Die Liebe hat ihn nach Württemberg verschlagen: Der US-Amerikaner Nicholas Pratt hat In Weinstadt ein Weingut gegründet.

Böblingen: Kathrin Haasis (kat)

Gerade häufen sich aus der Weinbranche eher die schlechten Schlagzeilen. Zum Beispiel dass an der Saar mit dem Weingut von Hövel sogar ein renommierter VDP-Betrieb schließen musste. Deshalb ist es höchste Zeit für gute Nachrichten! Bei solchen Startbedingungen klingt die Geschichte von Nicholas Pratt noch viel unglaublicher. Der US-Amerikaner zog erst vor zwei Jahren ins Remstal und bewirtschaftet bereits rund 2,2 Hektar an Rebfläche. Auf „offene Arme“ sei er in Weinstadt gestoßen, berichtet der 43-Jährige, denn viele Wengerter hätten keinen Nachfolger mehr. Auch seinen Keller hat er von einem älteren Kollegen bekommen. „Die Zeiten sind schwierig“, räumt er ein, „aber ich gebe das Beste, was ich geben kann.“

 

Vom Sommelier zum Winzer

Als Sommelier zog der Kalifornier im Jahr 2014 nach Berlin, um an den freien Tagen den Weinbau und den Wein Europas zu erkunden. In einem Sterne-Restaurant arbeitet er bis zum Corona-Lockdown – und wechselte daraufhin einfach die Seite. Beim Bio-Weingut Odinstal in der Pfalz absolvierte er ein Praktikum, bei Jochen Beurer in Stetten fand er danach Arbeit im Keller und den Weinbergen – weil ihn die Liebe ins Remstal zog. „Wenn ich es gut machen möchte, muss ich zu 100 Prozent dabei sein“, stellte er bald fest und konzentriert sich seither ganz auf den Aufbau seines Betriebs. „Wengerter und“ nennt er sein Projekt, weil er am Anfang Trauben von anderen Bio-Winzern zukaufte. Und weil der Wein nicht nur von einer Person gemacht wird, sondern die Natur eine große Rolle spielt.

Naturwein, der „klar, frisch und auf den Punkt ist“, ist das Ziel des Autodidakten. Er arbeitet mit Spontanvergärung, ohne Zusätze und viel Zeit für die Reifung in Amphoren aus Georgien, Holz und Edelstahl. Die Cuvée Lynn ist ein guter Einstieg in seine spannende Kollektion: Der Weißwein aus Helios und Silvaner duftet nach Apfel und Zitrusfrüchten,ist leicht und trotzdem vielschichtig, hat eine knackige Säure und einen herben Abgang. Zum Essen passen seine Weine wegen des niedrigen Alkoholgehalts gut, findet der Sommelier. Auf seinen American Dream im Remstal lässt sich damit ebenfalls hervorragend anstoßen.

Das Urteil der Weinrunde:

Holger Gayer: Eine spannende Liaison ist das: Der Wein hat viel Frucht – von Quitte bis getrocknete Aprikose – und eine knackige Säure. Mehrheitsfähig ist er mit seinen Naturwein-Aromen sicher nicht, aber in seiner Nische gut aufgehoben.

Michael Weier: Wenn man einem Wein den Begriff Charakter zusprechen will, dann so einem: Er riecht leicht mostig, hat eine kräutrig-grasige Note und Aromen von Honigmelone. Aber alles sauber gemacht, mir macht der Wein viel Spaß.

Cuvée Lynn 2023, 18,50 Euro, Wengerter und, Nicholas Pratt, Weinstadt, 0151/16862547, www.wengerter-und.de