Grundschulen in Stuttgart neu entdeckt Wie sind Ferien in der Schule?

Im Kreativzimmer der Marienschule entstehen fantastische Gebilde. Foto: Lichtgut/Ferdinando /Iannone

In den Stuttgarter Grundschulen ist gerade viel los – trotz Ferien. Da wird gebastelt, geturnt, entdeckt. Zum Beispiel in der Marienschule und in der Schwabschule in Stuttgart.

Familie/Bildung/Soziales: Viola Volland (vv)

Das Treppenhaus der Marienschule ist verwaist. In der Schule im Stuttgarter Süden pulsiert trotzdem das Leben – auch in den Ferien. Im Erdgeschoss ist viel los. Am Tischkicker liefern sich Grundschüler ein Match, in der Bibliothek sitzen Kinder und lesen, im Treffpunktraum wird gemalt und gespielt. Turbulent geht es in der Turnhalle zu, wo Mädchen an Ringen durch die Luft schwingen und Jungs nach Trampolinsprüngen Basketbälle im Korb versenken. Im Kreativzimmer der Schule ist es ruhig. Konzentriert wird hier bei „Frau Ella“ gewerkelt, wie die Erzieherin Ella Bukowiecki von den Kindern liebevoll genannt wird.

 

Wenn die Heißklebepistole glüht

Bei Mathilda und Clara glüht die Heißklebepistole. Die Freundinnen basteln eine Mühle aus Pappe, die sie mit Vorhängen und Ranken verzieren. Das wird sie die ganze Woche beschäftigen. Sie könnten auch auf Ausflüge gehen, im Studio einen Podcast produzieren oder Brettspiele selber machen. Aber sie haben Spaß an dem, was sie tun. „Wir haben das angefangen, machen wir es auch zu Ende“, sagt Clara. Sie ist seit der fünften Ferienwoche in der Betreuung. „Ich freue mich auch darauf, wenn die Schule wieder los geht – aber in die Schule zu gehen, ohne dass man etwas lernen muss, ist auch schön“, sagt die Neunjährige.

Für manche Kinder ist die Ferienbetreuung „das Highlight“

Auch für die pädagogischen Fachkräfte ist es in der Ferienzeit ein anderes Arbeiten, wenn der Tag nicht von der Schulklingel unterbrochen wird und keine Lernziele von den Kindern erfüllt werden müssen. 60 bis 80 der rund 270 Kinder der Schule besuchten im Schnitt die Ferienbetreuung, so die Teamleiterin der Schulkindbetreuung der Marienschule, Sonja Greuter, von der Stuttgarter Caritas. Nur die Ganztagsschüler könnten das Angebot nutzen. Greuter findet die Ferienzeit sehr wertvoll. „Die Kinder öffnen sich anders“, sagt sie. Ein attraktives Programm ist ihr wichtig. Schließlich trügen sie eine große Verantwortung: „Es gibt Kinder bei uns, die das ganze Jahr nicht verreisen. Für die ist die Ferienbetreuung das Highlight.“

Natürlich nutzten auch sehr gut situierte Familien die Ferienbetreuung – selbst, wenn sie gar nicht unbedingt auf diese angewiesen sind. „Da kommen die Kinder, um mit ihren Freunden zu spielen.“ Sonja Greuter weiß allerdings auch von berufstätigen Eltern, die ein schlechtes Gewissen haben, weil ihre Kinder in den Ferien in der Schule sind. Dabei müssten sie das gar nicht haben, angesichts dessen, was alles geboten sei.

Schon Zweitklässler auf Tiktok unterwegs

Für einige Kinder sei die Betreuung und in der Schulzeit der Ganztag regelrecht ein Segen. Die würden sonst ihre Freizeit mit Computerspielen verbringen – „zocken“, wie die Kinder selbst sagen. Es macht sie betroffen, „wie gefangen“ manche seien in der multimedialen Welt. Sie kennt Drittklässler, die keine Schnürsenkel binden können. Aber die Konsole können sie bedienen. Wenn sie mit Eltern sprechen, kommt manchmal raus, dass diese selbst verzweifelt sind, dass es aus dem Ruder gelaufen ist. Andere hätten kein Problembewusstsein.

Das Brettspiel Foto: Lichtgut//Ferdinando Iannone

„Manchmal ist bei Eltern keine Einsicht da“, sagt auch Yasemin Mengüllüoglu, die das Caritas-Team des Schülerhauses der Schwabschule im Westen leitet. Der Medienkonsum unter Grundschülern beschäftigt auch ihr Team. Schon Zweitklässler seien auf dem Portal Tiktok unterwegs. „Es ist wichtig, mit den Kindern im Gespräch zu bleiben“, sagt die Sozialpädagogin. Bei ihr in der Schwabschule hat die Ferienbetreuung ebenfalls am 21. August begonnen. In der ersten Woche waren von den 340 Schülerhauskindern rund 40 Kinder da, in der zweiten Woche an die 60 Kinder – bei fast voller Besetzung des Teams. Ein „Luxus“ im Vergleich zur Schulzeit. „Es ist gerade wunderschön“, sagt die Teamleiterin.

Es gebe weniger Konflikte unter den Kindern. Diese hätten das gesamte Gebäude in Beschlag genommen. Sommertheater, Wasserbombenrallye, Rätseltouren – auch in der Schwabschule ist viel geboten. „Die Kinder können richtig tolle Sachen machen und die meisten sind auch in den Angeboten“, sagt Yasemin Mengüllüoglu. Ein kleiner Teil, rund zehn Kinder, laufe jedoch nur umher. Sie seien nicht zur Teilnahme zu motivieren. Das könnte bei einigen daran liegen, dass sie zuvor „ein Mega-Programm“ hatten und ihr Kindertag überfrachtet sei, meint die Teamleiterin. Gezwungen werde keiner. „Die Kinder haben schließlich Freizeit.“ Andere müssten auch erst lernen, sich auf etwas einzulassen, weil sie von zu Hause keine Hobbys kennen. Wenn sie doch mitmachten, seien sie „mit Feuer und Flamme“ dabei.

Viertklässler und Zweitklässler spielen zusammen

Zurück in der Marienschule. In der Turnhalle ertönt ein Jubelschrei: Mohammed hat einen Korb geworfen, er hängt sich an den Ring, lässt sich auf eine Matte plumpsen. „Das war eine zehn“, bewertet der Achtjährige seinen Wurf. Sein Freund Lasse schüttelt den Kopf – „nein, eine neun“. Als nächstes läuft Nuri über eine Holzbank, springt aufs Trampolin, versenkt lachend den Ball im Korb. Nuri kommt schon in die vierte Klasse – und ist doch mit den Jüngeren befreundet. Es sei cool in der Betreuung, finden die drei Jungs. „Wenn mal jemand krank ist, findet man hier immer schnell neue Freunde“, sagt Mohammed. Und die Ausflüge machten Spaß, meint Nuri.

Die Jungs haben Spaß auf dem Basketball-Parcours. Foto: Lichtgut/Ferdinando/ Iannone

Auch Leonie ist froh, in der Schule zu sein. Ihr sei während der Schließzeit immer wieder langweilig gewesen. „Ich habe meine Freunde vermisst“, sagt die Zweitklässlerin. Sie erzählt, dass sie Verwandte in Ostdeutschland besucht hat und dass sie am Vortag ein Rad geschlagen hat. Und dann verabschiedet sie sich: „Ich muss jetzt weiter spielen.“

Sonja Greuter organisiert die Schulkindbetreuung an der Marienschule. Foto: Lichtgut/Ferdinando /Iannone

Ganztag und Schülerhaus

Ganztag
Die Marienschule hat beides: Ganztags- und Halbtagsklassen. Im Ganztag sind die Kinder von Montag bis Donnerstag gebunden zwischen 8 und 16 Uhr in der Schule. Entspannungs- und Bewegungsangebote verteilen sich rhythmisiert über den Tag. Die Lehrkräfte und das pädagogische Team kooperieren eng. Es gibt eine Frühbetreuung ab 7 und eine Spätbetreuung bis 17 Uhr. Die Betreuung kann man auch am Freitag buchen, wenn der Unterricht um 12.25 oder 13.10 Uhr endet. Die Kinder essen zu Mittag in der Schule. Die Ferienbetreuung gilt nur für Ganztagskinder.

Schülerhaus
In der Schwabschule kann man zwischen der Kernzeit (kein Mittagessen, keine Hausaufgabenbetreuung, keine Ferienbetreuung) und dem Schülerhaus wählen, das ein betreutes Mittagessen, Hausaufgabenbetreuung und Arbeitsgemeinschaften bietet. Bis 15.30 Uhr werden die Kinder an der Schwabschule klassenweise betreut, danach ist die Schule bis 17 Uhr ein offenes Haus und die Kinder können zum Beispiel an Arbeitsgemeinschaften teilnehmen.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Stuttgart Schwabschule