Gutachten über Deponien im Landkreis Falsche Angabe zur Strahlenbelastung löst Ärger aus

Von  

Die Werte der Tritiumbelastung im Sickerwasser der beiden Deponien wurden vertauscht. Der Deponiebetreiber, die Abfallverwertungsgesellschaft des Landkreises, reagiert aber erst auf öffentlichen Druck hin darauf.

Die Deponie Am Froschgraben wird von der AVL betrieben. Foto: factum/Archiv
Die Deponie Am Froschgraben wird von der AVL betrieben. Foto: factum/Archiv

Ludwigsburg - Einmal 22 Milliarden Becquerel und einmal 6,4 Milliarden Becquerel – das sind die gemessenen Strahlenaktivitäten an Tritium im Sickerwasser der beiden Deponien Am Froschgraben in Schwieberdingen und Burghof in Vaihingen/Enz. Beide Werte sind „radiologisch ohne Bedeutung“, wie es im Jahresbericht des Öko-Instituts Darmstadt 2017 heißt. Nur schien eine Zeit lang Verwirrung darüber zu herrschen, welcher Wert nun zu welcher Deponie gehört – denn offenbar waren sie vertauscht worden. Aufgefallen war dies Dierk-Christian Vogt, dem Sprecher der Bürgerinitiative „Froschgraben freigemessen“. Seit bekannt wurde, dass Bauschutt vom Abriss des Atomkraftwerks Neckarwestheim auf den Kreisdeponien eingelagert werden soll, formuliert diese ihren Protest dagegen. „Mir kamen die Werte komisch vor“, sagt Vogt.

Die Messungen des Öko-Instituts waren erfolgt, weil von 2007 bis 2014 knapp 324 Tonnen freigemessener Bauschutt aus dem Abriss der Karlsruher Wiederaufbereitungsanlage vor allem im Froschgraben eingelagert worden war – und das, ohne die Kommune Schwieberdingen oder die Öffentlichkeit zu informieren. Als freigemessen gilt Bauschutt, der gemäß Definition von Landesumweltministerium und EnBW einen Strahlengrenzwert von zehn Mikrosievert im Jahr unterschreitet. Die Empörung damals war groß, die Verantwortlichen von der Abfallverwertungsgesellschaft Ludwigsburg (AVL), die die Deponien betreibt, bemühten sich um Schadenbegrenzung und bestellten als externen unabhängigen Gutachter Christian Küppers vom Öko-Institut Darmstadt.

Der fehlerhafte Bericht war noch wochenlang online

Vogt wurde misstrauisch, weil der Froschgraben, auf den der Großteil des Atomschutts abgelagert worden war, im Bericht 2017 eine geringere Strahlenbelastung aufwies als die Deponie Burghof – dabei hätte es andersherum sein müssen.

Vogt informierte im November die Geschäftsführung der AVL darüber. Und dann passierte erst mal eine Weile nichts – zumindest in der Öffentlichkeit. Auf der AVL-Homepage war der fehlerhafte Bericht noch wochenlang online. Mittlerweile ist er offline genommen worden – mit dem Hinweis, dass der „aktualisierte Jahresbericht“ in wenigen Tagen veröffentlicht werde.

Erst ein Bericht in der Presse bringt die Sache ins Rollen

Erst ein Bericht eines Ludwigsburger Lokalblatts kurz vor Weihnachten brachte die Sache ins Rollen: „AVL gibt schwere Panne auf Deponien zu“, hieß es in der Überschrift – dabei lag der Fehler ja beim Öko-Institut. Auf Nachfrage kann sich Küppers nicht erklären, wie der Zahlendreher passieren konnte. „Das ist natürlich ärgerlich, aber für die Bewertung unerheblich“, sagt er. Eine Gefährdung der Anwohner habe in keinem Fall vorgelegen. Der revidierte Bericht liege der AVL vor.

Küppers Vertrag mit der AVL zur „kerntechnischen Beratung“ läuft noch bis 2020. Der Patzer scheint wohl keine Konsequenzen für die Kooperation zu haben: „Wir finden das auch ärgerlich und führen ernsthafte Gespräche mit Herrn Küppers“, sagt der AVL-Sprecher Markus Klohr. Auch für die bald anstehende Einlagerung von Bauschutt aus Neckarwestheim ergeben sich laut Klohr keine Planänderungen, da die gemessene Strahlenaktivität auch nach Richtigstellung des Berichts um das 73-Fache niedriger sei als der Grenzwert.

Die Kommunen sind verärgert über mangelnde Kommunikation

Aufgebracht sind hingegen die Standortkommunen der Deponien. Sie erfuhren aus der Zeitung von dem Patzer. „Das ist beispielhaft dafür, wie bei der AVL mit dem Thema umgegangen wird, nämlich sehr unsensibel“, sagt Vaihingens Oberbürgermeister Gerd Maisch. Von der AVL-Leitung habe er auf Nachfrage die Antwort bekommen, dass man zwar den Aufsichtsrat informiert habe, aber nicht die Kommunen, weil man der Meinung war, dass es für sie keine Relevanz habe. „Nach dieser Vorgeschichte steht es der AVL nicht zu, über die Relevanz des Themas zu entscheiden. Das würde ich dann schon gerne selbst tun“, so Maisch. Auch Manfred Müller, der Erste Beigeordnete in Schwieberdingen, ist verärgert: „Der AVL sollte klar sein, dass die Deponien ein sensibles Thema sind.“ Man mache sich im Landratsamt das Leben unnötig schwer. „Wenn es wirklich nicht relevant ist, kann man es ja auch mitteilen.“

Bei der AVL gibt man sich reumütig: Die Kommunikation mit den Kommunen sei „nicht optimal gelaufen“, sagt der Sprecher Klohr. In Zukunft strebe man eine „Kommunikation auf Augenhöhe“ mit Aufsichtsrat und den Kommunen an.

Für Dierk-Christian Vogt von der Bürgerinitiative ist klar: „Wir haben gezeigt, dass man Gutachten nicht blind glauben darf.“ Er hat die AVL aufgefordert, ihm in Zukunft die Jahresberichte zur Ansicht auszuhändigen, bevor sie veröffentlicht werden. Eine Antwort hat er bisher noch nicht bekommen.