Ein Geländewagen fährt durch die mauretanische Wüste – innerhalb von fünf Jahren soll nördlich der Hauptstadt Nouakchott ein Mega-Wasserstoff-Werk entstehen. Foto: imago images/Westend61
Im nordwestafrikanischen Mauretanien soll die größte Wasserstoffanlage der Welt entstehen – unter deutscher Beteiligung. Warum der Wüstenstaat das Zeug hat, zum Kuwait des Wasserstoffzeitalters zu werden.
Johannes Dieterich
14.03.2023 - 16:09 Uhr
Langweilig sei es ihm zurzeit nicht, sagt Stefan Liebing. Eine charmante Untertreibung: Der 46-jährige Geschäftsmann ist derzeit noch Vorsitzender des Afrikavereins der deutschen Wirtschaft sowie Geschäftsführer der Hamburger Projektgesellschaft Conjuncta und hat als solcher vor Kurzem mit der Regierung des nordwestafrikanischen Staates Mauretanien eine Absichtserklärung für den Bau der weltweit größten Produktionsanlage für grünen Wasserstoff unterzeichnet.
Die Leistung von mehr als zehn Atomreaktoren
Zusammen mit dem ägyptisch-emiratischen Energiekonzern Infinity Power will der neue deutsche Wasserstoffzar ein Werk mit einer Stromleistung von 10 Gigawatt und Kosten von rund 34 Milliarden US-Dollar in die mauretanische Wüste setzen – die Leistung von mehr als zehn herkömmlichen Atomreaktoren. Die erste Phase des nördlich der mauretanischen Hauptstadt Nouakchott geplanten Großprojekts soll 400 Megawatt leisten und in fünf Jahren fertig sein. Außer der Elektrolyseanlage, die gewöhnliches Wasser in Sauer- und Wasserstoff trennt, sind eine Entsalzungsanlage sowie ein Wind- und ein Solarpark nötig: Der für die Elektrolyse nötige Strom muss erneuerbar erzeugt werden, sonst ist der Wasserstoff nicht grün.
Kuwait des Wasserstoffzeitalters
In Sachen Sonneneinstrahlung und Wind gehört Mauretanien zu den fünf verwöhntesten Staaten der Welt. Kein Wunder, dass dort neben Infinity Power und Conjuncta noch drei weitere Konzerne und Konsortien den Energieträger der Zukunft produzieren wollen. Der Wüstenstaat von der dreifachen Größe Deutschlands, in dem gerade mal 4,6 Millionen Einwohner leben, will zum Kuwait des Wasserstoffzeitalters werden.
In Sachen grünem Wasserstoff ist Liebing kein Greenhorn mehr. Der Energieexperte hat schon ein Wasserstoffprojekt in Angola in die Wege geleitet. Die erste größere Anlage in Afrika zur Produktion von Wasserstoff soll Ende nächsten Jahres fertig sein und 400 Megawatt leisten.
Energieexperte: Stefan Liebing Foto: imago
In Mauretanien werden dafür mindestens fünf Jahre veranschlagt. Der Grund: In Angola ist bereits Süßwasser aus einem nördlich der Hauptstadt Luanda verlaufenden Fluss vorhanden, außerdem überschüssige Elektrizität aus einem Wasserkraftwerk. In Angola ist deshalb nur ein Elektrolysewerk, aber keine Entsalzungsanlage und kein Solar- und Windpark nötig. Der produzierte Wasserstoff ist sowohl in Angola wie in Mauretanien zumindest vorerst noch ausschließlich für den Export bestimmt. Zum Transport muss der Wasserstoff entweder mit Kohlendioxid in Methanol oder mit Stickstoff in Ammoniak verwandelt werden.
Deutschland als einer der größten Abnehmer
Liebings Konsortien setzen in beiden Ländern auf Ammoniak. Das Interesse an einem Konsortium mit deutscher Beteiligung ist dem Umstand zu verdanken, dass Deutschland in Zukunft einer der größten Abnehmer für Wasserstoff sein wird – alleine schon, um das russische Erdgas zu ersetzen. In Deutschland wird bereits an einem Pipelinenetz für Wasserstoff gearbeitet, das zunächst vor allem Industriezentren verbinden wird. Dass ein nennenswerter Teil des deutschen Energieverbrauchs künftig durch Wasserstoff gedeckt werden muss, ist unter Fachleuten unbestritten. Wird der Bedarf derzeit zu Zweidrittel aus Kohle-, Erdöl- und Erdgasimporten bestritten, muss das den Verpflichtungen der Berliner Regierung zufolge spätestens bis 2045 aufhören.
Große Wasserstoffwerke auch in anderen Ländern Afrikas geplant
Als Europas Energielieferant wird Afrika eine wachsende Rolle spielen, ist Liebing überzeugt. Zur Herstellung erschwinglichen grünen Wasserstoffs werden in gleichem Ausmaß Wind- und Sonnenenergie benötigt, weil die teuren Anlagen auch nachts betrieben werden müssen, um rentabel zu sein. Afrikas Atlantikküste eignet sich bestens dafür. Große Wasserstoffwerke sind außer in Mauretanien auch in Marokko, Namibia und Südafrika geplant.
Beim Bau der Anlagen sind Unternehmen wie Siemens, Thyssen Krupp, Linde oder MAN führend. Liebing erhofft sich, dass deutsche Investitionen und die Präsenz deutscher Firmen in Afrika bald deutlich steigen werden. Er sei in den vergangenen zwölf Jahren „nicht in vollem Umfang erfolgreich“ gewesen, zieht der scheidende Chef des Afrikavereins nüchtern Bilanz. Noch immer schreckten deutsche Firmen vor einem Engagement in Afrika zu schnell zurück. Jetzt kann Liebing dafür sorgen, dass sein Nachfolger erfolgreicher sein wird.