Gründer der WMF wird 200 Pionier der Industrialisierung

Von Sabine Riker 

Bei all dem, was dieses Jahr bei der WMF in Geislingen passiert ist, hätte sich Daniel Straub wohl im Grab herumgedreht. Mit einer Ausstellung und zahlreichen weiteren Feierlichkeiten feiert die Stadt den 200. Geburtstag des Stammvaters des größten Betriebs der Stadt.

Zweimal Daniel Straub, der Müller, WMF-Stammvater und zweiter Gründer Geislingens. Foto: Horst Rudel
Zweimal Daniel Straub, der Müller, WMF-Stammvater und zweiter Gründer Geislingens. Foto: Horst Rudel

Geislingen - Schläue verrät sein Gesicht – und Selbstbewusstsein. Auf der Reproduktion eines historischen Fotos an der Stirnseite des Alten Baus in Geislingen (Kreis Göppingen) steht Daniel Straub dem Betrachter akkurat gekleidet, eine Hand salopp in der Westentasche, die andere locker aufgestützt, und überlebensgroß gegenüber. Diesem Mann, der am 1. Juli 1815 in der Geislinger Schimmelmühle das Licht der Welt erblickte, misst die Stadt eine zentrale Rolle in ihrer Geschichte zu: Daniel Straub ist nicht nur der Stammvater von WMF, er gilt auch als der zweite Gründer der Stadt Geislingen.

„Straub lebte in einer Umbruchsituation, wie wir sie heute wieder haben“, sagt der Stadtarchivar Hartmut Gruber, der die Ausstellung zu Straubs 200. Geburtstag konzipiert hat. Das Tragische dabei: Die Vorbereitung fiel in eine Zeit, in der den Geislingen kein bisschen zum Feiern zumute war. Im April dieses Jahres hatte der heutige WMF-Chef – trotz glänzender Bilanzen – ein großes Sparprogramm verkündet, dem jeder fünfte Arbeitsplatz in Geislingen zum Opfer hätte fallen sollen. Während in der Mitte des 19. Jahrhunderts durch die unternehmerischen Aktivitäten Straubs zahlreiche Arbeitsplätze in der Stadt entstanden, bangen die Beschäftigten heute also um ihre berufliche Existenz.

Mit der Bahn kommt eine neue Zeit

Der Umbruch zu Straubs Zeiten kam mit der Eisenbahn. Der Müller, der 21-jährig in die Kapellmühle eingeheiratet hatte, beteiligte sich 1847 am Bau der Geislinger Steige. Mit einem untrüglichen Gespür erkannte er die Chancen des anrollenden Industrie-Zeitalters und investierte die 30 000 Gulden, die er beim Bahnbau verdient hatte, in die Errichtung einer Maschinenfabrik, die zunächst hauptsächlich Einrichtungen für Kunstmühlen produzierte. 1853 folgte die Gründung der Plaquéfabrik Straub & Schweizer, die Leuchter, Lampen sowie Haus- und Küchengeräte aus Messing, Kupfer und Plaqué herstellte. Anno 1880 schließlich fusionierte die Plaquéfabrik mit der Esslinger Metallwarenfabrik Ritter & Co zur Württembergischen Metallwarenfabrik, die unter der Abkürzung WMF weltberühmt wurde. (Straub selbst war zu jener Zeit bereits nicht mehr unternehmerisch tätig.)

Straubs Engagement führte nicht nur zum Geislinger Wirtschaftswunder, wie Hartmut Gruber es nennt, sondern auch zu einem tief greifenden Wandel der städtischen Sozialstruktur. Die Zahl der Arbeiter nahm stetig zu. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs war die Fabrik mit 6000 Beschäftigten der größte Arbeitgeber Württembergs – und einer der sozialsten. Für die Mitarbeiter gab es eine eigene Krankenkasse und eine eigene Sparkasse, und in der Fischhalle konnten die WMFler günstig Fisch und frische Lebensmittel kaufen.

Könnte der Kontrast größer sein zu heute, da der Finanzinvestor KKR das Sagen hat bei WMF? Fürs erste scheint die Katastrophe abgewendet. Nach heftigen Protesten verzichtet der Konzern auf betriebsbedingte Kündigungen in Geislingen. Doch der Schrecken sitzt tief und das Misstrauen ist groß.




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