Guido Reni im Städel Frankfurt Der liebe Gott wohnt im Himmel
Guido Reni war ein Malerstar zu seiner Zeit. Was ist es, was ein heutiges Publikum an dem genialen Maler und hemmungslosen Spieler begeistert?
Guido Reni war ein Malerstar zu seiner Zeit. Was ist es, was ein heutiges Publikum an dem genialen Maler und hemmungslosen Spieler begeistert?
Es ist schon erstaunlich: Fast 400 Jahre sind vergangen, und trotzdem weiß man sofort, warum diese Frau so innig den Blick gen Himmel verdreht. Sie schaut nicht nach dem Wetter. Sie rollt auch nicht entnervt die Augen. Nein, diese junge Frau in wallenden Gewändern schaut zu Gott. Für Guido Reni war – wie für die meisten seiner Zeitgenossen in Westeuropa – ausgemachte Sache, dass dieser Gott oben im Himmel wohnt, irgendwo zwischen den Wolken.
Im Städel-Museum in Frankfurt kann man nun sehr viele dieser Frauen entdecken, die sehnsüchtig in die göttlichen Gefilde schauen. Es war dieser verdrehte Blick, der Guido Reni bekannt und sogar zu einem Weltstar machte. Alles, was Rang, Namen und Geld hatte, wollte eine seiner Marias, Cäcilien oder Katharinas im Salon hängen haben. Das Städel hat nun einige dieser Gemälde versammelt, die Guido Reni in Europa verkaufte. Und so, wie diese Damen nun nebeneinander hängen, ist unübersehbar, dass der betonte Blick nach oben eine Art Markenzeichen wurde. Man könnte es auch Masche nennen.
Es ist eine stattliche Ausstellung, mit der das Frankfurter Städel nun den „göttlichen Guido“ würdigt, wie seine Zeitgenossen ihn nannten, weil Guido Reni nicht nur göttlich malen konnte, sondern sich auch passioniert christlichen Motiven widmete. Vor allem seine Marienbilder haben damit entscheidend die Bildwelt des Katholizismus geprägt. Bis heute findet man in Gesang- und Gebetsbüchern kleine Bildchen mit seinen Motiven. Diese Popularität hat Renis Image bei den Kunstwissenschaftlern allerdings eher geschadet. Erst in jüngerer Zeit wird er wieder ins Visier genommen.
Doch was könnte ein heutiges Publikum interessieren an den Heiligen und Gläubigen, den mythologischen Szenen, am muskelbepackten Herkules oder an Lucretia, die dramatisch den Dolch schwingt? Genügen Superlative wie „Malerstar“ und „der Göttliche“, um ein ernsthaftes Interesse an den Gemälden zu wecken? Es sind sicher nicht die Themen, die verfangen: hier die büßende Magdalena, dort der Heilige Hieronymus. Vermutlich kümmert auch kaum jemanden die Frage, die der Kurator Bastian Eclercy mit der Schau diskutieren will: War Reni ein Caravaggist oder doch ein Anti-Caravaggist?
Interessanter ist aus heutiger Sicht, in den Kopf dieses Malers zu schauen. In was für eine Welt wurde er 1575 hineingeboren? Eine historische Karte macht bewusst, was für ein überschaubares Städtchen Bologna damals war, wo Reni die meiste Zeit seines Lebens verbrachte. Er war streng gläubig, hatte aber ein hitziges Temperament und Allüren. Er war erst 23 Jahre alt, als der Papst Bologna einen Besuch abstatten sollte und er den Auftrag bekam, die Fassade des Palazzo del Reggimento hierfür zu bemalen. Sogar seinen eigenen Lehrer stach er bei dem Wettbewerb aus.
Guido Reni stieg schnell auf zu einem erfolgreichen Maler. Herzöge und Päpste engagierten ihn, sogar die englische Königin versorgte ihn mit Aufträgen. Er arbeitete für die Familie Borghese und bemalte die Decken im Vatikanspalast. Aber sein Weg war auch von Streit und Brüchen gezeichnet. Mal reiste er wegen irgendwelcher Unstimmigkeiten wütend ab, mal, weil auf seinen Diener ein Mordanschlag verübt wurde.
Mit Frauen hatte er wohl wenig am Hut, dafür aber Angst vor Hexen. Er kleidete sich exquisit, lebte auf großem Fuß, unterstütze Arme und Darbende. Den größten Teil seines stattlichen Vermögens brachte er allerdings mit seiner Spielsucht durch. Ein Saal im Frankfurter Städel ist den vielen Marien gewidmet – und die Wiederholung des Motivs macht bewusst, dass hier auch ein Geschäftsmann am Werk war, der Kundenwünsche erfüllen musste, damit neues Geld reinkommt. 23 Mal hat Reni Kleopatra gemalt und Lucretia sogar 37 Mal, weil sich die Damen so gut verkauften.
Es ist durchaus vergnüglich, zu vergleichen, wie Guido Reni seine Motive variierte. Auf den Marienbildern sind Engel köstlich am Schaffen. Hier wuchten sie Maria förmlich nach oben, dort steht sie mit nackten Fuß direkt auf dem Kopf eines Knaben. Als Engel hat man offenbar zu tun – und Reni ersann immer neue Aufgaben für die Nackedeis.
Natürlich waren diese Bilder nicht dafür konzipiert, wie auf dem Seziertisch nebeneinander gehängt zu werden. Der chronologische Rundgang in der Ausstellung macht aber sichtbar, dass Guido Reni im Lauf seines turbulenten Lebens vom Göttlichen ins Irdische hinabstieg – auch künstlerisch. Als er 1616 Saulus malt, macht am bewölkten Himmel nur noch ein vages Licht Hoffnung auf Heil. Stattdessen wirkt es erdenschwer, wie dieser kräftige Kerl vom Pferd fällt und sich auf den Boden stützt.
Guido Reni konzentrierte sich in seiner Malerei stets auf das Wesentliche. Vielleicht war es auch eine Frage der Ökonomie, dass er sich in seinen übersichtlichen, klaren Kompositionen nie in unnötigen Details verlor und auf Nebenschauplätze verzichtete. Stattdessen inszenierte er theaterhafte, dramatische Schauspiele, in denen nicht Menschen, sondern Kunstfiguren agierten. Manchmal aber war er doch ganz nah am profanen Alltag und sogar mit Humor bei der Sache. Sein Bacchus (1630) ist ein speckiges Kleinkind, das gierig Wein säuft – und nebenbei enthemmt pieselt.
Reisetipps
Derzeit hat Frankfurt gleich mehrere sehenswerte Ausstellung zu bieten: In der Schirn-Kunsthalle kann man einen neuen, anregenden Blick auf Marc Chagall werfen. Im Museum Angewandte Kunst werden bei „Best High-Rises“ preisgekrönte Hochhäuser aus aller Welt gezeigt.
Info
Ausstellung bis 5. März, geöffnet Di bis So 10 bis 18 Uhr, Do 10 bis 21 Uhr. adr