Gute Laune auf der Documenta in Kassel Tomaten schnippeln statt zu streiten
Die Debatte über die Documenta fifteen reißt nicht ab. Derweil haben die Kunstfreunde Kassel längst erobert – und auf ihre Weise Lehren aus dem Konflikt gezogen.
Die Debatte über die Documenta fifteen reißt nicht ab. Derweil haben die Kunstfreunde Kassel längst erobert – und auf ihre Weise Lehren aus dem Konflikt gezogen.
Die Frau muss nicht lange überlegen – und hat nur einen Satz übrig für die Entscheidung des Kanzlers, nicht zur Documenta zu fahren: „So ein Quatsch“, sagt sie, „man kann eine Ausstellung doch nicht als antisemitisch bezeichnen, ohne sie gesehen zu haben.“ Deshalb ist die Berlinerin mit ihrer Familie nach Kassel gekommen, um sich ihr eigenes Bild zu machen. Ihr Fazit: „Es gibt so viel anderes zu entdecken.“
Auch wenn die Antisemitismus-Diskussion nicht abreißt – die Documenta fifteen hat längst ihr Publikum gefunden. Noch liegen keine genauen Vergleichszahlen zu den Vorjahren vor, aber Kassel ist im Kunstrausch wie eh und je. Ob in der Parkaue, am Kulturbahnhof oder in der City, überall sieht man Menschen mit Stadtplan und Katalog unterm Arm. Deshalb sitzen die zwei Kasseler Schülerinnen auch schon wieder auf der Treppe des Fridericianums und freuen sich, dass so ein „besonderes Publikum“ in ihrer Stadt unterwegs ist. Den Eintritt in die Ausstellung könnten sie sich nicht leisten, sagen sie. Aber schauen kostet nichts. Also genießen sie die Atmosphäre: „Sonst ist hier doch nichts los.“
Jetzt aber stehen die Menschen Schlange, um in die Documenta-Halle zu kommen, die in eine Blechhütte verwandelt wurde. Auf den Wiesen hinter dem Gebäude werden dagegen Paprika und Tomaten geschnippelt. In der „Social kitchen“ kochen jeden Tag Freiwillige Mittagessen für alle, die Hunger haben. Heute sind es Soziologie-Studierende aus Paderborn, die Spaghetti anbieten – mit leckerem Gemüse oder mit Ketchup. Die verschiedenen Varianten sollen sichtbar machen, wer sich welche Gerichte leisten kann.
Die Familie aus Straßburg will nicht auf die Pasta warten, sondern hat auf der Wiese ihren eigenen Proviant ausgepackt. Es ist bereits ihre dritte Documenta. „Wer zur Documenta kommt“, sagt der Vater, „der weiß vor allen anderen, was uns in den kommenden Jahren erwartet.“ Er ist Physiker und begeistert, dass diesmal auf ganz neue Art unser Zusammenleben verhandelt werde – „nicht kritisch, sondern konstruktiv“. Sogar die Kinder hätten Spaß, sagt er, „sie werden ausnahmsweise nicht wie Gepäck entsorgt, sondern es gibt richtiges Programm für sie“.
Das ehrwürdige Fridericianum ist das Herzstück einer jeden Documenta und wird gewöhnlich besonders repräsentativ herausgeputzt. Diesmal sind dagegen mehrere Räume den Kindern gewidmet, die hier basteln, spielen, toben können. Zwischen allerhand selbst gebauten Klettergerüsten steht noch der lustige Papp-Fernseher, mit dem die Documenta fifteen vor vier Wochen eingeläutet wurde. Damals sang der Performancekünstler Agus Nur Amal PMTOH im Auestadion durch seinen „TV Engong“ – angefeuert vom Kuratorenkollektiv Ruangrupa und von Sabine Schormann, der Geschäftsführerin der Documenta.
Die damalige Aufbruchstimmung wurde durch das antisemitische Banner jäh beendet. Auch wenn auf dem Friedrichsplatz nichts mehr daran erinnert, reißt die Kritik an Sabine Schormann nicht ab. Zuletzt hat Meron Mendel, der Leiter der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt am Main, das Handtuch geworfen. Er wollte vermitteln und gemeinsam mit Schormann und Ruangrupa schauen, ob weitere heikle Werke ausgestellt werden. Man sei aber nicht ernsthaft an einer Aufarbeitung interessiert, meint Mendel.
Wäre es an der Zeit, dass Sabine Schormann zurücktritt? „Man sollte lieber über Positionen statt über Personen reden“, meint eine Kasselanerin entschieden. Sie war schon mit den Kindern bei der Eröffnung und will heute in die Documenta-Halle gehen. Aus ihrer Sicht hätte man das Banner hängen lassen sollen und „von morgens bis abends über unsere blind Spots diskutieren“. Besonders enttäuscht ist sie vom Oberbürgermeister Christian Geselle. „Er hätte mehr kämpfen sollen im Sinne der Documenta.“
Im Garten hinter dem Ottoneum hat sich schon wieder eine Besuchergruppe eingefunden. „Es ist eine komplizierte Debatte“, sagt die Führerin. „Gibt es Gesprächsbedarf oder weitermachen?“, fragt sie in die Runde. Die Meinung ist eindeutig: weitermachen. Die Argumente scheinen ausgetauscht zu sein. Wer sich in diesen Tagen auf den Weg nach Kassel macht, will hier nicht nach Schuldigen suchen, sondern Kunst sehen.
Es wird viel geredet auf dieser Documenta fifteen. Die „Walks & Stories“ sind extrem begehrt, überall stehen Gruppe, die sich das Prinzip Lumbung erklären lassen, das Schlagwort dieser Documenta, das für Gemeinsamkeit und Teilen steht. Die Guides konzipieren ihre Rundgänge selbst. Manche verteilen Aufgabenzettel, die abgearbeitet werden müssen, andere versuchen eher, ins Gespräch zu kommen. Im Ruru-Haus, dem Empfangssalon in der Fußgängerzone, erklärt eine junge Frau erst einmal das Grundsätzliche: „Wir als Europäer haben einen ganz bestimmten Blick auf Kunst, wir erwarten ein Objekt, das sich einer Person zuordnen lässt. Das können Sie alles über Bord werfen.“
Da Ruangrupa viele Kollektive aus verschiedenen Ländern eingeladen hat, die zahllosen Orte in Kassel zu bespielen, finden sich in den Ausstellungen wenige Einzelpositionen. Genau deshalb sind die drei Belgierinnen im fortgeschrittenen Semester begeistert: „Es ist lustig und gibt viel Kreativität.“ Die drei haben eine Busreise nach Kassel gebucht, sind jetzt aber auf eigene Faust unterwegs und lassen sich von den Tipps aus „De Standaard“ leiten. Die belgische Tageszeitung hat Sonderseiten zur Documenta veröffentlicht und die Antisemitismus-Debatte dabei am Rande erwähnt. In den belgischen Medien, erzählen die Frauen, spiele sie so gut wie keine Rolle.
In Kassel selbst ist das anders. „Die Zeitungen stehen voll, aber ich lese das schon gar nicht mehr“, sagt genervt eine Bewohnerin aus Bettenhausen, jenem Stadtteil im Osten, den Ruangrupa neu für die Kunst erschlossen hat. In Bettenhausen sieht man noch deutlicher als in der Innenstadt, wie extrem multikulturell Kassel ist. Nun pilgern die Kunstfans vorbei an Industrieruinen zum Hübner-Areal und vor allem zum Hallenbad Ost. Es wird vom Kollektiv Taring Padi bespielt, „das unter Beschuss geraten ist“, wie eine Führerin ihrer Gruppe erklärt. Das umgebaute Schwimmbad ist ein Ort des Protests – überall hängen Figuren, Stabpuppen und Plakate, die Ungerechtigkeiten anprangern. „Agitate – Educate – Organise“ steht auf einem großen Banner, das jenem ähnelt, das auf dem Friedrichsplatz den Skandal ausgelöst hat. „Diese Kunst ist klar von Aktivismus geprägt“, erläutert die Führerin und ist sicher: „Es war ein großer Unglücksfall“.
Ein Unglück war es vor allem für die vielen Künstlerinnen und Künstler, die unverschuldet ins Hintertreffen geraten sind, meint Nikolett Erőss. Sie ist eine der Kuratorinnen der Off-Biennale Budapest, die im Fridericianum Kunst der Roma zeigt. Sie ist jetzt noch einmal mit der Familie nach Kassel gekommen, um in Ruhe alles anzuschauen. Antisemitismus, sagt Nikolett Erőss, darf auf der Documenta kein Platz haben. Trotzdem ist ihr Eindruck, dass der Vorfall manchem sehr gelegen gekommen sei. „Es gibt hier viel Neues, das unbequem für die westliche Welt ist“, das werde allzu leichtfertig diskreditiert.
Nikolett Erőss hofft, dass sich die Chancen, die in dieser Documenta mit all ihren Konflikten stecken, genutzt werden. Vielleicht werden sie es sogar schon. Denn wer auf diese Documenta geht, ist sensibilisiert und schaut anders hin als bisher. Die Vorfälle, so unerfreulich sie waren, könnten letztlich den Blick schärfen für antisemitische Ressentiments. Im Hallenbad Ost wird bereits konkret daran gearbeitet. Eine Führerin fordert ihre Gruppe auf, sich selbst einen Eindruck von Taring Padis Protest-Werken zu verschaffen: „Finden Sie Dinge, die Sie spannend oder problematisch finden.“