Gute-Nacht-Geschichte aus dem Schwarzen Keiler Zwischen Bier-Schocker, Robb Flynn und Dusche im Club

Erst zwei Jahre im Biz, doch schon einige Stories aus dem Stuttgarter Nachtleben in petto: Simone Heinold durfte in ihrem Schwarzen Keiler schon das eine oder andere Metal-Sternchen begrüßen. Foto: Petra Xayaphoum

Seit knapp zwei Jahren gibt es Stuttgarts einzigen Metal Club am Berliner Platz. Clubbesitzerin Simone Heinold berichtet, was in den vergangenen 735 Tagen zwischen Treppe und Kurzem schon Denkwürdiges passiert ist.

Stadtkind: Petra Xayaphoum (px)

Wo früher das Freund und Kupferstecher und Stereo beheimatet waren, hat sich seit knapp zwei Jahren Stuttgarts einziger Metal Club „Schwarzer Keiler“ niedergelassen. Mit seinem Programm zwischen Tanzveranstaltungen, Konzerten und Events aus der Ecke Metal-Lifestyle im erweiterten Sinne (Flohmärkte, Karaoke und Lesungen zum Beispiel) bereichert das pechschwarz gestrichene Biotop im Keller unter dem koreanischen Mandu-Restaurant die in Stuttgart im vergangenen Jahrzehnt aufs Minimum zusammengeschrumpfte Kultur- und Nightlife-Szene rund um die Gitarrenmusik.

 

Dabei ist es Simones erster Club, den sie als Quereinsteigerin in der Gastronomie eröffnet hat. Nachdem es aber immer weniger Locations in der Region Stuttgart wurden, an denen sich die Metal-Community zum Tanzen und Ausgehen treffen konnte (R.I.P. Rofa), war der Stuttgarterin klar, dass sie das Ganze selbst in die Hand nehmen muss. Mit ihrem Team und Booker Jürgen Heß aka Frank Drake an ihrer Seite, der schon die eine oder andere Konzert-Überraschung in petto hatte, hat sie sich seitdem weit über die Stadtgrenzen hinaus in die Herzen der Gemeinde gespielt und ist nicht nur nach großen Rock- und Metal-Konzerten, wenn das Publikum (und die Bands!) noch weiterfeiern möchten, eine wichtige Anlaufstelle für Metal Heads.

Und zwar generationenübergreifend. Dabei spielt die familiäre Atmosphäre, die im Schwarzen Keiler herrscht, eine große Rolle. „Zu unserem Geburtstag haben viele Stammgäste Kuchen gebacken und mitgebracht“, erinnert sich Simone. „Und es hat sich auch schon etabliert, dass jede:r den Dreck, den er oder sie macht, auch selber wieder aufputzt.“ Wie zu Gast bei Freund:innen.

Und was waren die spannendsten Geschichten aus den vergangenen zwei Jahren Schwarzer Keiler, Simone?

Die Heiligen Drei Könige

„Im Nachhinein kann ich über die Geschichte lachen, aber während es passiert ist, war ich kurz vorm Herzinfarkt“, beginnt Simone ihre erste Story. „Es passierte alles am 6. Januar, einem Freitag, als ein Tankard-Konzert in der Stadt sein sollte. Alle ihre Lieder drehen sich ums Bier und dementsprechend ist auch das Publikum drauf, heißt wir wussten: Für Tankard muss das Kühlhaus voll sein. Am besten übervoll. Ich habe dann wie gewohnt nachts meine Getränke-Bestellung abgeschickt, die dann am nächsten Tag immer geliefert wird.“

Doch Simone wachte dann am 6. Januar mit einem komischen Gefühl auf. „Irgendwas stimmte nicht, irgendwas war falsch, irgendwas habe ich verpasst“, erinnert sie sich. „Und dann fällt mir ein: Der 6. ist ja ein Feiertag, da liefert der Lieferdienst nicht. Und dann habe ich wirklich große Panik gekriegt, weil ich gerade noch zehn Stunden Zeit hatte, um an einem Feiertag massenweise Bier zu besorgen. Als erstes habe ich unserem Hauptlieferanten, der Brauerei Schönbuch, eine Nachricht geschrieben – an einem Feiertag anzurufen und zu sagen ‚Leute, ich hab’s verkackt‘, habe ich mich nicht getraut – dass ich vorbeikommen und Bier kaufen müsste und sie mir kurz Bescheid geben sollen, falls sie die Nachricht vor 12 Uhr lesen. Währenddessen habe ich mir schon Szenarien ausgemalt, wie ich einen Transporter miete und nach Rheinland-Pfalz fahre, wo kein Feiertag ist, um Bier zu kaufen. Viertel vor zwölf hat dann Alex von Schönbuch mich zum Glück erhört und mir gesagt, dass er extra für mich die Brauerei aufschließt. Seitdem mache ich zehn Vermerke in den Kalender, wenn ein Feiertag ansteht.“

Spannende Gäste

„Wir hatten auch schon spannende Gäste im Schwarzen Keiler. Der spannendste Gast war vermutlich Robb Flynn von Machine Head. Die hatten hier in Stuttgart ein Konzert und er ist im Zuge dessen durch die Stadt gelaufen, war wohl vorher auch im Kap Tormentoso und kam dann später zu uns. Ich habe an der Spüle gearbeitet, während er am anderen Ende der langen Bar saß. Ich habe ihn nicht wahrgenommen, weil es so voll im Laden war, und mich schon gewundert, warum meine Mitarbeiter:innen mit dem Typ da hinten Fotos gemacht haben. Erst später, als ich ins Bett gegangen bin und mir die Nachrichten und Fotos in unserer Mitarbeiter-Chatgruppe angeschaut habe, ist mir aufgegangen, dass Robb Flynn in meinem Laden war und ich es tatsächlich nicht mitbekommen habe, das muss man auch erst mal schaffen.“

Danke, nächstes Jahr vielleicht

„Jürgen überrascht mich immer wieder mit den Bookings, die wir gelandet haben und von denen ich nie gedacht hätte, dass wir sie bekommen. Zum Beispiel hatten wir letztens eine meiner absoluten Lieblingsbands, Night Demon, da – die spielen auch in viel größeren Läden“, schwärmt die Clubbesitzerin und erinnert sich zurück: „Dieses Jahr haben wir bei der About Pop mitgemacht und wurden angefragt, ob wir nicht auch ein ‚Metal Plenum‘, eine Diskussionsrunde, auf der Konferenz selbst machen möchten. Das fanden wir natürlich interessant, dachten uns aber gleichzeitig, dass dort dann schon ein Talkgast kommen müsste, der oder die auch sehr bekannt ist.“ Doch was dann passierte, wäre Simone im Traum nicht eingefallen. „Jürgen hat echt bei der Agentur von Bruce Dickinson angerufen, um mal zu fragen, was der so kostet“, sagt sie und lacht.

Der Frontmann von Iron Maiden hatte mal als Sprecher nämlich bleibenden Eindruck bei Simone hinterlassen: „Ich habe ihn mal auf der Online Marketing Rockstars (OMR) einen Vortrag zum Thema Markenbildung halten sehen und das war eine Show, das gibt’s gar nicht!“ Kurzerhand war die Nummer nach England in Jürgens Handy eingetippt. „Die haben dann einen mittleren fünfstelligen Betrag genannt und meinten, sie würden noch mal zurückrufen, weil sie noch gar nicht wüssten, ob er an jenem Tag überhaupt Zeit habe. Wir haben dann geschluckt und höflich ‚ja okay‘ gesagt, bis sie dann tatsächlich zurückgerufen haben mit der Botschaft, dass Bruce Dickinson zwar schon ausgebucht sei, aber Tony Iommi noch könnte – und der war dann noch teurer.“ Überraschenderweise klappte es dann auch mit dem Black-Sabbath-Gitarristen nicht für die About Pop Konferenz in Stuttgart. Aber man wird ja noch träumen dürfen.

Sonderwünsche der Stars

Die Reader, die von den betreuenden Agenturen an die Konzert-Locations mit Wünschen der Artists verschickt werden, sind bekannterweise teils hanebüchen (Grüße gehen raus an J.Lo, die nur in komplett weißen Garderoben arbeitet). In dieser Hinsicht halten sich die Wünsche der Bands, die im Schwarzen Keiler auftreten, bisher noch in Grenzen. „Das Catering übernehmen ein paar Freund:innen, die sich zu einer Metal-Kochgruppe zusammengeschlossen haben“, berichtet Simone. „Und die überbieten sich mittlerweile mit ihren Menüs, sodass die Bands selbst voll baff sind, wenn da ein riesiges Buffet mit Kuchen und Nachtischen vor ihnen steht, bei dem auch auf die Wünsche von Vegetarier:innen, Veganer:innen und auf die Unverträglichkeiten eingegangen wurde.“ Ein ungewöhnlicher Wunsch erreichte Simone doch: „Eine Band wollte mal eine Dusche haben“, erinnert sie sich. „Die sind nachts nach dem Konzert nämlich weiter auf Tour nach Tschechien gefahren und hatten eine lange Fahrt vor sich. Da wir keine Dusche im Club haben, habe ich in der Umgebung nach einem Airbnb oder ähnlichem gesucht und tatsächlich ein Zimmer gefunden, das ich ihnen nie im Leben zum Schlafen untergejubelt hätte – aber zum Duschen ging’s. Letzten Endes haben sie die Dusche dann doch nicht genutzt, aber der Fahrer hat ein paar Stunden drin gepennt.“

Schwarzer Keiler, Fritz-Elsas-Str. 60, Stuttgart-Mitte, Fr+Sa 22-5 Uhr, Do je nach Veranstaltung

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