Stadtkind Stuttgart

Gute-Nacht-Geschichten mit DJ Emilio Die Zeiten ändern sich

Von Ina Schäfer 

Kolchose, 0711 Club, eigene Radiosendung und Betreiber des Sound Shops: DJ Emilio ist aus dem Hip-Hop der Stadt nicht wegzudenken. Für unsere Gute-Nacht-Geschichten hat er aufgeschrieben, was sich mit den Jahren geändert hat.

Kolchose, 0711 Club, eigene Radiosendung und  Betreiber des Plattenladens Sound Shop - Emil war umtriebig in den vergangenen Jahren. Foto: privat
Kolchose, 0711 Club, eigene Radiosendung und Betreiber des Plattenladens Sound Shop - Emil war umtriebig in den vergangenen Jahren. Foto: privat

Stuttgart - Was soll man über DJ Emilio aka Emil Calusic noch erzählen? Seit 25 Jahren im DJ-Geschäft, Schallplatten-Verehrer, Musikliebhaber, echtes Stuttgart-Gewächs. Seine Liebe zur Musik hat ihre Wurzeln in früher Kindheit. Schuld daran war wohl Emils kroatischer Onkel, wie er verrät. "Über ihn bin ich zur Musik gekommen. Er war eine coole Socke, ein richtiger Hippie." Angefangen hat alles, typisch Achtziger, mit New Wave wie etwa Depeche Mode, über die Breakdance-Welle landete er schließlich beim Hip-Hop. Genregrenzen haben ihn trotzdem nie interessiert: Auch heute noch bezeichnet er sich als "Mixed Music DJ". Klingt verpönt? Sieht er anders.

Seine erste Schallplatte hat Emil 1982 gekauft. 1991 begann er in Clubs aufzulegen. Zunächst im Unbekannten Tier, schließlich im Red Dog, wo er mit Thomilla und Matze Bach den Hip-Hop-Mittwoch gegründet hat. Der Rest ist Geschichte: Kolchose, 0711 Club, eigene Radiosendung und jahrelang Betreiber des Plattenladens Sound Shop.

Jetzt haben wir 2017. Das heißt: Es muss sich im Laufe der Jahre einiges geändert haben. Für unsere Gute-Nacht-Geschichte plaudert Emil aus dem Nähkästchen und vergleicht die wichtigsten drei Säulen des Nachtlebens Damals und Heute: DJs, Veranstalter, Publikum.

DJs

Früher musste man als DJ seine vier Wände verlassen, wenn man Musik besitzen wollte. Meine DJ-Kollegen, von denen ich die meisten kannte, traf ich jeden Dienstag und Freitag in den stadtbekannten Plattenläden bei der Suche nach neuer Musik. Das hat natürlich Geld gekostet, was auch hieß: Manchmal musste man auf Platten verzichten. Über Jahre hinweg bauten wir uns damals unsere Sammlung auf - unser musikalisches Gesicht, der Fingerabdruck eines jeden DJs.

Mit dem Internet änderten sich die Dinge. Musik war für jeden Menschen in jedem Ort zu jeder Zeit auch Zuhause verfügbar. Das digitale DJ-ing folgte einige Jahre später und auch das DJ-Game änderte sich gravierend. Wie Pilze schossen gefühlte Millionen von neuen DJs alleine in Stuttgart aus dem Boden. Häufig musikalisch profillos und austauschbar, aber wenigstens gut angezogen.

Manchmal betrete ich eine Location, wo solch ein DJ sein Unwesen betriebt. Danach kann ich für ein paar Stunden keine Erektion kriegen. Heutzutage freue ich mich jedes Mal, wenn ich irgendwo Menschen Schallplatten spielen sehe und höre. Es steckt meistens mehr Herz und Seele dahinter, zumindest empfinde ich das so.

Veranstalter

In den 90er Jahren, als die großen Musik-Genres wie Hip-Hop, Techno, House, Dancehall und Drum & Bass ihren Höhepunkt hatten, war es schwer vorstellbar, dass Menschen, die nicht aus der jeweiligen Musikszene kamen, Partys für eben diese organisieren. Im letzten Jahrzehnt gab es viele Quereinsteiger. Als bemerkt wurde, dass man mit Events Geld machen kann, organisierten auf einmal, vom BWL-Student, Türsteher bis zum Totengräber, verschiedenste Arten von Menschen Hip-Hop-Veranstaltungen, die absolut nichts mit der Szene gemein hatten. Einer, der für mich am meisten missbrauchten Begriffe des letzten Jahrzehnts ist die Ankündigung von ‚Old School Hip-Hop‘. Der Veranstalter erklärt einem dann im Vorfeld, dass 50 Cent, Kanye West und Nelly "geile Old School Rapper" wären. Na gut....

Publikum

Gute DJs waren früher Trendsetter und Tastemaker, was neue Musik angeht. Sie genossen damals wesentlich mehr Respekt als heutzutage. Bis in die Mitte der 2000er Jahre war ich es gewohnt, dass Menschen zu mir ans DJ-Pult kommen und mich nach Titel und Interpret fragten, die ich zuvor gespielt hatte. Heute gibt es Apps, die Musik erkennen. Finde ich auch gut. Mein Problem ist eher, dass durch das Internet die letzten Jahre jeder Sohn und jede Tochter zum Musikkenner und -Experten mutierte. "Was? Das kennst du nicht?‘" ist einer meiner Lieblingsausrufe von Menschen, wenn sie zu mir herantreten und sich Titel wünschen, die ich nicht kenne. Genau, ich sollte als DJ das ganze Internet und jede Musikveröffentlichung kennen.

Wenn Mann oder Frau mir übrigens erklären will, dass es voll abgehen wird, wenn ich ihren Titel spiele, dann neige ich immer dazu zu sagen, dass es auch abgehen könnte, wenn Mann allen Gästen einen Schnaps ausgibt oder wenn Frau ihre Brüste auf der Tanzfläche rausholt. Ja, abgehen ist halt ein schwammiger Begriff. Ganz oft wünsche ich mir, diesen Nervensägen im Alltag und damit bei der Ausübung ihres Jobs zu begegnen. Ich würde in der Metzgerei beim Metzgerlehrling Blumenkohl ordern. In der Bank würde ich den Angestellten einfach nach zwei bis drei 500-Euro-Scheinen fragen. Ich hätte Geburtstag und es wären doch genügend in der Bank da. Einfach mal zum Autohändler der Marke X einmarschieren und nach einem Auto von Hersteller Y fragen. Wenn die Antwort 'Wir haben nur X' kommt, penetrant drei Minuten lang 'Ach, komm schon! Mach mal' kontern. Oder von der Verkäuferin im Kaufhaus einfach so Sex fordern. Wenn sie verneint, dann verwundert nachhaken: 'Wieso denn nicht? Im Internet gibt es das doch auch'.