Das neue Haus für die Touristen am Stuttgarter Marktplatz lockt auch unseren Weinkolumnisten Michael Weier. Der ein spannendes neues Mini-Weingut entdeckt hat.
Beim Breitling am Marktplatz habe ich schon in den Achtzigern eingekauft. Über das glitzernde Jackett mit den Schulterpolstern decken wir den Mantel des Schweigens. Aber logisch, dass ich voller Neugier in den neuen i-Punkt im ehemaligen Modegeschäft marschiert bin. Ein schickes Schaufenster der Stadt! Besonders gefällt mir die Wand gleich rechts neben dem Eingang; dort zeigen die Tourismus-Experten, dass Stuttgart mehr zu bieten hat als Porsche und Mercedes, nämlich ein vielfältiges Angebot aus den Weinbergen rings um den Kessel. Hier gibt’s Wein von sämtlichen Erzeugern aus Stuttgart.
Voller Stolz habe ich beim Plausch damit angegeben, dass wir in dieser Spalte praktisch alle diese Winzer schon vorgestellt haben. Bis ich auf Daniel Haidle gestoßen bin. Ein Neuling! So etwas gibt es tatsächlich noch, obwohl die Branche bekanntermaßen kriselt. Die Familie beschäftigt sich bereits in der dritten Generation mit dem Wein, in der Genossenschaft in Hedelfingen landeten die Trauben bisher, dort engagiert sich auch Daniel Haidle. Die Genossen wechselten zum Teamwerk nach Esslingen, die Weinberge aber müssen geschafft sein. Daniel Haidle legte sich vor fünf Jahren einen zu und pflanzte dort die Zukunftsorte Sauvitage. Ein Zufall brachte die Trauben dann in seinen eigenen Keller, die Sorte passte in dem Moment nicht ins Sortiment des Kollektivs. Also gründete der 24-Jährige seine eigene Weinmanufaktur im hauseigenen Keller – als Hobby. Denn sein Geld verdient er beim Weingut Herzog von Württemberg, dort lernte er den Beruf des Kaufmanns und packte noch eine Ausbildung zum Weintechnologen, dem einstigen Küfer, drauf.
Mit all diesem Wissen und dem familiären Hintergrund geht er nun seinem Hobby recht ernsthaft nach. Neben den neuen Reben des Sauvitage baut er einen Portugieser in seinem Keller aus – und zwar halbtrocken, weil ihm das Ergebnis in der WG Hedelfingen so gut gefallen hat. Die Restsüße schmeckt man fast nicht, der Wein ist frisch, fruchtig, sehr sauber gemacht. Ein wirklich guter Tropfen, der viel langlebiger ist als Jacketts mit Schulterpolstern aus den Achtzigern.
Das Urteil der Weinrunde
Holger Gayer Im Grunde gehört der Portugieser zu den Retro-Sorten wie Trollinger und Schwarzriesling. Ich mag diesen Rückgriff auf die Tradition: Der Wein ist leicht, fruchtig, süffig, aber nicht bäbbig. Im besten Sinne einer fürs Henkelesglas.
Kathrin Haasis Retro liegt voll im Trend! Der Portugieser ist dunkel, saftig, fruchtig, leicht süß, aber hintenraus wird’s mit Säure gut ausgeglichen. Das schmeckt, lässt sich richtig gut trinken! Fehlt nur noch ein hippes Etikett ...
Der Wein
Portugieser 2024 halbtrocken, 8,50 Euro, Daniel Haidle Weinmanufaktur, Hedelfingen, Telefon 01 60 / 93 35 83 60.