Grünen-Parteitag Annalena Baerbocks Rede wird zu einem Balanceakt

Annalena Baerbock bei ihrer Rede auf dem Grünen-Parteitag. Foto: dpa/Kay Nietfeld
Annalena Baerbock bei ihrer Rede auf dem Grünen-Parteitag. Foto: dpa/Kay Nietfeld

Annalena Baerbock und Robert Habeck sind das Spitzenduo der Grünen für den Bundestagswahlkampf 2021: 98,5 Prozent der Delegierten des digitalen Grünen-Parteitags sprachen sich am Samstag für das Spitzenduo aus. Die Kandidatur für das Kanzleramt übernimmt Baerbock.

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Berlin - Es gibt Zahlen, die richtig wehtun. Mal ist es der tiefrote Dispo, mal die „5“ auf dem Zeugnis. Für die Grünen lautet die schmerzliche Zahl derzeit: 15, genauer: 15 Prozent, und noch genauer: minus 15 Prozentpunkte. So viel Rückhalt hat Annalena Baerbock zuletzt in einer Umfrage verloren, in der die Befragten angaben, wen sie lieber im Kanzleramt sähen: die Grünen-Chefin, CDU-Chef Armin Laschet oder SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz.

Hatte Baerbock in der Kanzlerpräferenz noch vor Kurzem 43 Prozent bekommen, sind es jetzt gerade mal 28. Keine Frage: Die verspätet gemeldeten Nebeneinkommen, die nachträglichen Änderungen in ihrem Lebenslauf haben Baerbock schwer geschadet.

Baerbock hält die wichtigste Rede ihrer Karriere

Und deshalb kommt die Kanzlerkandidatin gleich auf den „Gegenwind“ zu sprechen, als sie an diesem Samstag auf dem Parteitag die wichtigste und schwierigste Rede ihrer Karriere beginnt. Es seien Fehler passiert, über die sich „tierisch geärgert“ habe.

Sichtlich erleichtert ist sie deshalb über den Zuspruch der Basis von 98,5 Prozent bei der Abstimmung über das Spitzenduo. „Das ist ein wahnsinniges Ergebnis“, sagt sie und bedankt sich bei Habeck, dass er sie im Gegenwind unterstützt habe, den sie und die Partei zuletzt gespürt hätten. Und, ja, das hat er. Schon am Freitag hatte er in seiner Parteitagsrede betont, dass sich Kameradschaft und Solidarität gerade in schwierigen Zeiten beweisen müssten.

Die Partei dankt es den beiden mit den 98,5 Prozent und vermeidet damit knapp, was Baerbock auch gar nicht wollte: ein Votum von 100 Prozent. Das gilt als schlechtes Omen, seitdem die SPD 2017 Martin Schulz einstimmig zum Vorsitzenden kürte – also den Schulz, der bei der Bundestagswahl 2017 nur 20,5 Prozent für die Genossen holte.

Die Grünen spüren, wie hart der Wahlkampf wird

20,5 Prozent wären für die Grünen dagegen ein Ergebnis, von dem sie lange nicht mal träumten. Nur einmal seit ihrer Gründung vor 41 Jahren haben sie bei einer Bundestagswahl überhaupt ein zweistelliges Ergebnis geschafft. Aktuell kommen sie in Umfragen locker auf den 20 Prozent- Wert (und mehr). Und doch spüren sie, wie hart der Wahlkampf werden wird – nicht nur wegen Baerbocks Fehler. Auch die heftige Debatte über den Benzinpreis (den wollen die Grünen anheben, was Union und SPD ebenfalls tun), zeigt, dass der Weg ins Kanzleramt kein gemütlicher Sommerspaziergang wird.

Was also tun? Baerbock versucht in ihrer Rede, Vertrauen zu schaffen. Bloß nichts überstürzen, bloß niemanden überrumpeln, bloß keine Ängste schüren: Das ist das unausgesprochene Motto der Rede der 40-jährigen Bundestagsabgeordneten aus Potsdam. Doch daraus erwächst ein Balanceakt.

Denn gerade die Grünen wollen ja Veränderung und entschlossenen Klimaschutz und meinen, dass die anderen politischen Kräfte zu sehr am Status quo festhielten. Also betont Baerbock, dass die deutschen Wendepunkte schon gemeistert hätten: Ihre Großeltern-Generation habe das Land nach dem Krieg wiederaufgebaut, die Bürger der DDR hätten die friedliche Revolution gemeistert: „Das ging, weil Menschen es besser machen wollten.“ Und besser müsse nun wieder vieles werden: der Klimaschutz, die Bildung, die soziale Sicherung.

Baerbock spricht über Privates

Zwischendurch gerät Baerbocks Werbung um Vertrauen arg spröde und technisch. Sie kämpft sich durch die steuerlichen Regeln für Dienstwagen von Spitzenmanagern (super Gehalt) und Hebammen (mageres Gehalt), die unökologisch und ungerecht seien. Aber dann wagt sie, die selten, fast nie über Privates spricht, einen Schritt. Sie erzählt von ihrer Mutter, die als kleines Kind ihre große Schwester verlor. Sie habe dann erst wenig Hilfe in der Schule, später viel Zuspruch von einer Lehrerin bekommen, die Realschule und die Berufsfachschule abgeschlossen, mit 21 ihr erstes Kind bekommen („Mich“, sagt Baerbock an dieser Stelle fröhlich), und mit 37 den Abschluss als Sozialpädagogin an einer Fachhochschule abgelegt: „Der Werdegang meiner Mutter ist Beispiel für Millionen in unserem Land.“

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Ob Baerbocks Balanceakt gelungen ist und die Grünen wieder aus der Defensive kommen, weiß heute niemand. Und bis zum Wahltag am 26. September gehen noch mehr als drei Monate ins Land. Nur der erstmals in ihrer Geschichte formulierte Anspruch steht fest: Die Grünen wollen die CDU/CSU vom Thron stoßen, wie Geschäftsführer Kellner es nennt.

Auch Baerbock spricht am Samstag vom schwarz-grünen Duell um das wichtigste Amt im Staat. Dabei zeigt die Umfrage mit der Zahl, die die Grünen so schmerzt (also die mit den 15 Prozentpunkten weniger), auch ein zweites: Olaf Scholz kommt auf gute Werte. Was, wenn es dem Finanzminister gelingt, das Ansehen für seine Person in mehr Stimmen für die SPD zu verwandeln? Noch 105 Tage bis zur Wahl. Und noch ist alles offen.




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