Couchsurfen bringt Menschen zusammen, die nicht nur einen Schlafplatz suchen. Die Übernachtung kostet nicht mehr als eine Flasche Wein. Manchen Geheimtipp für Stuttgart gibt es von der Gastgeberin Paulina Kondraskov gar umsonst.
Stuttgart - Keine einzige Rückantwort bei 15 Übernachtungsanfragen auf dem Internetportal für Couchsurfing. Deprimierend ist das. Aber dann erscheint ein Lichtblick am Horizont: Paulina Kondraskov meldet sich und bietet ihre Couch für eine Nacht an. Die steht am Stöckach.
Paulina, die im Alter von zwölf Jahren aus Jekaterinburg als Spätaussiedlerin nach Deutschland gekommen ist, lebt nun seit drei Jahren in Stuttgart. Im vergangenen Jahr hat die quirlige 29-Jährige Gäste aus Portugal, Irland, Spanien, Deutschland und Amerika in ihrer Dreier-WG begrüßt. „Ich schicke meine Gäste gerne in die Staatsgalerie oder in die Wilhelma“, erzählt sie. Darüber hinaus stattet die junge Dame ihre Gäste – wenn gewünscht – mit ihren zwei Fahrrädern aus. Aber warum hat sie sich überhaupt angemeldet beim Internetportal Couchsurfing? Bei der verzweifelten Suche nach einem Hotel kam Paulina auf die Idee, es mal über das Online-Netzwerk zu probieren: „Da habe ich dann auch gleich sehr gute Erfahrungen gemacht“, sagt sie. Seitdem bietet Paulina auch ihr eigenes Schlafsofa an, das in der kleinen, gemütlichen Küche steht. Typisches WG-Feeling kommt auf: Aufgetürmtes Altpapier und eine beeindruckende Sammlung von leeren Flaschen stehen auf der Ablage in der Küche. Sie ist aber perfekt aufgeräumt, was wohl weniger WG-typisch ist. Paulina kocht einen Grüntee, der von den Azoren stammt. „Den hat mir mal ein netter Gast mitgebracht“, erzählt sie.
Übernachtung kostet selten mehr als eine Flasche Wein
Auf dem Internetportal Couchsurfing tummeln sich weltweit mehr als drei Millionen registrierte Nutzer, die entweder auf ihren Reisen einen Schlafplatz suchen oder in ihrem Zuhause ein Sofa anbieten. Die meisten Couchsurfer handeln altruistisch. Die Übernachtung kostet selten mehr als eine Flasche Wein. Im Vordergrund steht das Kennenlernen von neuen Menschen und Kulturen. Ein unbezahlbarer Vorteil ist zudem, dass man Tipps und Empfehlungen für die schönsten Ecken der Stadt bekommt – und das aus erster Hand direkt vom Gastgeber. Zudem gibt es interessante Lebensgeschichten zu hören, wie auch die von Paulina: Bei ihrer Einwanderung nach Deutschland Ende der 90er Jahre landet die Familie in Weißwasser in Sachsen, wo Paulina schließlich Abitur macht. An der Universität Erlangen studiert sie Biologie. Mittlerweile arbeitet Paulina an ihrer Promotion im Bereich „Molekulare Systematik“ am Naturkundemuseum im Rosensteinpark – ein Programm in Kooperation mit der Universität Heidelberg. Ein Tomatenexperiment auf der Veranda zeugt von ihrer Begeisterung für Pflanzen. „Tomaten sind ja auch eigentlich Beeren“, sagt sie grinsend. Die Terrasse ist mit breiten Sesseln ausgestattet, von denen man einen guten Blick auf den begrünten Hinterhof hat. „Ich lebe gerne in diesem Multikulti-Haus“, sagt Paulina. Ja, mit den Stuttgartern warm zu werden, das habe eine Weile gedauert, erzählt sie. Aber jetzt fühle sie sich sehr wohl. „Besonders gefallen mir die Stadtteilfeste und das Kulturfest“, sagt sie.
Aus Couchsurfern werden Freunde
Abends geht es mit Paulinas Freunden nach Bad Cannstatt in das griechische Lokal Little Greek Taverna. Bei gefüllten Weinblättern, unglaublich knoblauchlastigem Zaziki und griechischem Weißwein ist die Stimmung gut. Ihr Freundeskreis ist international. Er besteht aus einer Gruppe von Endzwanzigern, die aus Portugal, Griechenland und anderen europäischen Ländern kommen. Paulina und ihre Freundin trällern ein russisches Lied, sonst wird auf Englisch parliert. Alle sind wegen der Jobsuche nach Stuttgart gekommen. Mittlerweile promovieren, studieren oder arbeiten sie als Ingenieure bei schwäbischen Mittelständlern. Kennengelernt hat sich die Truppe über Couchsurfing. An der Holztafel sitzt also der beste Beweis, dass man über das Portal auch Freundschaften schließen kann. Eins ist klar: von diesem Abend bleibt mehr als eine Knoblauchfahne.