Guido Buchwald ist Juror beim Stuttgarter des Jahres Rettender Ritt auf wunderlichen Tieren

„Ein bisschen Understatement finde ich gut“, sagt Martin Kluck, der sich selbst seit zehn Jahren ehrenamtlich ins Zeug legt. Foto: Kathrin Wesely
„Ein bisschen Understatement finde ich gut“, sagt Martin Kluck, der sich selbst seit zehn Jahren ehrenamtlich ins Zeug legt. Foto: Kathrin Wesely

Der Fußball-Weltmeister Guido Buchwald hat schon als Profi über den Tellerrand geblickt – bis nach Japan. Auch deshalb ist er Juror beim Stuttgarter des Jahres. Bald endet die Bewerbungsfrist für Kandidaten.

Aus den Stadtteilen: Kathrin Wesely (kay)
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Stuttgart - Manchmal gleicht das Leben einem Puzzlebild, doch man ahnt in entscheidenden Momenten oft nicht, dass man gerade ein zentrales Teil davon in Händen hält. So war das an einem trüben Novembertag im Jahr 2007, als bei Martin Kluck im Büro das Telefon klingelte und ein Kumpel dran war: „Sag mal, du bist doch eh so frustriert in deinem Job . . .“, hob der Freund an. Und er hatte recht: Kluck hatte nach dem Abi Groß- und Einzelhändler gelernt und nun schon ein paar Jahre bei einem Baustoffhändler auf dem Buckel. Die Arbeit dort ödete ihn an.

Martin Kluck war tief berührt

Der Freund arbeitete an einem geförderten Uni-Projekt. Sechs Studierende sollten in einem Waisenhaus in Tansania Aufbauarbeit leisten. Alles war organisiert und finanziert, doch fehlte für den sechsten Platz ein Student. Martin Kluck sprang ein, und das Puzzle seines Lebens fügte sich fortan nach und nach zu einem neuen Bild. Er blieb nicht bei dem Waisenhaus, sondern unterstützte stattdessen ein Ehepaar, das eine Schule mit 85 Kindern und fünf Lehrern betrieb. Puzzle-Stück zwei war ein Reisetagebuch, das ihm seine Schwester mitgegeben hatte. Er notierte, skizzierte oder klebte auf , was er fand, was er sah und erlebte. Eines Tages begegnete Martin Kluck dann Puzzleteil drei: Abigail. Die Siebenjährige hatte denselben Schulweg und immer ihre rückenkranke Halbschwester Glory dabei, die sie mal trug, mal stützte. Kluck half ihr. Sie wurden Freunde. Als es hieß, Abschied zu nehmen, da borgte sich das Mädchen sein Tagebuch. Und als sie es am nächsten Tag zurückbrachte, da fand Martin Kluck darin Puzzlestück Nummer vier: ein sorgsam gefaltetes Papier mit einer Zeichnung, die ein Männlein mit Sprechblase „Love you“ zeigte. „Da war wohl ich mit gemeint.“ Martin Kluck war tief berührt.

Daheim druckte er das Motiv auf ein T-Shirt. Und als Abigails Eltern das Schulgeld nicht mehr bezahlen konnten, da bedruckte er ganz viele T-Shirts mit der Zeichnung, verkaufte sie im Internet und schickte das Geld an Abigails Eltern. „Dann habe ich mir gedacht: Wenn das mit einem Kind funktioniert, geht das auch mit mehreren!“ Eine Geschäftsidee war zur Welt gekommen.

Kluck gründete die Firma Kipepeo, deren Startkapital er mit Knochenarbeit auf dem Bau ranschaffte. Er studierte verschiedene Drucktechniken, organisierte sich Baumwollhändler aus Tansania und Nähereien, die die T-Shirts fertigten. Mit den Lehrern an Abigails Schule vereinbarte er, dass die Kinder im Biounterricht Tiere zeichneten. Manchmal kreuzten die Schüler die Tiere ihrer Umgebung auch mit Viechern aus ihrer Fantasie. So kamen sie als Motive auf die T-Shirts. Von Kipepeo sollten möglichst viele Menschen in Tansania profitieren, so Klucks Idee. „Wichtig war mir dabei, den Leuten vor Ort fair und auf Augenhöhe zu begegnen.“

Und dann hat er sich selbst eingestellt

Das alles deichselte der junge Mann an seinen freien Abenden und Wochenenden neben einer üblichen 40-Stunden-Woche. Denn das Geld, das er mit Kipepeo erwirtschaftete, floss weiterhin gen Tansania – für einen Computerraum in der Schule, für eine Küche, das Schulgeld armer Kinder und allerlei Projekte. Sieben Jahre lang hat Kluck den Job neben einer Vollzeitstelle durchgehalten, 10 000 Shirts im Jahr gedruckt, dann hat er sich selbst eingestellt. Inzwischen tourt er nicht nur mit seinen T-Shirts zu Nachhaltigkeitsmessen, er hält auch Vorträge. Er will das Wissen, das er mühsam erworben oder im Trial-and-Error-Verfahren mitunter qualvoll erschlossen hat, an andere weiterreichen, die gute Projekte im Kopf oder am Laufen haben.

Kipepeo wird dieses Jahr zehn Jahre alt und sein Erfinder Martin Kluck 36. Wenn man ihn fragt, was ihm dieses nachhaltige Engagement selbst gebracht hat, kommt er auf allerlei Menschen zu sprechen, die er dabei kennengelernt hat. Da sind die Leute in Tansania, deren Dankbarkeit ihn mit Freude erfüllt und zum Weitermachen anspornt. Aber auch die Unterstützer, die Leute, die ihr Fachwissen weitergeben, Impulse geben, ihren Grips einbringen – uneitel und hilfsbereit, einfach an der Sache interessiert. Und dann nennt Kluck noch etwas, worum ihn viele Menschen beneiden dürften: „Ich kann dank Kipepeo meine Ideale und Wertvorstellungen leben.“

Dass er als Mitglied der Jury zum „Stuttgarter des Jahres“, der gemeinsamen Benefizaktion von Stuttgarter Versicherungsgruppe und Stuttgarter Zeitung, nun selbst ehrenamtlich Engagierte auswählen muss, ist ihm fast ein bisschen peinlich. „Es gibt so unglaublich vielseitige Möglichkeiten, sich zu engagieren. Ich möchte nicht darüber entscheiden, ob es besser ist, sich für Naturschutz oder für arme Menschen einzusetzen.“

Thematisch gebe es viele wichtige Felder, die es wert seien, beackert zu werden. „Es kommt eigentlich mehr auf das konkrete Projekt an, auf die Herangehensweise und die Fragen nach der Nachhaltigkeit oder der Fairness eines Projektes“, sagt Kluck. Sympathisch seien ihm persönlich bescheidene Helfer: „Ein bisschen Understatement finde ich gut, Leute, die ihr Tun nicht an die große Glocke hängen. Und Leute, die wirklich für eine Sache brennen und Hilfe auf Augenhöhe anbieten, nicht von oben herab.“ Das fertige Puzzlebild von Martin Kluck zeigt übrigens ein Porträt von exakt so einem Menschen.




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