem Einfamilienhaus mit einer Modulfläche von 25 Quadratmetern und einer Leistung von fünf Kilowatt peak müsse mit Investitionskosten von rund 9000 Euro gerechnet werden.
Nach zwölf Jahren ist die Investition amortisiert
„Die Stromerzeugung beläuft sich auf 5000 Kilowattstunden pro Jahr, die eingesparten Stromkosten im Jahr auf 750 Euro“, so der Leiter der Energieabteilung, Jürgen Görres. Damit refinanziere sich die Anlage nach zwölf Jahren. Es gebe langfristig einen finanziellen und einen das Klima betreffenden Gewinn: „Über eine mittlere Lebensdauer von 25 Jahren für die Anlage ergibt sich eine Einsparung von 45 000 Kilogramm Kohlendioxid und rund 19 000 Euro. Dadurch entsteht ein finanzieller Gewinn von 10 000 Euro.“
Ähnlich lauten die Berechnungen der Architektenkammer und des Dachdeckerbandes, von denen auch zu erfahren ist, wie groß der Kreis der Betroffenen ungefähr sein wird. Laut Architektenkammer werden jährlich 10 000 Einfamilienhäuser in Baden-Württemberg, 1800 Zweifamilienhäuser und 2000 Mehrfamilienhäuser (Stand 2019) neu errichtet.
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Der Dachdeckerverband schätzt, dass seine 850 Mitglieder jährlich je bis zu 15 Dachsanierungen vornehmen, also eine Gesamtzahl von fast 13 000. „Als grober Wert“, so Florian Jentsch, Geschäftsführer der Dachdeckerinnung, koste eine Dachsanierung für ein Einfamilienhaus um die 50 000 Euro, eine 3-Kilowatt-peak-Anlage – nur von dieser Größenordnung an mache eine Anlage Sinn – schlage dann extra mit 9000 Euro zu Buche. Hinzu komme eventuell ein Stromspeicher mit 3000 bis 5000 Euro brutto.
Kommunen könnten den Umbau fördern
„An flankierenden Investitionsanreizen und Förderprogrammen führt also kein Weg vorbei“, sagt Jentsch. „Abhängig vom Fachbetrieb, der Bauart des Hauses, der Größe der Anlage und der gewünschten Leistung der Module wird von Installationskosten zwischen 250 und 300 Euro pro Quadratmeter der PV-Anlage ausgegangen“, heißt es bei der Architektenkammer. Bei einer 50-prozentigen Belegung einer Dachfläche eines durchschnittlichen Ein- oder Zweifamilienhauses bedeute das einen Investitionsaufwand von rund 20 000 Euro, der sich im Lauf des Betriebs über die Eigenstromentnahme beziehungsweise die Einspeisevergütung amortisiere. Eine Zusatzförderung gebe es nicht, da der staatliche Zuschuss durch die Einspeisevergütung abgegolten sei.