Die StZ erzählt Gute-Nacht-Geschichten aus Stuttgart. Heute ist die Übernachtungsmöglichkeit der Wahl der Campingplatz auf dem Wasen, der für viele eine günstige Variante ist – auch für Nicht-Urlauber.

Region: Verena Mayer (ena)

Stuttgart - Der Campingplatz, den man sieht, wenn man die Homepage der Stadt Stuttgart besucht, ist so bezaubernd, dass man auf der Stelle Dauercamper in Stuttgart werden möchte. Auf dem internetten Campingplatz baumelt zwischen dicht beblätterten Bäumen eine Hängematte, in der, über grünem Rasen, ein Mensch schlummert. Wie er so daliegt, mit einem Strohhut im Gesicht muss man sich ihn sehr zufrieden denken.

 

Der Campingplatz, den man sieht, wenn man das Gelände am Cannstatter Wasen in echt besucht, ist so unparadiesisch, dass man gleich noch mal nachlesen muss. Ist auf der städtischen Homepage wirklich zu lesen: „Nur durch einen Fußweg vom Fluss Neckar getrennt, liegt der Stuttgarter Campingplatz. Der 17 000 Quadratmeter große Platz ist gesäumt von Bäumen und Sträuchern (...) und durch seine Nähe zur City der ideale Ausgangspunkt zur Stadterkundung.“ Ja, so steht das da.

Jahr für Jahr 40 000 Übernachtungsgäste

Vielleicht muss man das so verstehen: Wenn man nur einmal umfallen muss, um mitten drin zu sein, im schönsten Urlaubsleben, kann man damit leben, dass das Rauschen das Verkehrs, der gleich hinter den Bäumen und direkt neben dem Neckar über die B 10 rast, nie verebbt. Wer tagsüber die vitale City hat, erträgt abends auch etwas unvitale Bedienstete, und ist nicht betrübt, dass das einzige gemütliche Plätzchen die eigene Unterkunft ist. Und wer nur kurz auf dem Campingplatz einkehrt, kann auch locker darüber hinwegsehen, wenn die stillen Örtchen keine allzu sauberen sind. Ja, so muss es sein.

Jürgen Kaufmann, der Pächter des städtischen Geländes, freut sich Jahr für Jahr an rund 40 000 Übernachtungsgästen. Die allerwenigsten von ihnen kommen, weil das Wasencamping so idyllisch ist. Gestern Mercedes-Museum, heute Wilhelma, morgen wieder weg. Oder: gestern Heidelberg, morgen Tübingen und heute eine Radrast in Stuttgart. Oder: raus aus Holland, rein nach Spanien und dazwischen eine schnelle Nacht auf dem Wasen. So ungefähr sieht der Reiseplan des typischen Stuttgart-Campers aus. „Günstiger kann man hier nicht Urlaub machen“, frohlockt ein Mann vom Bodensee, der mit Frau und Kind sogar drei Tage in der Hauptstadt verbringt. Kostet keine 30 Euro pro Nacht.

60 000 Mark hat die Anlage einst gekostet

Der einzige Stuttgarter Campingplatz wurde am 15. Juni 1954 eröffnet. 60 000 Mark hat sich die Stadt die Anlage kosten lassen, Gäste aus dem In- und Ausland sollten dort einen „gastfreundlichen Boden“ finden. In der ersten Saison wird er von 7526 „Fremden benützt“, bilanziert das Verkehrsamt, das „Benutzungsgebühren“ zwischen 30 Pfennig und einer Mark pro Person berechnet. Kurz bevor das Volksfest beginnt, endet die Saison. Im September sei der Betrieb nicht mehr rege. Und mit den feiernden Menschen in der Nachbarschaft könne ja kein Urlauber vor Mitternacht zur Ruhe kommen. Inzwischen hat der Campingplatz längst zwölf Monate am Stück geöffnet. Und viele der Gäste reisen nur an, um möglichst nah am Puls der Festzeit zu sein.

Kreischen mit Bon Jovi, Jubeln mit Grönemeyer, Grölen mit AC/DC – kein teurer Ausflug auch für, sagen wir Künzelsauer, wenn das Nachtquartier günstiger ist als die Konzertkarte.

Pilgern über die Weihnachtsmärkte in Stuttgart, Esslingen und Ludwigsburg? – Ein bezahlbares Unterfangen auch für, sagen wir, Italiener, wenn sie mit dem Wohnwagen einchecken.

Im Bierzelt berauschen als ob es keine lange Heimreise nach, sagen wir, Mannheim gäbe? – Die Nacht auf dem Platz nebenan ist unschlagbar günstig.

Auch für Nicht-Urlauber. Ein Großteil der Absteiger ist wegen der Arbeit in Stuttgart. Gleisbauer aus Sachsen-Anhalt beziehen hier ihr Montagequartier. Schweißern aus dem Norden wird das Wohnmobil vorübergehend zur Heimat. Fassadenbauer aus dem Saarland ziehen sich nach getanem Tagwerk auf den Wasen zurück. Und Männer und Frauen, die sich auf dem Frühlings- und dem Volksfest als Kellner verdingen, wissen die kurzen Wege zwischen Wohn- und Arbeitsplatz ebenfalls zu schätzen. Im Frühjahr hat Jürgen Kaufmann drei baumlange möblierte Holzfässer angeschafft. Sie sind für die Wasenzeit längst so ausgebucht wie die 30 Wohnwagen, die er zusätzlich vermietet.

Zufriedenstellendes Niveau

Anno 1996, ist der Campingplatz im großen Stil aufgemöbelt worden. Für zwei Millionen Mark hat die Stadt die Sanitäranlagen modernisiert, einen Kiosk eingerichtet, alle 150 Stellplätze mit Strom-, Wasser- und Abwasseranschlüssen versehen und einen Spielplatz aufgebaut. Vorausgegangen waren Beschwerden über grauenvolle hygienische Zustände, ein dramatischer Einbruch der Gästezahlen und die Note fünf im ADAC-Campingführer. Inzwischen hat sich die Zahl der Camper auf offenbar zufriedenstellendem Niveau eingependelt. Lob („empfehlenswert“) und Kritik („einmal und nie wieder“) im Internet halten sich die Waage.

Und wer wird schon ernsthaft eine Hängematte vermissen, wenn er in ausladenden Sesseln aus Holz vor dem Wasen-Bistro abhängen kann?

Wer wird wagen, die Abwesenheit von sattgrünem Rasen zu beklagen, wenn sich auf den Rasengittersteinen doch rasch der Camper in Reih und Glied einordnen lässt?

Wer wäre nicht schon dann sehr zufrieden, wenn er nachts durchschlafen kann und morgens von einem Specht geweckt wird? Mitten in der Stadt.