Guerilla-Radler in Stuttgart Kesseln im Kessel

Kesseln am Katzenbuckel im Stuttgarter Osten Foto: Högerle
Kesseln am Katzenbuckel im Stuttgarter Osten Foto: Högerle

Sie trotzen Hügeln, Autos und Feinstaub. Und nicht nur im Alltag fahren sie Rad; die Velohelden, die Radbande und Kollegen laden auch zu Rennen. Gerne steil, gerne mit Spaß, gerne ohne Gangschaltung und gerne mit einem Bier als Siegerpreis.

WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Stuttgart - Es ist eine Rampe, die der Zielankunft bei einer Tour de France angemessen wäre. Die Hornbergstraße hoch von der Talstraße zur Gaisburger Stadtkirche führt nicht nur in ein Quartier, das an Südfrankreich erinnert, sie ist auch so steil, dass selbst Tour-Sieger Christopher Froome ordentlich in die Pedale steigen müsste. Also ein angemessener Ort für die Premiere des ersten Rennens des Radkollektivs Kesseln.

Buckeln auf dem Katzenbuckel

Katzenbuckel heißt der Stich im Volksmund, man muss ordentlich buckeln, bis man oben ist. Oder ziemlich kesseln, wie die Radsportler im Kessel sagen. Zumal, wenn man mit einem Fixie fährt, also ohne Schaltung und nur mit einem starren Gang, so wie Christoph Morgenstern, Jörg Jäckel und Roman Högerle. Eine sehr schwäbische Variante des Rads, möchte man sagen, es ist wenig dran, also kann auch wenig kaputtgehen.

Liebhaber des Fixies ist auch das Rad Pack aus Münster/Westfalen. Die sind Vorbilder der Szene, veranstalten schon länger Rennen, die Rad Races. Ihr Motto: „Deine Hautfarbe, Religion, Geschlecht oder Herkunft sind uns scheißegal – bei uns zählt nur auf dem Rad. Leg deine Vorurteile ab. Egal ob Rennrad, Single Speed, Fixed Gear, Mountainbike oder Dreirad. Am besten indem du so schnell fährst, dass du danach nicht mehr weißt, wer du überhaupt bist und wo du herkommst!“ Regelmäßig haben Rad Pack Besuch aus Stuttgart, und der hatte nicht vergessen, woher er kommt. Man traf sich und beschloss, man müsse so was auch mal in der Heimat machen, erinnert sich Jäckel. Und Morgenstern fügt hinzu: „Wir gehörten auch zu den Leuten, die gemeckert haben: Hier passiert ja nix, keiner tut was!“

Das Kesseln Kollektiv ruft zu Rennen

Das haben sie geändert – und sich mit Gleichgesinnten zusammengetan. Die waren leicht zu finden. Denn seit einiger Zeit blüht eine Szene von Enthusiasten in Stuttgart, die Hügeln, Autos und Feinstaub trotzt. Kumpel und Freunde, die sich zusammenfinden und sich Velohelden, die Radbande, Stuttgart Fixed Gear oder der Heaven and Hell Cycle Club nennen, Trikots basteln und gemeinsam radeln. Sie haben das Kesseln Kollektiv ins Leben gerufen und organisieren jeden zweiten Mittwoch im Monat in der Stadt Rennen. Erstmals traf man sich zum Bergsprint am Katzenbuckel, dann ging es zum Kriterium auf das 300 Meter lange Oval an der Uni in Vaihingen, im Juli strampelte man zur Grabkapelle, am 9. August soll man sich um 19 Uhr am Fluxus einfinden. Högerle: „Wir treffen uns und fahren alle gemeinsam zum Austragungsort.“ Knapp 100 Leute kommen mittlerweile, mitmachen kann jeder, ob mit Rennrad, Fixie, Mountainbike, Touren- oder Klapprad. Nur elektrisch angetrieben sein darf das Rad nicht. Wem es zu anstrengend ist, der schaut einfach zu.

Morgenstern: „Wir wollen eine gute Zeit zusammen haben.“ Klar, es geht auch ums Kräftemessen, um den Wettkampf, aber nicht ums Gewinnen. Ob sie nun Ausscheidungsrennen fahren oder um Punkte, bisher sei es immer so gewesen, dass sich mit Einbruch der Dunkelheit keiner mehr um den Sieg scherte. An der Grabkapelle grillte man gemeinsam, ein Bier gibt’s gegen Spende in die Getränkekasse. Das hiesige Epo heißt Wulle oder Käpsele. Sie suchen die Strecken so aus, dass sie niemanden behindern, und sichern sie. „Aber da wir ja keine offiziellen Rennen fahren, müssen wir sie nicht anmelden“, sagen sie, „für uns muss man nichts sperren.“ Ein politisches Anliegen treibe sie nicht. Wobei in einer Stadt wie Stuttgart schon das Radeln eine politische Aussage ist.

Die Critcal Mass wächst und wächst

Schließlich sah die Verkehrspolitik jahrzehntelang so aus: Den Platz, den die Autos nicht brauchten, überließ man den Radlern und Fußgängern. Da blieb nicht viel übrig. Was nicht in die autogerechte Stadt passte, wurde passend gemacht. Nun wollen die Radler die kritische Masse erreichen, jene kritische Masse, ab der sie beachtet und von der Politik ernst genommen werden. Das zeigen sie vor allem auf der sogenannten Critical Massjeden ersten Freitag im Monat, bei der im Juli 1330 Radler mitfuhren.

„Ritzel statt Rußpartikel“ heißt das Motto der Critical Mass. „Kesselrollen“ heißt der Film, den Roman Högerle gedreht hat. Er dreht sich natürlich um das Radfahren in der Stadt und seine Protagonisten. Die schrecken vor keiner Herausforderung zurück. Nächstes Jahr endet die Deutschland-Tour in Stuttgart. Veranstalter ist die ASO, Herrin der Tour de France. Für die Profis werden Straßen gesperrt. Man könnte so eine schöne Strecke ja mal nutzen, um das Kollektiv dorthin einzuladen, finden Jäckel, Högerle und Morgenstern. Angefragt haben sie schon, ob man vor oder nach der Tour auf den Kurs dürfte. Um mal so richtig zu kesseln.




Unsere Empfehlung für Sie