Gruppenvergewaltigung einer 13-Jährigen Geschändet – gefilmt – geflohen

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Ein 13-Jährige wird von einer Jugendclique mehrfach missbraucht. Was spielt sich in den Köpfen von Gruppenvergewaltigern ab? Werden Jugendliche immer krimineller und gewalttätiger? Das sagen Experten.

Der Eingang des Parkbades: Auf dem Weg nach Hause nach einem Freibadbesuch sollen am 21. April 2018 acht Jungen zwischen 14 und 16 Jahren ein 13-jähriges Mädchen auf einem Waldweg überfallen und mehrfach vergewaltigt haben. Foto: dpa
Der Eingang des Parkbades: Auf dem Weg nach Hause nach einem Freibadbesuch sollen am 21. April 2018 acht Jungen zwischen 14 und 16 Jahren ein 13-jähriges Mädchen auf einem Waldweg überfallen und mehrfach vergewaltigt haben. Foto: dpa

Velbert/Stuttgart - Ein brutaler Kriminalfall erschüttert das Land: Acht Jugendliche sollen ein Mädchen vergewaltigt haben. Jetzt sind zwei der Täter abgetaucht. Experten sehen bei Fällen wie diesen Machtfantasien und Gruppendynamik am Werk. Über ein Verbrechen, das es früher auch schon gab, aber heute im Zeitalter der digitalen Massenmedien ganz anders präsent ist.

Was ist in Velbert geschehen?
Eine Jugendclique hat am 21. April im nordrhein-westfälischen Velbert ein 13-jähriges Mädchen in einem Freibad belästigt. Als sie sich auf den Heimweg durch einen Wald machte, soll sie von acht der Jugendlichen aus Bulgarien im Alter zwischen 14 und 16 Jahren angegriffen und vergewaltigt worden sein.
Die Taten filmten sie mit ihren Handys. Sechs Tatverdächtige konnten inzwischen festgenommen werden und sitzen in Untersuchungshaft, nach zwei weiteren wird gefahndet. Sie haben sich mitsamt ihren Familien ins Ausland abgesetzt, wie die Polizei am Donnerstag mitteilte.
Verrohen die Jugendlichen in Deutschland?
Alle Daten – Polizeiliche Kriminalstatistik genauso wie Dunkelfeldstudien des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) – belegen, dass die Zahl der Straftaten sinkt. Der sprunghafte Anstieg der Sexualdelikte führt auf die Reform des Strafrechts bei solchen Taten nach der Kölner Silvesternacht 2015/16 zurück. So wurde der Straftatbestand sexuelle Belästigung neu geschaffen.
Hinzu kommt, dass solche Delikte heute häufiger angezeigt werden. „Eine generelle Verrohung in unserer Gesellschaft kann ich nicht erkennen. Das heißt aber nicht, dass bei Einzelnen oder Gruppen das Verhalten nicht eskaliert“, sagt KFN-Direktor Thomas Bliesener.
Beim Fall in Velbert handelt es sich um ein Gruppendelikt. Sind solche Taten häufiger?
Sexualdelikte, in denen gleich mehrere Männer über Frauen herfallen, beschäftigen Polizei und Staatsanwaltschaft in Deutschland laut Polizeilicher Kriminalstatistik seit Jahren auf stets ähnlichem Niveau. So ermittelten die Behörden 2017 gegen 467 Tatverdächtige, die an Gruppenvergewaltigungen beteiligt gewesen sein sollen. Mehr als ein Drittel von ihnen sind Jugendliche oder Heranwachsende unter 21 Jahren, in aller Regel männlich.
„So etwas hat es auch in der Vergangenheit schon gegeben, heute werden solche Verbrechen jedoch stärker wahrgenommen“, erklärt der Kriminalpsychologe Rudolf Egg. Dass bestätigt auch Bliesener. „Im Verbund mit anderen kann die Selbstkontrolle aussetzen. Jugendliche denken nicht mehr darüber nach, was sie tun und welche Konsequenzen ihr Handeln hat.“
Was geht in den Köpfen von Gruppenvergewaltigern vor?
Fachleute sehen bei Gruppenvergewaltigungen eine gefährliche Kombination von Sexualität, Machtdemonstration und Gruppendynamik am Werk. Bliesener: „Gerade bei Jugendlichen in Gruppen steigt die Bereitschaft für Grenzüberschreitungen.“ Es gebe Anführer, die andere ansteckten, Mitläufer, die zu feige seien, einzuschreiten, und Mittäter, die ihre Position in der Gruppe aufwerten wollten, erläutert Egg.
Ähnlich sieht es Christian Lüdke, Psychotherapeut und Experte für Täterverhalten: „Je größer die Gruppe, desto unwahrscheinlicher ist es, dass einer Stopp sagt.“ Stattdessen steigere sich der gemeinsame Tatrausch. „Es kann sogar sein, dass sich ein Wettkampf entwickelt, in dem jeder der härteste sein will.“
Experten sprechen von einer Radikalisierung im digitalen Zeitalter. Welche Rolle spielt die Technik?
Filme von Straftaten waren vor zehn oder zwanzig Jahren noch undenkbar. „Heutzutage ist die entsprechende Technik am Smartphone allzeit verfügbar“, betont Bliesener. Das sieht auch Egg so: „Moderne Handys und Internet erleichtern die Tatgelegenheit, schaffen sie aber nicht.“ Sexualstraftäter würden häufig ihre Taten aufzeichnen – auch wenn sie sich damit dem Risiko, überführt zu werden, aussetzten.
Warum haben die mutmaßlichen Täter ihr Verbrechen auch noch gefilmt?
Hier spielt der Reiz, vor breitem Publikum zu protzen, eine wichtige Rolle – etwa dann, wenn Täter gefilmte Gewaltszenen ins Internet stellen. In der Gruppe würden sich jugendliche Täter häufig mit ihrer Tat brüsten, betont Bliesener.
Wenn sie sich durch besonderes Verhalten hervortun, versprächen sie sich davon Aufwertung und einen Statusgewinn innerhalb der Gruppe. Das fördere Gewalt und sexualisiertes Verhalten.
Müssen die Täter nicht fürchten, dass die Aufnahmen als Beweis dienen könnten?
Doch, aber das spielt für sie keine Rolle. Bliesener: „Die Jugendlichen wollen durch ihr Verhalten beweisen, dass sie Männer sind.“ Die Verwerflichkeit ihres Verhaltens blendeten sie aus. Ähnlich wie im Urlaub oder bei Gaffern läuft die Kamera mit – aus ganz ähnlichen Motiven. Egg: „Die Täter wollen sie sich nach der Tat anschauen, sie anderen zeigen und auch damit prahlen.“
Viele Bürger haben den Eindruck, dass die Jugendgewalt zunimmt. Warum klaffen Wirklichkeit und Wahrnehmung so auseinander?
Experten machen dafür auch die Medien verantwortlich. KFN-Direktor Bliesener zufolge haben sich die Meldungen über einzelne schwere Straftaten vervielfacht. „Der Leser kann das irgendwann nicht mehr auseinanderhalten. Dadurch wird die Wahrnehmung, wie häufig etwas passiert, massiv beeinflusst und die Häufigkeit von Gewalt überschätzt.“
Kriminologe Wolfgang Heinz aus Konstanz erklärt: „Angst vor Kriminalität entsteht meist nicht durch eigene Erfahrungen, sondern durch sensationsheischende Berichterstattung.“ Der Druck, hohe Einschaltquoten und Auflagen erzielen zu müssen, führe dazu, dass über brutale Einzelfälle überproportional oft berichtet werde.