Die Gänge in der Gustav-Werner-Schule sind eng, weil sich dort Garderoben, Materialschränke und auch Einzelarbeitsplätze befinden. Woanders ist kein Platz dafür. Die Rektorin Katja Kuklinski sorgt sich um die Zukunft der Schule. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Wegen der desolaten Haushaltslage stehen in Stuttgart viele Sanierungen und Neubauten auf der Kippe. Eine Schule würde es besonders stark treffen, der Betrieb ist „akut gefährdet“.
Petra Corvaglia kann die Tränen nicht zurückhalten. Wenn es um ihren Sohn geht, werde sie schnell emotional, sagt sie entschuldigend und wischt sich über die Augen. Als Mutter eines behinderten Kindes habe sie schon so viele schlechte Erfahrungen machen müssen. An der Gustav-Werner-Schule habe sie zum ersten Mal das Gefühl gehabt, dass ihr Kind so angenommen werde, wie es ist. Das war vor sechs Jahren, seitdem habe ihr Sohn enorme Fortschritte gemacht. „Ich bin so dankbar, dass er hier sein kann“, sagt Petra Corvaglia, die auch die Vorsitzende des Elternbeirats ist.
Die Gustav-Werner-Schule in Zuffenhausen ist ein Sonderpädagogisches Bildungs- und Beratungszentrum (SBBZ) mit Förderschwerpunkt geistige Entwicklung. Das Gebäude stammt aus dem Jahr 1969 und war ursprünglich auf 70 bis 80 Kinder ausgelegt. Inzwischen sind es 183 Mädchen und Jungen. Für das kommende Schuljahr rechnet die Rektorin Katja Kuklinski mit mehr als 200 Schülerinnen und Schülern. Die Schule platzt aus allen Nähten.
Auf dem Flur spielen Kinder. Sie hüpfen oder balancieren über bunte Elemente. Solche Bewegungspausen seien für Kinder an ihrer Schule besonders wichtig, sagt die Rektorin. Doch nirgendwo sei Platz. Der Flur sei auch nicht der ideale Ort dafür, schon allein wegen des Brandschutzes, doch es gebe keine andere Möglichkeit. Die Klassenzimmer bieten kaum Raum für die eigentlich so notwendige Differenzierung. „Wir machen für fast jedes Kind ein spezielles Angebot, weil die Lernniveaus so unterschiedlich sind. Aber dafür sind die Räume gar nicht ausgelegt“, sagt Katja Kuklinski.
Die Räume werden doppelt und dreifach genutzt
Die Enge ist überall spürbar. Fachräume wurden abgeschafft beziehungsweise zu einfachen Klassenzimmern umfunktioniert, wie zum Beispiel der Kunstraum. Eine Mensa gibt es nicht, sondern lediglich einen kleinen Bereich im Schulhaus mit Tischen und Stühlen. Der reicht aber längst nicht für alle, viele Kinder essen deshalb im Klassenzimmer. Eine kleine Küche wird auch als Besprechungszimmer genutzt. Im Lehrerzimmer stehen Tische und Stühle für rund zehn Kolleginnen und Kollegen – das Kollegium umfasst insgesamt aber 72 Personen, wenn auch nicht alle in Vollzeit arbeiten.
An vielen Stellen ist die Schule marode. Im Vorraum der Schwimmhalle ist ein Bereich abgesperrt, weil der Putz von der Decke kommt. Immer wieder muss das Lehrschwimmbecken gesperrt werden, um es notdürftig zu reparieren. Dasselbe gilt für den Belag auf dem Sportplatz. Jede Woche muss das Kollegium improvisieren, weil wieder irgendetwas nicht wie vorgesehen nutzbar ist. Für die Kinder mit Förderbedarf, unter ihnen immer mehr mit einer Autismus-Spektrum-Störung, sei das ein Problem. Sie brauchen verlässliche Strukturen, um sich wohlzufühlen.
Pläne, wie die Schule saniert und erweitert werden kann, gibt es. Doch es passiere nichts, sagt die Rektorin. Die eklatante Raumnot ist das größte Problem. Auf dem Pausenhof stehen bereits Container, doch deren baurechtliche Genehmigung kann nicht noch einmal verlängert werden. Die Schule hat bereits eine Außenstelle an der Marconistraße. Im nächsten Schuljahr könnte eine weitere am Standort Uhlandschule dazu kommen.
„Wir machen das Beste draus, aber uns geht die Luft aus“, sagt Katja Kuklinski. Barbara Schwarz, die viele Jahre lang an der Schule unterrichtet hat und jetzt die Vorsitzende des Fördervereins ist, ergänzt: „Für das Schulklima ist das eine Belastung.“ Es müssten dann wieder Lehrkräfte abgeordnet werden. Barbara Schwarz ist wütend: „Wir brauchen mehr Platz. Es wird jedes Jahr knapper.“
Schulbetrieb an der Gustav-Werner-Schule ist akut gefährdet
Denn selbst mit einer weiteren Außenstelle gibt es voraussichtlich nur noch in den kommenden vier Jahren genügend Klassenzimmer. So steht es in einer Stellungnahme des Schulverwaltungsamts. Dieses hatte gegenüber dem Gemeinderat erklärt, bei welchen Projekten mit drastischen Konsequenzen gerechnet werden muss, wenn sie aufgrund der desolaten Haushaltslage gestoppt werden. Der Schulbetrieb an der Gustav-Werner-Schule sei akut gefährdet, heißt es dort. Auch die Umsetzung des Rechtsanspruchs auf Ganztagsbetreuung könne aufgrund der Raumsituation nicht garantiert werden.
Die Gustav-Werner-Schule in Zuffenhausen ist in die Jahre gekommen. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Schon seit Jahren ist ein Anbau geplant. Nach aktuellen Schätzungen würde dieser mit 55,44 Millionen Euro zu Buche schlagen. Ob der Gemeinderat angesichts knapper Kassen eine Startfinanzierung zur Verfügung stellt, entscheidet sich dieser Tage in den Etatberatungen. Die Fraktionsgemeinschaft Links/SÖS/Plus fordert in einem Haushaltsantrag Geld für den ersten Bauabschnitt.
„Unsere große Befürchtung ist, dass wieder nichts passiert, obwohl es uns seit Jahren versprochen wurde. Wir fühlen uns nicht mehr ernst genommen“, sagt Anna Linder, stellvertretende Elternbeiratsvorsitzende und Mitglied im Vorstand des Gesamtelternbeirats und ergänzt: „Jedes Kind in Stuttgart hat das Recht auf Bildung, auf eine gut ausgestattet Schule und auf genügend Lehrkräfte.“