Beim Grünen-Parteitag korrigieren 820 Delegierte das Ergebnis der Urwahl und wählen Claudia Roth erneut zur Parteivorsitzenden. Sie scharen sich hinter ihr neues Alphatier Jürgen Trittin und schlagen ein neues Kapitel auf: die Sozialpolitik.

Hannover - Die grüne Partei ist keine Familie, sie ist eine Organisation mit 60 000 Mitgliedern, und die Einzige, die das nicht wahrhaben will, ist Claudia Roth. Aber das ist vielleicht gerade die Erklärung für ihr erstaunliches Comeback bei diesem Parteitag in Hannover. Man erinnert sich an eine Szene: Da steht die verdiente Grünen-Politikerin Kerstin Müller auf der Bühne in dieser einem Flugzeughangar nicht unähnlichen Halle im Congress-Zentrum von Hannover. Die alleinerziehende Mutter will 2013 nicht mehr für den Bundestag kandidieren. Die stets selbstbewusste Müller wirkt in diesem Moment des Abschieds sehr zerbrechlich, unsicher, ja verlegen. Zehn Jahre aktiv in der Partei, Staatsministerin im Außenministerium unter Schröder – und Claudia Roth sagt: „Liebe Kerstin, danke für zehn Jahre der Streitbarkeit.“ Aber der Parteiapparat im Plenum reagiert lau, es gibt zehn Sekunden mäßigen Applaus für Müller, eine Sekunde für jedes Jahr. Das Geschwätz zwischen den Reihen läuft munter weiter. So ist eine Partei, die Leute kommen und gehen, aber Claudia Roth, sie umarmt nun Kerstin Müller, sie herzt, charmiert und überreicht den Blumenstrauß.

 

Claudia Roth ist die Mutter der Grünen-Familie

Claudia Roth ist so eine, die ständig knuddelt und Wangen küsst, sie lehnt sich an ihren gleichberechtigten zweiten Parteivorsitzenden Cem Özdemir an, sie verteilt Kaugummis im Bundesvorstand, sie herzt und scherzt, sie hockt stundenlang auf dem Podium, sie ist die Parteisoldatin, eine Mutter der Grünen-Familie. Nur am ersten Tag des Parteitags trägt sie Schwarz, am zweiten Tag einen silbern-hoffnungsfrohen Trachtenjanker. Die Trauerzeit, sagt Roth, sei jetzt vorbei. Sie schenkt dem Gastredner Martin Kobler, ein UN-Beauftragter im Irak, den sie schon einmal besucht hat in Bagdad und dabei einen grünen Gartenzwerg mitgebracht hat, nun einen goldenen Gartenzwerg.

Wer Roth beobachtet, versteht, warum es heißt, sie sei beliebt bei den Funktionären. In ihrer Rede zur Bewerbung für eine Position im Bundesvorstand reißt Roth die Delegierten von den Stühlen, sie verstellt sich nicht, sie hat diese anstrengende, belegt klingende Stimme, aber was sie da in den Saal brüllt, das trifft die Seele der Partei. Wie sie wettert gegen Merkel, Altmaier, Ramsauer und die „Antifrauenministerin Schröder“. „Buschkowsky, aufgepasst, Multikulti ist nicht out, sondern in“, ruft Roth, und sie ergänzt: „Lasst uns nach Greifswald marschieren“ – weil die NPD dort eine Demo gegen ein Heim für Asylbewerber plant. „Kämpfen kann ich, und das Nerven gewöhne ich mir auch nicht ab!“ Roth erzielt in der tobenden Menge 88,5 Prozent Zustimmung – ein für Grüne extrem hohes Ergebnis. Es scheint, als ob die Delegierten das für Roth düpierende Ergebnis von 26 Prozent bei der Urwahl korrigieren wollen – der „Laden soll zusammengehalten werden“, sagt eine Abgeordnete.

Der Jubel für Katrin Göring-Eckardt ist verhalten

Die Euphorie, die man Roth in Hannover entgegenbringt, kontrastiert mit dem respektvollen, aber dennoch verhaltenen Jubel für Katrin Göring-Eckardt. Der Publikumsliebling der Basis erhält bei ihrer Antrittsrede viel Zustimmung, aber später legt sich das. Göring-Eckardt soll in ihrer ausgleichenden Art neben dem kämpferischen Jürgen Trittin die bürgerliche Mitte ansprechen, sie soll bei sozialen Themen punkten, Trittin in der Euro-und Finanzpolitik. Hin und wieder wird sie hinweggetrieben von protestantischer Betroffenheit. Ja, die Grünen wüssten, was eine Friseurin verdient, sagt sie, oder sie bringt eine etwas ungeschickte Begriffspaarung: „Wir wissen, wie das ist, wenn ein Schwimmbad schließt. Wir kennen die Sorgen von Eltern, die sich die Winterstiefel für ihre Kinder nicht leisten können.“ Und dann sagt sie, sie freue sich „wie verrückt auf diesen Wahlkampf“. Aber es klingt nicht verrückt wie bei Roth, sondern sehr vernünftig.

Dem neuen Spitzenduo hatten die Grünen einen Platz auf dem Podium angeboten, es saß dann aber doch lieber im Plenum, wie ein Zwillingspaar, unzertrennlich, parlierend, simsend. Jürgen Trittin hat in seiner überaus selbstbewussten Rede deutlich gemacht, dass er den Führungsanspruch erhebt bei den Grünen. „Der ist ein Alphatier“, sagt die junge Mitarbeiterin eines EU-Abgeordneten. Eine andere Delegierte meint, der Spitzenkandidat müsse nur aufpassen, „jetzt nicht als Onkel Jürgen“ aufzutreten, der alles besser weiß. Aber Trittin macht alles richtig, er setzt Pointen in seinen Reden, er ist witzig, nutzt sich nicht ab in einer Dauerpräsenz auf der Bühne. Er sagt, dass sich Europa nach einem „partnerschaftlichen Deutschland“ sehne, und das gebe es mit Rot-Grün.

Trittin kann hart sein, wenn er will. Nach Erdogans Ideen zur Einführung der Todesstrafe wird er gefragt, und seine Antwort fällt barsch und schneidend aus: Das sei nicht zu akzeptieren nach europäischen Maßstäben, aber auch der Umgang mit Minderheiten, Schriftstellern und Journalisten zeige, „wo sich die Türkei noch zu europäisieren hat“. Neben Roth und Trittin verblassten bei diesem Parteitag Protagonisten wie Renate Künast, die sich in einer Rede über „kompetenzorientiertes Rebellentum“ verhedderte.

Die Grünen wollen neue Themen belegen

Inhaltlich diskutierten die Grünen einen Tag über Sozialpolitik, es ging um eine leichte Korrektur der noch unter Rot-Grün beschlossenen Hartz-IV-Reformen. Die Grünen wollen neben der Umweltpolitik neue Themen belegen, dies soll ihnen der Weg zur Macht ebnen, und keiner sprach dies schöner aus als Markus Kurth aus Dortmund: Dass die soziale Sicherung eine Ressource für die Wirtschaft sei, dass müsse man deutlich machen. So würden die Grünen „mehrheits- und hegemoniefähig in dieser Gesellschaft werden“. Hegemoniefähig? Auf dem Weg zur Macht sieht sich auch Parteichef Cem Özdemir, in einem Kurzvortrag wiederholte er dreimal die Formel: „Wenn wir 2013 regieren . . .“

Allein Daniel Köbler, Grünen-Fraktionschef in Mainz, konnte sich einen Seitenhieb auf den Koalitionswunschpartner SPD nicht verkneifen: Die Grünen hätten den SPD-Spitzenkandidaten Peer Steinbrück nicht eingeladen, „weil sich unser Bundesvorstand das Honorar für ihn nicht leisten kann“. Da blieb so manchem Delegierten das Lachen im Halse stecken.