Gutes Benehmen gibt’s nur auswärts Ist das wirklich mein Kind?

Lieb, zuvorkommend, organisiert und einsichtig. Manchmal sind Kinder all das, wenn die Eltern nicht in der Nähe sind Foto: Aamon - stock.adobe.com

In der Schule, bei Freunden oder bei der Oma benehmen sich Kinder oft vorbildlicher als zu Hause. Warum das für Eltern eine Auszeichnung ist.

Sind Sie sich sicher, dass Sie meine Tochter nicht mit einem anderen Mädchen verwechseln?“ Das fragte neulich eine Bekannte die Klassenlehrerin, als diese ihr erzählte, wie gut organisiert ihr Kind in der Schule sei. Ausgerechnet jenes Kind, welches zu Hause ständig alles liegen lässt und das Chaos liebt?! Die Mutter freute sich zwar über das Lob. War aber irgendwie auch ein wenig enttäuscht. „Zu Hause kriegen wir das überhaupt nicht hin. Was mache ich da bloß falsch?“

 

Bei der Oma schläft der Enkel anstandslos allein ein, daheim müssen die Eltern sich immer dazu legen

Dass sich Kinder in der Schule, im Kindergarten, bei der Oma oder bei Freunden oft ganz anders – und nicht selten sehr viel vorbildlicher – verhalten als zu Hause, kennen viele Eltern. „Und das ist für sie natürlich auch sehr undankbar“, sagt Pädagogin Birgit Ertl, die in Stuttgart eine Praxis für Menschlichkeit in Erziehung und Beziehung betreibt.

Im Kindergarten stellt das Kind seine Schuhe ordentlich an den Platz, zu Hause bleiben sie wild im Flur liegen. Bei der Oma schläft der Enkel anstandslos allein ein, daheim müssen die Eltern sich immer dazu legen. Beim Kindergeburtstag zeigt sich der Nachwuchs von seiner besten Seite, kaum tritt er zu Hause über die Türschwelle, geht das Gezanke mit den Geschwistern los. Naheliegend, dass die Eltern da auch an sich und ihren erzieherischen Fähigkeiten zweifeln. Doch Birgit Ertl beruhigt: „Es ist vielmehr so, dass Eltern ganz viel richtig machen, wenn es so läuft.“

Das Elternhaus ist meist der erste und zentrale Ort, an dem Werte, Normen und das Einhalten von Regeln vermittelt werden. „Dieses soziale Lernen gelingt aber nur, wenn man auch mal testen kann, wie wichtig den Eltern verschiedene Verhaltensweisen wirklich sind oder was passiert, wenn man sich eben nicht daran hält“, sagt Birgit Ertl.

Die meisten Kinder fühlen sich nun besonders zu Hause so wohl und geschützt, dass sie sich dies trauen. „Für die Eltern ist das deshalb eine ganz große Auszeichnung für eine gute, gelungene Beziehung“, sagt Birgit Ertl. Denn nur Kinder, die wüssten, dass sie bedingungslos geliebt werden von den Eltern, riskieren auch mal, sich eben nicht wie gewünscht zu verhalten.

Unterschiedliches Verhalten in verschiedenen Kontexten ist normal

Im Kindergarten oder in der Schule dagegen merken Kinder schnell, dass sie ihre persönlichen Bedürfnisse auch mal zurückstellen müssen und es Regeln und Werte gibt, welche vorrangig auf die Gemeinschaft Rücksicht nehmen. „Kinder haben die Fähigkeit, sich dann in unterschiedlichen Beziehungskontexten unterschiedlich zu verhalten“, sagt Inés Brock-Harder, Vorstandsvorsitzende des Bundesverbandes für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie.

Das sei wichtig, um sich überhaupt auf verschiedene Bezugspersonen einlassen zu können. Und mit Blick auf ihr weiteres Leben auch ganz entscheidend. „Von Erwachsenen wird ja je nach sozialem Kontext auch ein angepasstes Verhalten erwartet“, sagt Inés Brock-Harder. Auch Erwachsene würden sich gegenüber ihrem Chef anders geben als gegenüber ihrem Partner. Oder zu Hause vielleicht lauter mit ihrem Kind diskutieren als sie dies in der Öffentlichkeit tun.

„Im Außen gelingt es uns allen einfach besser, die eigenen Bedürfnisse aufzuschieben. Wenn man nach Hause kommt, lassen vor allem Kinder dann die Anspannung des Tages los“, sagt Inés Brock-Harder. Diese rauszulassen sei sehr wichtig und gesund. „Es ist vielmehr bedenklich, wenn Kinder dies nicht machen“, sagt Birgit Ertl.

Es führt aber auch zu anstrengenden Situationen, die viele Familien täglich erleben: Noch beim Betreten des Kindergartens war das Kind ganz fröhlich, kaum sieht es die Mama, fängt es an zu weinen. Das angeblich so gut organisierte Schulkind findet im Chaos seines Zimmers das Mathebuch für die Hausaufgaben nicht und bekommt einen Wutanfall. Die Mama soll sofort vorlesen statt zu kochen – zumal Fisch, igitt, den mögen die Kinder echt nicht, obwohl sie ihn in der Schule immer gern essen.

Mit Kindern über deren Gefühle sprechen

Um solche Situationen für Eltern erträglicher zu machen, empfiehlt Inés Brock-Harder, mit den Kindern ins Gespräch über deren Gefühle und Bedürfnisse zu kommen – aber auch über ihre eigenen. „Und dann ist es wichtig, dass man zu Hause eine Ankommens-Situation für alle schafft, in der es nicht gleich zur nächsten Aktivität geht, sondern jeder erst einmal Zeit und Ruhe für sich bekommt“, sagt Inés Brock-Harder.

Und wenn die Lehrerin in der Schule das Kind das nächste Mal für etwas lobt, dass so gar nicht zu dem passt, wie Eltern ihr Kind erleben, sollten sie sich Birgit Ertl zufolge einfach nur darüber freuen – und nicht mit sich hadern. „Immerhin zeigt das ja, dass die Kinder diese Dinge können. In aller Regel können sie sie deswegen, weil dafür zu Hause geübt wurde, weil die Eltern darauf Wert legen“, sagt Birgit Ertl.

Und weil die Kinder dies verstanden hätten, würden sie ihre Kleider dann im Kindergarten auch an den Haken hängen, bei der Oma Gemüse essen, ihre Schulsachen ordentlich einpacken, die Nachbarn freundlich grüßen. „Früher oder später klappen diese Dinge dann auch zu Hause“, ist sich Birgit Ertl sicher.

Bis es soweit ist, bleibt den Eltern nur die Erkenntnis: Erziehung ist sehr anstrengend – aber sie gehört zum Elternsein eben dazu.

Gefühle in Worte fassen

Mimik, Gesten, Laute
Anfangs drücken Kinder ihre Gefühle vor allem durch Mimik, Gestik und Laute aus: sie lachen, stampfen mit dem Fuß, brüllen. Ab etwa dem zweiten Lebensjahr können sie auch lernen, dafür Worte zu finden. Damit dies gelingt, brauchen sie auch die Eltern, die zeigen, wie man Gefühle in Alltagssituationen in Sprache packen kann, beispielsweise so: „Ich bin jetzt traurig, weil der Teller kaputt gegangen ist.“ Anknüpfungspunkte kann man auch beim Vorlesen in Büchern finden. Je besser Kinder ihre eigenen Emotionen benennen können, umso eher sind sie auch in der Lage, die Gefühle anderer zu verstehen – auch die der eigenen Eltern.

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