Stuttgart - Statt Züge und Fahrgäste könnten durch die neuen Tunnel von Stuttgart 21 doch auch voll automatisiert Güter transportiert werden – und die Landeshauptstadt hätte auf einen Schlag eine Citylogistik, die die Straßen und ihre Anwohner entlastet. Das hört sich abenteuerlich an, ist aber eine Vision der S-21-Gegner. Und dass die Grundidee plausibel sei, ist dem Aktionsbündnis gegen S 21 nun professoral bestätigt worden. Am Freitag legten die Auftraggeber und ihre Gutachter, zwei Professoren der Hochschule Coburg, die Studie vor. Ergebnis: Der Ansatz sei belastbar, der Betrieb solch eines Systems wohl zu wettbewerbsfähigen Preisen möglich.
Die Grundidee ist, dass der Hauptbahnhof ein Kopfbahnhof bleibt und der schon teilweise gebaute Tiefbahnhof zum sogenannten City-Hub der Güterlogistik wird. Am anderen Ende der Tunnel würde es Umschlagplätze, sogenannte Güterverteilzentren, geben: in Untertürkheim und auch beim Portal des Fildertunnels in der Nähe des Echterdinger Eis und an der Autobahn. Ja, mit gewissen Anpassungen hält man bei der Umstiegsgruppe und den Ingenieuren 22 innerhalb des Aktionsbündnisses auch einen unterirdischen Gütertransport in Richtung Feuerbach und zum Porsche-Werk Zuffenhausen für möglich.
Gutachter sehen enormes CO2-Einsparpotenzial
Der Coburger Logistik-Experte Philipp Precht hat von Deutschland-Zahlen heruntergerechnet, dass im erweiterten Innenstadtbereich von Stuttgart pro Jahr rund 121 Millionen Packstücke hin- und hergefahren werden. Päckchen, die die Menschen im Internet bestellen, aber auch Lieferungen für Wirtschaft und Gewerbe. Das wären 1,5 Millionen Paletten, die durch die Tunnel rollen könnten. Der mittlere Preis, den man für einen wirtschaftlichen Betrieb verlangen müsste, liege bei sechs Euro pro Palette. Die Stadt müsste allerdings Anreize geben zum Umladen, etwa durch eine Citymaut oder strenge Umweltstandards für Lkw.
Die Effekte für die Entlastung des Straßensystems und für den Klimaschutz halten die Gutachter für enorm. Kämen die Packstücke komplett in die Tunnel, würde man 2,33 Millionen Lkw-Kilometer pro Jahr einsparen, sagen Precht und sein Kollege Mathias Wilde. Damit würden Treibhausgase in der Größenordnung von 1073 Tonnen Kohlendioxid vermieden. Kämen nur 30 Prozent der Packstücke nach unten, würden 699 000 Lkw-Kilometer und 322 Tonnen CO2 entfallen. Die Rohbauten der Tunnelröhren von S 21 seien für die Aufgabe „mehr als ausreichend“, sagte Wilde. Es gebe Spielraum für weitere Nutzungen wie Rohrleitungen zu Transportzwecken. Die Rohtunnel müssten noch etwas präpariert werden. Das Fazit lautet: Die Idee sei weiter überlegenswert. Für den Nachweis der Machbarkeit und für das Technikkonzept bedürfe es weiterer Studien.
Die Hoffnung der Projektgegner liegt im Brandschutz
Nun werden die allermeisten Menschen einwenden, es handle sich um ein Wolkenkuckucksheim, weil in Zukunft einmal Züge durch die Tunnel fahren. Das Aktionsbündnis denkt anders. Werner Sauerborn und Hans-Jörg Jäkel von der Umstiegsgruppe halten den Brandschutz in den neuen Bahntunneln für sträflich missachtet. Man müsse erwarten, dass keine Züge hindurchfahren dürften. Mit dieser „High-Tech-Rohrpost zwischen der Peripherie und dem Stadtzentrum“ wolle man einen Plan B entwickeln. Wie die Umstiegsgruppe ja generell schon Gebautes nicht schleifen, sondern umnutzen wolle. Schon bald werde man auch eine andere Verwendung für bereits entstandene Kelchstützen des Tiefbahnhofs vorschlagen. Leitidee: Bei der Internationalen Bauausstellung 2027 demonstriert man „die Konversion eines missratenen Projektes“.