Stadtkind Stuttgart

Gute-Nacht-Geschichte vom Oblomow Je skurriler die Gäste, desto besser

Von Björn Springorum 

Man könnte Bände damit füllen, was sich schon alles in Stuttgarts Kneipen abgespielt hat. Oder man fragt Paul Schwarz alias Pavel Svart, der in ihnen seit Jahren für Promillekurzweil sorgt und als Musiker in Stuttgarter Bands eine Menge mitbekommt.

Ein Leben in Schwarzweiß: Paul Schwarz hinterm Schlagzeug von Human Abfall. Foto: Isabel Thalhäuser/Fragmente 3 Bilder
Ein Leben in Schwarzweiß: Paul Schwarz hinterm Schlagzeug von Human Abfall. Foto: Isabel Thalhäuser/Fragmente

Stuttgart - Er kennt sie genau, die wüsten und schönen Dreh- und Angelpunkte im Nachtleben des Kessels. Paul Schwarz (fast 29) stand immerhin schon im Oblomow hinter der bunt leuchtenden Theke – und das ist, wie jeder weiß, ein Ort, an dem sich mehr abgespielt hat, abspielt und abspielen wird als in vielen anderen Schuppen zusammen! Wer hier arbeitet, hat alles gesehen, weiß mit so ziemlich jeder Situation umzugehen, ist schwer aus der Ruhe zu bringen.

 

Heute hat er das Oblomow zwar verlassen, sorgt dafür im durchaus gesitteten Mos Eisley sowie im Goldmarks für das Wohl und den Alkoholpegel der Gäste. In den letzten Wochen hat er tatkräftig bei der Renovierung des Mos Eisley mitgeholfen, wahrscheinlich, weil er selbst wollte, dass es so schnell wie möglich wieder aufmacht und für Umdrehungen sorgt – aus Promillesicht und am Plattenspieler, versteht sich. Weil das Oblomow ja bekanntlich kürzlich runden Geburtstag feiern konnte und das Mos Eisley (endlich!) wieder eröffnet hat, Paul überdies noch beim Stuttgarter Kegelklub Human Abfall meistens Schlagzeug spielt, ist er natürlich schon vor Längerem auf dem Stadtkind-Radar aufgetaucht. Dann los, Paul, erzähl uns doch mal deine Gute-Nacht-Geschichte...

 

Wenn es dunkel wird...

 

Das Tolle an einem Job hinter der Bar sind die ganzen verschiedenen Leute, die man trifft oder wieder trifft: Freunde, Gäste, DJs, Bands und all das. Die spontanen Gespräche, die entstehen, das Fachsimpeln unter Musikern oder Barkollegen oder die Möglichkeit, wahnsinnig gute neue Musik zu entdecken. Es ist auch einfacher, mal mit einer Band für eine Woche auf Tournee zu verschwinden ohne dafür gleich Urlaub zu nehmen. Diese Freiheit schätze ich sehr. Außerdem finde ich es klasse, nicht früh aufstehen zu müssen! (lacht)

 

Gute Vorsätze

 

Irgendwie mag ich es, an Silvester zu arbeiten. Ich weiß auch nicht, es herrscht aber immer eine ganz besondere Stimmung in den Läden. Ich kann mich da noch an eine Nacht im Zwölfzehn erinnern, in der wir auf einmal alle Kleider trugen. Oh, oder eine Silvesternacht im Mos Eisley, in der rekordverdächtig viele Freunde und liebe Menschen da waren. Weil irgendwann so viel los war, haben wir das Treppenhaus spontan zur Tanzfläche erklärt und sind sechs Stunden die Treppen rauf- und runtergetanzt, während wir eine Flasche Sekt nach der anderen geleert haben.

 

Wir sind Weltmeister... leider

 

Einer der schlimmsten Abende meiner Gastronomiezeit war, als Deutschland 2014 Weltmeister wurde. Zu der Zeit arbeitete ich im Oblomow und wir waren alle heilfroh, als wir den Abend endlich überstanden hatten und uns allen mehr oder weniger nichts passiert war. Ein Abend voller unschöner Dinge, ein Abend, an dem wirklich Land unter war. Wir wurden komplett überrannt – und das von Leuten, die sich nach allen Regeln der Kunst daneben benahmen. Kellner wurden angegriffen, sogar die Türsteher. Die Kommunikation versagte, die Leute grölten nur noch „Bier!“ und erwarteten, bedient zu werden. Ganz ehrlich, wir hätten in Gläser pinkeln können und niemand hätte es gemerkt. Die Oblomow-Schule war sehr gut und wichtig für mich. Sie hat mich vollkommen entspannt gemacht. Mittlerweile habe ich mehr Spaß, je skurriler die Gäste sind.

 

Paulchen für alles

 

Es gibt diese Nächte, in denen man aus heiterem Himmel Barkeeper, Therapeut, Tontechniker und DJ in einer Person ist. Wenn man dann auf einmal da steht, drei Bands zum Konzert anrücken und auch noch haufenweise Besucher kommen, wird das durchaus knifflig. Aber langweilig wird’s dadurch bestimmt nicht.

 

Bock auf 'ne Band?

 

Im Grunde habe ich fast alle meine späteren Bandkollegen auch durch meine Barkeeper-Tätigkeit kennengelernt. Das ist eben das Tolle an der Stadt – man kennt sich, vieles entsteht aus dem Freundes- oder Bekanntenkreis heraus. Wenn wir eine Show im Schocken spielen wollen, gehen wir eben nicht zu einem Veranstalter, der das für uns machen soll, sondern klären das mit dem Laden direkt.

 

Geläutert

 

Ich muss ehrlich zugeben, dass ich früher selber kein „Bitte/Danke“-Sager war und auch mehr als einmal als Gast laut und unangenehm war. Seit ich die andere Seite kenne und hinter der Bar stehe, hat sich das drastisch geändert.

 

Stammgast mit Prinzipien

 

Einer unserer lieben Gäste im Mos hat ein leichtes Asperger-Syndrom und ist extrem aufmerksam. Er stellt eine Frage nach der anderen, sitzt immer am gleichen Platz, achtet darauf, ob die Fußmatte richtig liegt und erwartet, dass eine Kerze immer am selben Fleck steht. Sein Bier natürlich auch. Das kann manchmal anstrengend sein, aber er sieht das eben nicht so.

 

Keine Schwingungen mehr

 

Schöner als in Moritz Finkbeiners Waggon wurde es nicht, was Konzerte in der Stadt angeht. Flüssigkeiten & Schwingungen (FFUS) war viel mehr als eine Location, bei der es gar nicht um die äußeren Umstände ging, sondern nur um die persönliche Komponente. Ansonsten ist es natürlich auch in der Rakete oder im Goldmarks immer schön. Aber eben anders.