Stadtkind Stuttgart

Gute-Nacht-Geschichte Rock'n'Roll ist eine ernste Sache

Von Ina Schäfer 

Was im Club passiert, bleibt im Club – von wegen! Bei unseren Gute-Nacht-Geschichten wird ausgeplaudert, was das Zeug hält. Stuttgarter DJs, Barkeeper und Türsteher bekommen absolute Sprecherlaubnis und hauen uns die derbsten Nightlife-Storys um die Ohren. Dieses Mal: Michael Setzer.

Nach Prag, Röhre und LKA Longhorn ist Michael Setzer im Goldmarks angekommen. Hier kann er die Musik spielen, die er am liebsten mag. Foto: Ina Schäfer 5 Bilder
Nach Prag, Röhre und LKA Longhorn ist Michael Setzer im Goldmark's angekommen. Hier kann er die Musik spielen, die er am liebsten mag. Foto: Ina Schäfer

Stuttgart - Noch ein Jahr, dann hat Michael Setzer ein Jubiläum zu feiern. 2017 ist er seit zwanzig Jahren als DJ aktiv. Nach Prag, wo alles angefangen hat, Röhre und LKA Longhorn hat er inzwischen eine Heimat im Goldmark's gefunden. "Ich möchte nur dort auflegen, wo ich mich wohl fühle und wo ich die Musik spielen kann, die ich mag", sagt der 43-Jährige. Im Goldmark's ist er jetzt genau richtig. Ein- bis zweimal im Monat legt er dort auf, Punk, Rock und Metal. Wenn es die Stimmung zulässt auch mal ein bestimmtes Lied von Justin Timberlake ("Das hat einen unglaublichen Schlagzeug-Rhythmus!").

Setzer legt dabei ganz oldschool mit Vinyl auf, statt mit Laptop wie andere DJs, was aber gar keine besondere Philosophie ist. Es gehe immer darum, wer auflegt, nicht um das Medium. "Der Laptop von DJ Emilio ist in den Händen eines Doofen nichts wert", sagt er. Inzwischen hat er unzählig viele Platten Zuhause, 1200 schätzt er selbst. "Irgendwann brauche ich einen Statiker", sagt er lachend.

Wenn er nicht gerade hinter dem DJ-Pult steht, schreibt er als freier Journalist für die Stuttgarter Nachrichten oder für den Blog Kessel.tv. 15 Jahre lang war er beim Stadtmagazin Prinz. Außerdem ist er Gitarrist bei der Band End of Green und kümmert sich um die Organisation im Keller Klub, macht Social Media, die Internetseite und Pressearbeit.

Ganz schön viel zu tun und ganz schön gute Voraussetzungen für gute Geschichten:

Das letzte Staatsexamen

Ich möchte mich eigentlich gar nicht über Musikwünsche beschweren. Manche bringen mich sogar auf gute Ideen. Nur die Menschen, die sie vortragen, sind manchmal wirklich unverschämt. Ich habe mal im Atomic Café in München aufgelegt. Dort haben Medizinstudenten ihr Staatsexamen gefeiert. Kurz nachdem ich Peter Fox gespielt hatte, kam einer der Studenten zu mir und hat sich genau das gleiche Lied noch einmal gewünscht. Ich habe gesagt, ich spiele das jetzt nicht noch einmal. Er erwiderte: "Sag mal, wann hast DU eigentlich dein letztes Staatsexamen gemacht?" Das war wirklich ekelhaft. Inzwischen wird auch häufig Geld angeboten. Ich hatte schon oft einen Zehn-Euro-Schein unter der Nase für einen Musikwunsch. Ab 500 Euro können wir darüber reden. Nur blöd jetzt, dass der Schein abgeschafft werden soll. (lacht)

Musikwünsche von Experten

Nette Gesellschaft hatte ich mal von den Deftones. Die Band war nach ihrem Konzert in Stuttgart bei mir im Club vorbeigekommen. Sie saßen den restlichen Abend neben meinem Plattenkoffer, fragten höflich, ob sie mal rein gucken dürften und legten mir immer wieder Platten hin, die ich spielen sollte – Fugazi zum Beispiel. Solche Musikwünsche erfüllt man dann natürlich gerne. Das ist nicht nur bei Stars so. Wenn ich merke, da interessiert sich jemand wirklich für die Musik, dann freue ich mich über die Anregung. Oft macht man mit solchen Musikwünschen die Tanzfläche leer und der, der sich das Stück gewünscht hat, steht dann schön an der Bar, wippt mit und genießt das Lied. Aber das ist ok.

Tragi-komisch

Einmal hat Ross The Boss der ehemalige Gitarrist von Manowar mit seiner Band The Dictators im Goldmark's gespielt. Als ich danach aufgelegt habe, hat er sich ein Lied von Manowar gewünscht. "Ich habe nur 'Kings of Metal' da", habe ich gesagt. Und er: „Gute Wahl, mein Freund. Das ist toll, das habe ich geschrieben!" Ich habe es aufgelegt und er stand auf der Tanzfläche, die Arme ausgebreitet - ein seltsamer Mann, der sich feiern lässt. Ich war mir nicht sicher, ob das ein besonders tragisches oder ein besonders tolles Bild ist.

Irres Zeug

Man sagt ja, Betrunkene und Kinder sagen immer die Wahrheit. Insofern steckt im Nachtleben bestehend aus jungen Besoffenen ziemlich viel Wahrheit. Als DJ hat man da einen Logenplatz und wird zum eifrigen Beobachter. Man sieht die Balzversuche der Frauen und Männer. Wie sie funktionieren, wie sie scheitern. Man sieht Menschen in Extremsituationen, wie Beziehungen geknüpft werden oder zu Bruch gehen. Man sieht, ob jemand Rhythmus hat oder nicht. Und man sieht Dinge, die man gar nicht sehen möchte – äh, Mittagessen oder Geschlechtsteile zum Beispiel.

Serious Business

Rock'n'Roll ist eine ernste Sache. In der Röhre war mal Bernd Kurtzke, der Gitarrist der Beatsteaks, zu Gast. Es war unwahrscheinlich heiß an dem Abend. Er trug ein T-Shirt und eine Lederjacke. Irgendwann hat er seine Lederjacke jemandem in die Hand gedrückt, das T-Shirt aus- und die Lederjacke einfach wieder angezogen - über den nackten Oberkörper. Ich glaube, das war keine Show, sondern ein ganz klares, logisches Verständnis: Es ist warm, ich ziehe mein T-Shirt aus - aber nichts geht ohne meine Lederjacke! Da habe ich mich ein wenig in Bernd verliebt.

Welten vereint

Ich finde es toll, wenn beim Auflegen Welten aufeinander treffen. Ich musste an einem Abend im Prag länger auflegen als sonst, da der Club nahtlos in die Afterhour mit Sven Väth übergehen wollte. Und so war ich plötzlich der Support für eine sehr freundliche Techno-Legende. Im Rocker 33 war ich mal zu einem Abend eingeladen, bei dem jeder DJ genau ein Lied spielen sollte. Ich habe 'Rock'n'Roll' von Motörhead aufgelegt, das war bestimmt das einzige Mal, dass derartige Musik im Rocker lief. Ich hatte wirklich Angst, dass Gläser fliegen, aber am Ende habe ich sogar Applaus bekommen.

Falsche Zeit, falscher Ort

Ich stand lange Zeit der Band Rammstein skeptisch gegenüber. Um mir das Ganze mal anzusehen, war ich mit Freunden auf dem Konzert und anschließend bei der Aftershowparty im Prag. Dort habe ich in epischer Breite darüber philosophiert, wie billig ich den Kunstanspruch der Band finde. Mir fiel nicht auf: Der Gitarrist stand die ganze Zeit neben mir und lauschte interessiert meiner selbstverliebten Erörterung. Er hätte mich einfach umboxen oder verhauen können, reagierte aber viel besser: Er hat freundlich nachgefragt und wollte wissen was ich denn unter Provokation verstehe. Daraus hat sich ein sehr gutes Gespräch entwickelt. Ich bin seither immer noch kein Fan ihrer Kunst, aber ich glaube zu verstehen, was sie versuchen zu tun. Ich habe an dem Abend auf jeden Fall etwas gelernt - das schadet ja nie.

Knochenjob

Die Jahre im Nachtleben, haben mich hoffentlich zu einem besseren Gast gemacht. Manche Menschen vergessen ihre Manieren, wenn sie feiern gehen. Im Keller Klub werden gerne Bierflaschen ins Klo gesteckt, einer hat mal das Pissior mitgehen lassen. Keine Ahnung, wie er das gemacht hat und wie es unbemerkt verschwinden konnte. Solche Mechanismen finde ich schlimm, das ist als würde ich, wenn ich auf der Party eines Freundes eingeladen bin, erstmal das Küchenregal aus der Wand reissen. Das macht man doch nicht, oder? Club bedeutet für viele Abriss, dass Nachtleben ein Knochenjob ist und viele dort hart schuften, sehen sie nicht. Ich habe mal bei einer Barfrau eine "Cola, bitte" bestellt und habe ein Cola-Bier bekommen. "Bitte" war scheinbar ein derart exotisches Wort an der Bar, dass sie "Bier" verstanden hat. "Jeder will gerne saufen, keiner bedankt sich beim Barmann", hat Sven Regener mal so ähnlich gesagt.

Amore am Auto

Ich bin oft mit dem Auto ins Prag gefahren, wenn ich dort aufgelegt habe. Eines Nachts wollte ich nach Hause, da stand ein Pärchen direkt an meinem Auto und war dabei eine Beziehung zu knüpfen - sie hatten Oralverkehr. Ich wollte sie nicht stören, bin zurück in den Club und habe lieber noch eine Orangina an der Bar getrunken. Als ich wieder raus kam, waren sie weg. Ich habe die beiden vor ein paar Jahren zusammen in der Stadt gesehen. Gut, dass ich damals nicht gestört habe, vielleicht habe ich dadurch eine Beziehung gefördert. (lacht)