Alan Rusbridger, der Chefredakteur des „Guardian“, hat das Medienkartell Murdochs entlarvt. Leicht war das aber nicht.

Korrespondenten: Peter Nonnenmacher (non)

London - Da hat der kleine David aber gut geschleudert. Dem Goliath - Rupert Murdoch - brummt der Schädel von diesem Streich. Der Londoner "Guardian" hat Murdochs mächtiges Medienempire voll an der Stirn getroffen. Auch Scotland Yard und die Tory-Partei reiben sich die blauen Flecken. Diese Kieselladung solider Recherche hat, wie man so schön sagt, gesessen. Es war ein ungleicher Kampf, von Anfang an, zwischen diesen Kontrahenten. Hier Britanniens linksliberales Blatt, wirtschaftlich auf schwachen Füßen, geführt von Alan Rusbridger, einem wuschelhaarigen Intellektuellen auf dem Chefsessel der Redaktion. Dort ein Medienkoloss, dem schon jetzt 40 Prozent aller Zeitungsauflagen und ein maßgeblicher Anteil im Satellitenfernsehen der Insel gehören - und ein Establishment, das daran gewöhnt war, diesem Koloss zu Gefallen zu sein, und alle Attacken auf ihn abzuwehren.

 

Rusbridger, seit 1995 Chefredakteur des "Guardian", darf sich einiges darauf zugutehalten, dieses vertrauliche Arrangement der Mächtigen erschüttert zu haben. Er und sein Topreporter Nick Davies haben seit zwei Jahren beharrlich Spuren verfolgt, die andere mit aller Kraft zu verwischen suchten. Mit ersten sensationellen Meldungen zu kriminellen Handlungen im Murdoch-Blatt "News of the World" hatte Rusbridgers Redaktion bereits im Juli 2009 zu einer Inspektion der Machenschaften im Hause Murdoch eingeladen.

Aber die Polizei ignorierte lieber das ihr zugespielte Beweismaterial. Das Selbstkontrollgremium der Presse tat das Ganze als unbedeutend ab. Murdochs Blätter hieben erbarmungslos auf den "dreisten" "Guardian" ein. Und der Rest der Medien, praktisch die ganze Riege bürgerlicher Zeitungen im Königreich, schloss verschämt die Augen vor der Affäre. Nur der liberale "Independent" (noch kleiner und noch schwächer), die stoische "Financial Times" und die von Murdoch offen bedrohte BBC sprangen dem "Guardian" gelegentlich bei.

Held eines unerschrockenen Journalismus

Rusbridger, auch von Rivalen plötzlich als Held eines unerschrockenen Journalismus gefeiert, erinnert sich sehr gut an die "geisterhafte Stille", die seine Bemühungen um Aufklärung begleitete. Wäre es um irgendein anderes Unternehmen gegangen, meint er, hätten derart explosive Enthüllungen wie die des "Guardian" einen empörten Aufschrei verursacht. Nicht so bei Murdoch. "Zu groß und zu dominant" sei dessen Konzern geworden. Erst mit der Nachricht extremer Unmoral der vergangenen Woche, als die Stimmung in der Bevölkerung kippte, habe "der Medienkonzern, der so lange unangreifbar schien", seine "einschüchternde Aura eingebüßt".

Rusbridger hält seinen Reporter Nick Davies für "den wirklichen Helden" in dieser Saga. Er hat, gegen alle Widerstände, Davies den Rücken gestärkt, den "Guardian" unermüdlich verteidigt. Der im damaligen Rhodesien geborene Lehrersohn und grundliberale Brite hatte seinerseits nach einem Englischstudium in Cambridge als Reporter, Kolumnist und Korrespondent gearbeitet, bevor er im "Guardian" an die Spitze kletterte. Als Chefredakteur baute er die (bis heute freie) Webseite des Blattes zu einer der führenden der Welt auf, gab die Druckausgabe des "Guardian" im Berliner Format neu heraus und machte sich auf vielerlei Veranstaltungen Gedanken zu Pressefreiheit und Pressevielfalt. Ein "Hüter" dieser Werte sollte der "Guardian" auch in schwierigen Zeiten bleiben.

Mittlerweile hofft Rusbridger, dass die Murdoch-Krise zu einer demokratischeren, weniger überschatteten Presselandschaft im Königreich führen wird. Mehr staatliche Presseaufsicht wäre ihm ein Gräuel. Im Übrigen kann er sich kaum vorstellen, dass Rupert Murdoch nun Rache an ihm persönlich oder an anderen Kritikern nehmen würde: "Ich glaube wirklich nicht, dass Murdoch sich viel öffentliche Sympathie damit verschaffen würde, wenn er nun die Leute verfolgte, die ihn und ,News of the World' kritisierten."