Stadtkind Stuttgart

Gute-Nacht-Geschichte Klassiker aus dem Classic Rock Café

Von Tanja Simoncev 

Bei Barkeeper Ilija Tuntevski aus dem Classic Rock Café und Deli haben es nicht nur die Drinks in sich, sondern auch die Geschichten, die er uns zum Besten gibt. Emotional wird die ganze Bandbreite abdeckt - mehr geht nicht.

Der Barmann für alle Fälle beziehungsweise Locations: Ilija Tuntevski hier im Café Deli. Foto: Tanja Simoncev 4 Bilder
Der Barmann für alle Fälle beziehungsweise Locations: Ilija Tuntevski hier im Café Deli. Foto: Tanja Simoncev

Stuttgart - Locker, lässig, mit dieser gewissen "Hang loose"-Mentalität biegt Barmann Ilija Tuntevski um die Bar-Theke. Woran das liegt? Zum einen wohl daran, dass der 29-Jährige in Down Under, genauer New Castle, seine Kindheit verbrachte, aber ganz bestimmt auch deshalb, weil er Künstler im Herzen ist und schon immer völlig frei das tut und tat, wonach ihm der Sinn steht und stand. Und so mischt er seine Tätigkeit in der Gastro gerne auch mal mit Reperaturen am Musical-Theater und Fittings bei Designern.

From Down Under nach Schwabylon

Aber erstmal zurück auf Anfang. Ilija hat eigentlich mazedonische Wurzeln, stattet dem kleinen Land auf dem Balkan also mindestens genauso gern einen Besuch ab wie sunny Australia. Den Vater zog es jedoch aufgrund seines Jobs als Bauarbeiter dann irgendwann nach Stuttgart - genug zu tun gibt's hier ja allemal - und so wuchs der kleine Träumer in der Nähe von Weil im Dorf auf. Sein größtes Problem damals, die deutsche Sprache und der Unterschied zum Schwäbischen. "Statt Brötchen brachte ich mal Weckle mit nach Hause und entschuldigte mich dafür bei meiner Mutter", erinnert er sich lachend. 

Heute hat Ilija mindestens genauso viel zu lachen. Nach einer Ausbildung zum Grafiker, einer Schneider-Lehre und einem Job beim Musical landete der Kreativkopf schließlich in der Gastro und blieb, wie er selbst sagt, einfach drauf hängen. "Ich merkte schnell, die Arbeit am Tresen macht mir großen Spaß, ich kann das gut und lass es gern krachen. Das Nachtleben ist eben genau mein Ding."

All in the Mix

Seit drei Jahren etwa mischt der Sunnyboy, der in Stuttgart-West wohnt, das Classic Rock Café samt Deli auf und mixt dort Drinks, die es in sich haben. "Am liebsten kreiere ich ausgefallene Drinks, die nicht auf der Karte stehen, gerne anti-alkoholische Cocktails, mit Säften und Früchten, frisch und süß", so der bekennende Whiskey-Liebhaber. Was ihm an seinem Gastro-Job außerdem so gut gefällt, ist, dass die beiden Läden ein Kontrastprogramm vom Allerfeinsten liefern. "Mir wird nie langweilig."

Was soll, kann, darf da noch kommen? Es gibt den Traum vom eigenen Laden, einer Mischung aus Bistro, Kneipe und Café. Zukunftsmusik. Denn jetzt posaunt der bärtige Barkeeper erstmal ein paar Stories aus, die sich gewaschen haben.

Ach, und einen Tipp für alle Leute da draußen, die Bock auf einen Job in der Gastro haben, hat er auch noch parat: "Ihr braucht nicht nur starke Nerven, sondern auch sehr viel Geduld, großes Einfühlungsvermögen und lasst euch bloß nie aus der Ruhe bringen."

Filmriss im falschen Film

Wie die meisten wissen, ist das Classic Rock Café dreistöckig. Ich war an dem Abend oben an der Raucher-Bar und nach Feierabend am Putzen und Aufräumen als ein Mädchen zu mir kam. Sie hatte schon gut einen sitzen und steuerte in Schlangenlinien die Bar an. Dann holte sie ihren Geldbeutel heraus und suchte und suchte bis sie mir das Jacken-Märkchen auf den Tresen knallte. Ich fragte nur: "Kann man dir irgendwie weiterhelfen?" Sie zeigt mir das Märkchen, ich verwies auf die Garderobe zwei Stockwerke tiefer. Völlig verdutzt kamen dem Mädel nur die Worte: "Was, noch weiter runter?!?" über die Lippen. Ich erkläre ihr, dass sie sich ganz oben befinde und begleitete sie an die Garderobe, wo sich herausstellte, dass das Garderoben-Märkle aus dem Keller Klub war. Situationskomik par excellence.

Schotten können Shots

Ein anderes Mal im Classic Rock hatten wir eine Gruppe junger Männer zu Gast, unter die sich auch ein paar Schotten gemischt hatten, die Kilt trugen. Es schien so als hätten sie sich gerade kennengelernt oder würden zusammen studieren. Es war noch früh am Abend und ich war ausnahmsweise mal im Service tätig und bediente die Gruppe. Die Deutschen hatten alle Bier bestellt, die Schotten jedoch jeweils ein Tablett mit etwa 30 Shots - von Sambucca über Vodka bis hin zum Tequilla. Als ich mit dem ersten Tablett um die Ecke bog, schienen die Deutschen schon sehr verdutzt, winkten ab, es sei ja noch früh am Abend. Ein Schotte meinte nur: Wer sagt denn, dass die auch für euch sind?!  Dann brachte ich das zweite Tablett, dann das dritte. Die Deutschen schon völlig panisch. Die Schotten aber kippten runter was ging und bestellten noch einmal eine zweite Runde. Dass so viele Shots innerhalb kürzester Zeit verdrückt wurden, habe ich noch nie gesehen. Fazit: Die Gäste waren zwar schon früh gut dabei, blieben aber friedlich, verließen den Laden freiwillig und hinterließen mir noch ein fettes Trinkgeld.  

Einmal Wiesn und zurück

Als ich gerade einen Monat lang im Deli gearbeitet habe, hatten wir einen Amerikaner als Gast, der ein Familienmitglied oder Kumpel in den Barracks besuchen wollte. Es war seine erste Reise außerhalb der USA und das erste Mal in Deutschland und deshalb hatte er beschlossen, dass er Stuttgart mal auf eigene Fast erkunden wolle. Wir hatten uns unterhalten, er fragte, ob ich nach Feierabend noch ein bisschen ausgehen würde, ich nickte und leiste ihm schließlich Gesellschaft. Irgendwie kamen wir im Gespräch auf das Oktoberfest, dass die Amis ja voll drauf abfahren und dass man das ja mal gesehen haben muss und beschlossen dann spontan nach München und auf die Wiesn zu fahren. Ich hatte die Tage danach auch frei und wir machten aus, dass er die Fahrt bezahlen sollte und ich die Unterkunft. Wir hatten Glück und kamen recht günstig davon. Und als wir dann im Bierzelt tanzten und weil ich bald Geburtstag hatte, spendierte John den ganzen Abend lang alles und gab richtig viel Kohle aus. Wir feierten wie verrückt, verstanden uns super und hatten eine riesen Gaudi. Dann ging es zurück nach Stuttgart, wir tauschten Nummern aus und verabschiedeten uns. Das ist mit Abstand die coolste Story, aber auch traurigste, die ich im Nachtleben je erlebt habe. Denn kurze Zeit später ging mein Handy kaputt und damit waren Johns Kontaktdaten weg. Ich habe leider seitdem nie wieder etwas von ihm gehört.

Same, same but different

Eine andere Geschichte aus dem Deli, spielte sich auch in meinem ersten Jahr dort ab. Ich hatte am Anfang oft die Sonntagsschicht übernommen und es war Herbst. Die Gäste kuschelten sich ins Innere, bevor sie miteinander kuschelten. Denn sonntags war immer Dating-Day. Es war schön zu beobachten, wie Paare, die sich gerade frisch kennengelernt hatten, so miteinander umgingen. Kurz vor Feierabend hatten wir dann noch zwei Reservierungen, jeweils nur für eine Person. Ein Herr Mitte 30 und eine Dame Anfang 30. Die Tische waren 50 Meter voneinander entfernt. Beide warteten scheinbar auf jemanden, der nicht kam und und bestellten schließlich zufälligerweise den gleichen Whiskey und den selben Rum. Ich hatte gleich das Gefühl, die beiden gehören doch zusammen. Und ich ging davon aus, weil die zwei jeweils auf der anderen Seite der Bar saßen, dass sie sich einfach nicht sehen. Also ging ich zu dem Herrn und zeigte ihm die Dame, die gerade das Gleiche bei mir bestellt hatte. Die beiden schauten sich an, kannten sich offensichtlich nicht, setzten sich dann aber gemeinsam an einen Tisch und waren den restlichen Abend unzertrennlich. Als der Feierabend eingeläutet wurde, schritten sie turtelnd von dannen. 

Gebrochene Gläser und Herzen

Als ich eine Zeit lang im Irish Pub gearbeitet habe, kam ein neuer Mitarbeiter dazu, gerade 18 Jahre alt. Es war sein erster Gastro-Job. Am Wochenende bekam er dann die Chance mal selbstständig zu zeigen, was er so drauf hat. Ein Mädel bestellte dann einen Hugo bei ihm, er bereite den Drink zu, alles war gut. Kurz vor Mitternacht, der Laden war mittlerweile bumsvoll, das Stress-Level am Anschlag, kam das Mädchen noch einmal und bat ihn noch mehr Sirup in den Hugo zu machen, er sei ihr nicht süß genug. Gesagt, getan. Nach 15 Minuten kam sie dann wieder an und meinte: "Der Drink ist jetzt total verwässert, kannst du mir noch ein paar Eiswürfel reinmachen." Und er: "Ja, klar." Erledigt. Als das Mädchen dann noch einmal kam und nach frischer Minze fragte, war das Limit bei meinem jungen Kollegen erreicht. Er nahm das Glas, schmiss es mit den Worten "Was glaubst du eigentlich wer ich bin?" auf den Boden. In dem Moment kamen die Chefs rein und feuerten ihn direkt. Das Mädel dann völlig panisch zu mir: "Oh je, haben die den jetzt wegen mir rausgworfen?" Ich nickte. Und das Girl gestand mir schließlich völlig verzweifelt: "Ich bin doch nur so oft zu ihm hin, weil ich mich nicht getraut habe, nach seiner Nummer zu fragen."