Stadtkind Stuttgart

Gute-Nacht-Geschichte Les histoires du Petit Coq

Von Alla Lukashova 

Die vom Charme der 20er- und 30er-Jahre angehauchte Cocktailbar Le Petit Coq beschert der Stadt selbstkreierte und ausgefallene Cocktails. Wir haben Ferro F. Ceylan, den Macher, getroffen und uns Geschichten aus der beliebten Bar erzählen lassen.

Ferro F. Ceylans Sinn für Nostalgie und Ästhetik hat das Le Petit Coq auch optisch zu einer schicken Bar gemacht. Foto: Wolfgang Simm 5 Bilder
Ferro F. Ceylans Sinn für Nostalgie und Ästhetik hat das Le Petit Coq auch optisch zu einer schicken Bar gemacht. Foto: Wolfgang Simm

Stuttgart – Inspiriert von klassischen amerikanischen Bars aus dem frühen 20. Jahrhundert und dem französischen Chic, hat Ferro F. Ceylan sich vor eineinhalb Jahren mit dem Le Petit Coq seinen Traum von der eigenen Cocktailbar verwirklicht. Mehrmals im Jahr lockt der ehemalige Brand-Ambassador der größten Spirituosen-Konzerne sogar weltweit berühmte Gastbartender in den Kessel. Die vom Speakeasy-Konzept angehauchte Bar hat keine Außenwirkung und macht gezielt keine Werbung – alles geschieht über Mundpropaganda. Das Konzept hat seinen Ursprung in der amerikanischen Prohibitionszeit, als Alkoholausschank verboten war und illegale Bars demzufolge nicht erkennbar sein durften. Hinter schweren, blickdichten Vorhängen wird dieser Mythos an der Hauptstätter Straße 59 nun weitergelebt. Mit dem Le Petit Coq verbirgt sich heute mitten in Stuttgart ein wahrer Schatz für Cocktail-Liebhaber und Nostalgiker, die den Stil des frühen 20. Jahrhunderts zu schätzen wissen. Ferro hat für uns die Vorhänge geöffnet und uns in seine Geschichten aus den ersten Monaten des kleinen Hahns eingeweiht.

Wo geht’s denn hier bloß rein?

Als leidenschaftlicher Raucher stehe ich öfters abends vor unserem Eingang und wenn ich dann die Menschen die Straße entlanglaufen sehe, erkenne ich unsere Gäste häufig schon von Weitem. Das ist immer amüsant: Beim ersten Besuch läuft jeder automatisch an uns vorbei, da wir ja keine Außenwirkung haben, und wenn die Leute dann merken, dass sie zu weit gelaufen sind, drehen sie um und fragen mich dann entweder selbst, wo das Le Petit Coq sei oder trauen sich einfach an der großen Türe zu ziehen und sind dann total happy, es gefunden zu haben. Bei den Gästen löst sowas dann ja eine emotionale Bindung aus, weil sie es geschafft haben die Location selbstständig zu finden und unterbewusst stolz auf sich sind. Solche Gäste kommen gerne wieder. Ich wollte übrigens bewusst keine Raucherbar aus dem Le Petit Coq machen, obwohl ich ja selbst gerne rauche. Bei den Drinks, die bei uns serviert werden, ist viel Feingefühl gefragt – da sollte der Geschmackssinn nicht von anderen Aromen, wie denen im Tabakrauch, getäuscht werden.

Ferro – Der Date Doktor

Mehrmals im Monat finden bei uns Seminare und Tastings statt. Bei diesen Events ist der Laden voll mit Feinschmeckern, die gerne neue Gin-Sorten oder ausgefallene Cocktails probieren möchten. Bei uns im Süden Deutschlands sind die Leute bekanntlich etwas verklemmter und so sitzen sie dann oft total schüchtern bei diesen Veranstaltungen und trauen sich nicht richtig zu interagieren. Einmal saß ein Gast am Tresen und hat die ganze Zeit eine Dame um die Ecke angeschaut. Er sagte aber den ganzen Abend kein Wort und sie schaute nur schüchtern zur Seite. Ich konnte mir die ganze Situation irgendwann nicht mehr anschauen und als er sich am Ende des Tastings einen Drink bestellt hatte, stellte ich den Cocktail dann einfach zu der Dame an den Tisch. Der schüchterne Gast war dann gezwungen zu ihr zu gehen und sie hat sich tatsächlich getraut ihn anzusprechen. So nahm die Geschichte ihren Lauf. Ein paar Wochen später habe ich die Beiden dann gemeinsam bei uns reinspazieren sehen.

Le Petit Mariage

Ein anderes Pärchen habe ich schon öfters bei uns Cocktails schlürfen gesehen und an einem Abend kamen die Zwei an und wollten unbedingt mit mir persönlich sprechen. Am Grinsen der Frau konnte ich schon erahnen, dass da irgendwas im Busch sein muss. Und tatsächlich wurde mir dann erzählt, dass sie sich bei uns in der Bar kennengelernt haben und weil nun bald die Hochzeitsglocken läuten, wollten sie auch bei uns den großen Tag feiern. Die Hochzeit hätte an einem Samstag stattfinden sollen und ich würde meine Bar unter normalen Umständen nicht für eine geschlossene Gesellschaft am Wochenende schließen, aber dem zuckersüßen Lächeln der Frauen kann man immer so schwer widerstehen. (lacht) Und so wurde tatsächlich am Wunschtermin nach dem Standesamt bei uns gefeiert.

Kitty-Kitty-Gang-Bang

Mich freut unheimlich die Tatsache, dass wir es geschafft haben hier regelmäßig mehrere Generationen zusammen zu bringen. Das gibt es sonst nicht oft, dass  jüngere Gäste zum Beispiel mit ihren Eltern oder Schwiegereltern in eine Bar gehen und sich alle zusammen wohlfühlen. Ich erinnere mich noch gut an einen Abend, als ein älterer Herr bei uns saß und in breitem Schwäbisch meinte, er würde nur Wein trinken. Ich habe dem netten Mann dann doch unsere Karte näher bringen können und ihn sogar dazu bekommen, einen richtigen Cocktail zu nehmen. „Gibsch ma halt’n ‚Kitty-Kitty-Gang-Bang’“, lautete dann die Bestellung und ausgerechnet in diesem Moment war der volle Laden zufällig komplett ruhig und alle haben gut gestaunt, was da los ist. Wir haben ja einen Cocktail namens „Kitty-Kitty-Bang-Bang“ auf der Karte und der Mann hat nicht so recht verstanden, wieso sich die Gäste nett über die Bestellung amüsiert haben, aber seine Frau hat ihm ein Küsschen gegeben und meinte: „Das ist ja ok, dass du so was anschaust.“ Das war dann endgültig der Brüller des Abends. Ein goldiger Vorfall, der sicher nur passieren konnte, weil wir es doch immer wieder schaffen, mehrere Generationen in unserer Bar zu vereinen.