Gunter Demnig Der Mann der Stolpersteine

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Ihr Erfinder ist voll des Lobes und des Respekts: "In Stuttgart gibt es inzwischen 17 Initiativen, die in den Stadtbezirken recherchieren, meine Arbeit vorbereiten, Veröffentlichungen und Veranstaltungen machen, das Tiefbauamt unterstützt meine Verlegungen auf den Gehwegen. Eine solche Basis haben mein Helfer und ich in keiner anderen Stadt." Also komme er zweimal im Jahr, im Frühling und im Herbst; die nächsten Termine stünden längst fest. An vielen Orten, auch in der Region um Stuttgart herum, nehme man sich die hiesigen Initiativen zum Vorbild.

27.000 Stolpersteine in zwanzig Jahren, fast ständig unterwegs, kaum ein Privatleben und keine Zeit für andere Kunstprojekte - besteht da nicht die Gefahr, zum Sklaven seiner eigenen Idee zu werden? Die Antwort kommt prompt: "Vor wenigen Tagen war ich zum zweiten Mal in Rom, habe dort mehr als fünfzig Steine verlegt." An einer Stelle seien eigens zwei Nachfahren der Opfer aus Israel angereist. Als sie sagten, sie besäßen kein einziges Foto ihres ermordeten Vorfahren, wüssten also auch nicht, wie er ausgesehen habe, da sei eine Nachbarin ins Haus gegangen und mit einem alten Klassenfoto zurückgekehrt. Darauf sei auch der Vorfahre zu sehen gewesen. Da habe er, selbst nach so vielen Jahren, "eine Gänsehaut bekommen".

Er wehrt sich gegen Nachahmer


Das seien die Momente, die ihn darin bestärken, immer weiterzumachen, sagt Demnig mit tiefem Ernst. Deshalb wehre er sich gegen Nachahmer, die es leider auch gebe - deshalb habe er sich vorbehalten, alle Stolpersteine eigenhändig in den Boden einzulassen. Er nennte sie "eine soziale Skulptur", und er bekennt, "dass ich als Alt-68er damit auch einen politischen Anspruch verbinde". Im Übrigen staune er immer wieder, wie viele Menschen zu den Verlegungen kämen, wie interessiert die Schulklassen seien, aber auch öffentliche Honoratioren. Mehr und mehr treffe er an seinen Stolpersteinen die Enkel und Urenkel der Opfer aus aller Welt. Und er habe an vielen Orten echte Freunde gefunden. Am Montagabend, das sei schon ausgemacht, werde er nach der Verleihung mit seinen Stuttgarter Freunden feiern - er sei nämlich, selbst wenn man ihm das auf den ersten Blick nicht ansehe, ein heiterer Zeitgenosse.

Ach, und dann ist da ja noch der unvermeidliche Hut, quasi sein Markenzeichen. Hat der womöglich mit Joseph Beuys zu tun? Nein, sagt Demnig, und lacht: "Ich hab mal als junger Mann im Fundus der Deutschen Oper gejobbt. Eines Abends, als es regnete, hab ich mir einfach einen Hut gegriffen, um nicht nass zu werden - bei dem Hut ist es geblieben." Den freilich setzt Gunter Demnig nur höchst selten ab, schon gar nicht in geschlossenen Räumen. Also auch nicht am Montagabend, wenn er im Stuttgarter Rathaus die Otto-Hirsch-Medaille bekommt, die an den Mann erinnert, der Zehntausenden von Juden zur Flucht vor den Nazis verholfen hat und der selbst auf eine mögliche Flucht verzichtet hat, wohl wissend, dass ihn das sein Leben kosten werde. Seit dem 6. Oktober 2009 gibt es auch für Otto Hirsch einen Stolperstein.




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