Im Sommer 1916 hat ein angeblicher Poltergeist eine Witwe und ihre drei kleinen Kinder im württembergischen Großerlach aus ihrem Bauernhof verjagt. Die schaurigen Umtriebe sorgten damals für Schlagzeilen im gesamten Kaiserreich, und sie haben dem Örtchen am Rand des Schwäbischen Waldes vor allem unter Spiritisten zu einem Ruf wie Donnerhall verholfen. 100 Jahre später zählte die Gemeinde zu den zehn bekanntesten Spukorten in einer Liste der „Top 10 der Gruselorte“.
Sonntagmorgens um 7 Uhr beginnt der Spuk
Der Grund für Listenplatz neun ist ein Vorfall, der sich eben im Jahr 1916 mitten im Ort abgespielt haben soll. In einem aus dem Jahr 1740 stammenden kleineren Bauernhaus mit Stallung. Seine Besitzerin ist damals die 35-jährige Witwe Rosine Kleinknecht, deren Mann, ein Postbote, am 2. November 1915 im Ersten Weltkrieg fiel, so ist auf der Internetseite der Rems-Murr-Kommune zu lesen. Die Witwe bewohnte das Haus mit ihren drei Kindern, Mädchen im Alter von drei bis elf Jahren, und ihrem Neffen im Alter von 14 Jahren, der bei der Versorgung des Viehs mithalf.
Am 30. April, einem Sonntag, begann der Spuk und morgens um 7 Uhr im Stall. Nach dem Melken und Füttern war der Stall geschlossen worden. Plötzlich brüllte ein Kalb, und beim Nachsehen stellte sich dann heraus, dass es losgebunden war. Das ganze Vieh im Stall war außer Rand und Band, schlug mit den Hinterbeinen aus und schwitzte, als ob es mit Wasser begossen worden wäre. Witwe Kleinknecht band das Kalb fest und schloss den Stall. Doch sofort brüllte das Kalb wieder, und als die Frau nachsah, waren sogar zwei Stück Vieh losgebunden, obwohl angeblich niemand im Stall gewesen war.
Losgebundene und gequälte Tiere
Die Frau holte einen Nachbarn, der dann mit ihr den geheimnisvollen Vorgang des Losbindens der Ketten beobachtete. Obwohl sie die Tiere mit Ketten und Stricken festbanden und fünf Knoten machte, wurden diese sofort wieder losgebunden. Dabei konnte man stets die Bewegungen der Kette genau beobachten. Diese lag dann jeweils zu einem Klumpen geballt auf der Erde. Die unsichtbaren Hände quälten laut Bericht der Augenzeugen das Vieh, indem sie die Halskette so lange einwärts drehten, bis sie sich zu einem dichten Knäuel verknotete und das Vieh zu ersticken drohte. Diese Vorgänge wiederholten sich am 1. und 2. Mai.
Am 2. Mai ging dann der Spuk auch in der Wohnung los: Das kleinste Kind wurde plötzlich sehr aufgeregt, in der Küche krachte und polterte es von abends 21 Uhr bis morgens um 3 Uhr. Das Kind sah angeblich einen schwarzen Geißbock am Bett der Mutter, die anderen sahen ihn nicht. Man schaffte das Kind aus dem Haus, da begann das siebenjährige Mädchen unruhig zu werden, behauptete, grüne Augen und Ohren zu haben, weinte und fantasierte.
Vom 3. bis zum 5. Mai ließ der Spuk nach und ruhte in der folgenden Woche komplett. Dann aber ging es derart los, dass Menschenaufläufe entstanden. Es begann abends um 17 Uhr damit, dass ein Holzscheit auf dem Herd zu tanzen anfing. Ein Bauer vom Nachbarhof warf das Scheit zum Fenster hinaus, es kehrte aber blitzschnell wieder zurück, ohne dass zu sehen war wie und spazierte vom Hausgang auf den Speicher und zurück. Auch ein Holzstumpen flog später in der Küche umher. Abends stürzten fünf Milchhäfen vom Brett herunter, zerbrachen und vergossen ihren Inhalt.
Vom 15. Mai an gingen die Erscheinungen in Haus und Stall parallel vonstatten. Das Vieh wurde geschlagen, alle Milchgeschirre, Mostkrüge, Teller, Pfannen, Schmalzhäfen, Wassereimer und so weiter sprangen von ihren Plätzen, flogen auf den Boden oder sogar zur Haustüre hinaus. Ein Bauer, der mit seiner Peitsche dem Spuk zu Leibe ging, so heißt es in den Berichten, wurde übel zugerichtet. Eines Tages kam der Kinderwagen vom Speicher die Treppe herabgesaust. Das wiederholte sich, als man ihn wieder hinauf gebracht hatte.
Als ein Augenzeuge einen schwebenden Mostkrug packte, flog ihm nachher ein Milchhafen an den Kopf. Ein Wassereimer humpelte auf dem Fußboden zur Tür hinaus. Dem Amtsdiener wurde die Mütze von hinten vom Kopf geschlagen, offenbar, ohne dass jemand hinter ihm gestanden wäre. Schließlich hoben sich einmal mehr wie von Geisterhand sämtliche Türen im Großerlacher Bauernhaus aus den Angeln und stürzten allesamt zu Boden.
Nachdem der Rosine Kleinknecht auch noch die Betten zerrissen und ihrer Federn entleert, außerdem verschiedene Personen durch umherfliegende Gegenstände verletzt worden waren, verließen alle Bewohner und Bewohnerinnen das chaotische Spukhaus am 15. Mai. Schultheiß, Lehrer, Amtsdiener, Bezirksbeamte dienten als Zeugen. Eine Erklärung für die gruseligen Vorgänge hat sich nicht gefunden, aber die schaurige Geschichte vom Großerlacher Spukhaus schlug damals in der gesamten Presse des Kaiserreichs gewaltige Wellen.
„Eigentlich ist das eine tragische Geschichte“, sagte vor einigen Jahren der langjährige Großerlacher Bürgermeister Christoph Jäger zum 100-Jahr-Jubiläum des Poltergeistdramas. „Die Frau hat nahezu ihren gesamten Besitz verloren. Bis heute ist nicht klar, was da genau passiert ist. Es gibt nur viele Spekulationen.“
Auch Zweifel an der Echtheit der Spukgeschichte kamen einst schnell auf. Drei Psychologieprofessoren aus Tübingen reisten im Juli 1916 an, um direkt vor Ort Untersuchungen anzustellen. „Obwohl wir das Vorhandensein abnormer Vorgänge nicht von vornherein ausschlössen, kamen wir zu der bestimmten Überzeugung, dass ein Grund für eine solche Annahme hier nicht vorliegt“, gaben die Professores Oesterreich, Deuchler und Haering anschließend zum Großerlacher Spuk zu Protokoll, so ist es auf einer Internetseite der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg nachzulesen.
Kurz gesagt: Die Herren Professoren gingen offenbar von einem Schwindel aus.
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