Stadtkind Stuttgart

Gute-Nacht-Geschichte aus dem LKA Kein Platz für Gangsterrap

Von Björn Springorum 

Kein anderer betreibt in Stuttgart schon so lange einen Club wie Thomas Filimonova. Wie eine Jukebox ist der Club-Chef randvoll gefüllt mit denkwürdigen Anekdoten: Wilde Geschichten aus über 30 Jahren LKA.

Nicht ohne seine Hunde: LKA-Chef Thomas Filimonova. Foto: Björn Springorum 5 Bilder
Nicht ohne seine Hunde: LKA-Chef Thomas Filimonova. Foto: Björn Springorum

Stuttgart - Dieser Mann ist ein Phänomen mit orange getönter Brille. Thomas Filimonova betreibt seit 1984 die Konzertlocation LKA/Longhorn, machte davor als Geschäftsführer der ebenso legendären wie berüchtigten Nachtclubs Tao und Oz die Nacht zum Tag. Was dieser Kerl seit den späten Siebzigern in Stuttgarts Nachtleben erlebt, gesehen und bezeugt hat, übertrifft selbst die kühnsten Vorstellungen, die man von unserer Stadt haben kann. Wie eine Jukebox randvoll gefüllt mit denkwürdigen Anekdoten an noch denkwürdigere Jahre ist er – und noch dazu höflich, herrlich tiefenentspannt, ausgestattet mit einem gesunden Hunger am Erzählen.

Nirvana, Die Ärzte, Die Fantastischen Vier, Mando Diao, Nina Hagen, Nick Cave oder Faith No More sind nur einige der Namen, die in seinem Club Station machten oder erst berühmt wurden. „Man sieht sich immer zweimal im Leben“, sagt Filimonova dazu. Was er damit meint: Meist machen die Künstler das erste Mal bei ihm Station, wenn sie gerade auf dem Weg nach oben sind. Der zweite Zwischenstopp im LKA findet dann meist im Karriereherbst statt, wenn das Haar und die Besucherzahlen schütterer werden.

Wer Tommy, wie er eigentlich von allen genannt wird, außerhalb seines geliebten Clubs antrifft, wird ihn selten allein vorfinden. Hebert und Gerda heißen seine beiden Hunde, in stoischer Ruhe und liebevoller Anhänglichkeit weichen sie ihrem Herrchen nicht von der Seite. „Manche Läden haben natürlich was gegen zwei so große Hunde, auch wenn sie die liebsten der Welt sind“, sagt er eröffnend bei unserem Treffen am Hans-im-Glück-Brunnen. Der Platzhirsch nicht, weshalb Herbert und Gerda schon bald gemütlich unter dem Tisch dösen, während der 58-jährige Tommy die Anekdotenmaschine anwirft. Einmal warm gelaufen, steht die so schnell nicht mehr still...

Cowboys in Wangen

Nachdem ich mich mit meinem Schwager zerstritt, aber auch, um ein Versprechen meinem Vater gegenüber einzuhalten, verließ ich das Oz, um mich selbstständig zu machen. Damals hatte ich noch eine amerikanische Partnerin und wohnte in den Patch Barracks in Vaihingen. Die dort stationierten GIs wussten, dass ich eine Diskothek in der Stadt leitete und kamen mit dem Wunsch auf mich zu, ob ich nicht einen Country-Schuppen eröffnen könnte, der hier in der Region eben fehlte. Ich wollte mich eh selbstständig machen, stieß 1983 auf diesen Gebäudekomplex in Wangen, der damals Konkurs gegangen war. Der Schretzmeier vom Theaterhaus hatte daran auch Interesse, bekam aber den Zuschlag von der Stadt nicht. Also griff ich zu und eröffnete das Longhorn 1984 als Country- und Westernladen.

Hilfe, die Amis kommen!

Unsere Eröffnung fiel ein wenig unglücklich in die Zeit eines großen US-Truppenmanövers an der deutsch-deutschen Grenze, zu dem natürlich die meisten Soldaten abgezogen wurden. Innerhalb des Manövers verbreitete sich die Nachricht über das Longhorn aber wie ein Lauffeuer und der Laden war schon bald ein riesiger Erfolg. Das lag auch an einem denkwürdigen Abend: Im Oktober 1984 war ein Kamerateam von CNN in Stuttgart, weil der damalige Porsche-Chef Amerikaner war. Sie wollten abends noch ausgehen, bekamen das Longhorn empfohlen – und fuhren mit sechs schwarzen Porsche vor. So etwas hatten sie in Deutschland noch nie gesehen, also fuhren sie sofort ins Hotel, holten ihre Kameras und drehten noch an diesem Abend einen Beitrag über uns. CNN News wurde in den Militärsendern viermal täglich gezeigt, was das Longhorn praktisch über Nacht zum Wallfahrtsort machte und Amerikaner aus ganz Europa oder sogar aus den Staaten zu uns brachte.

Die sixtinische Rock-Kapelle

Was viele gar nicht wissen: Die Wand hinter der Bühne, die meist verhüllt ist, ziert ein Bild eines Künstlers, der sonst für Prince und viele andere Stars spezielle Gitarren designt hat. Darauf zu sehen ist die sixtinische Kapelle, was natürlich vielen Heavy-Metal-Bands nicht gepasst hat.

Da passd no was nei

Das erste richtige Rock-Konzert spielte 1987 Nina Hagen bei uns. Der Laden war rappelvoll und wir standen oben auf dem Balkon und sprachen über die bedenkliche Zuschauermenge. Der leider verstorbene Veranstalter Henning Tögel warf nur einen kurzen Blick in die Halle und meinte in schönstem Schwäbisch: „Da passd no was nei!“ Eine Anzeige bekamen wir dennoch. Es waren über 2000 Leute da, aber mehr als 1500 durften eigentlich gar nicht rein.

Niemand will Nirvana sehen

Kurt Cobain und Nirvana spielten 1991 im Vorprogramm von Sonic Youth, wurden aber von der Menge gnadenlos ausgebuht, weil sie niemand kannte und sie viel zu lange spielten. „Nevermind“, und damit ihr großer Durchbruch, kam erst kurz darauf. Den Rest kennen wir alle. Allerdings spielte Courtney Love mit ihrer Band Hole nur ein halbes Jahr nach seinem Selbstmord ebenfalls im LKA. Sie war so zugedröhnt, dass sie gar nicht wusste, wo sie war, und ihr deutsches Publikum ohne Unterlass beschimpfte, nur aus David-Hasselhoff-Fans zu bestehen. Das war kriminell vom Management – zumal sie auch ihre kleine Tochter mit dabei hatte.

Kein Platz für Gangster

Das Longhorn war von Anfang an ein Ort für alle Musikstile. Nur die debilen und kriminellen Rapper mit ihren frauenfeindlichen und dummen Aussagen kommen mir ab sofort gar nicht mehr ins Haus. Damit will ich nichts zu tun haben. Soll das Wizemann die doch nehmen!