Gymnasien in Stuttgart Vorerst keine neuen Lehrpläne – Wie gut sind Schulen auf G9 vorbereitet?

Ist das neue G9 doch nur ein gestrecktes G8? Foto: dpa/Armin Weigel

Nach den Sommerferien beginnen die Gymnasien im Land mit dem neuen G9. Sind aus Sicht der Schulen in Stuttgart schon alle Fragen geklärt?

Familie/Bildung/Soziales: Alexandra Kratz (atz)

Mitte September geht es los. Dann starten an den Gymnasien in Baden-Württemberg die ersten beiden Jahrgänge mit dem neuen G9. Und zwar mit den Kindern, die im Herbst in die fünfte und sechste Klasse kommen. Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) hatte stets betont, dass das neue neunjährige Gymnasium nicht einfach ein gestrecktes G8 werden soll, in dem vor allem die Mädchen und Jungen in der Unter- und Mittelstufe weniger Wochenstunden und damit weniger Nachmittagsunterricht haben. Viel mehr soll es dank verschiedener Innovationen zeitgemäßer werden.

 

Erst einmal keine neuen Bücher und Lehrpläne für G9

Ganz so viel Neues scheint nun aber doch nicht zu kommen, jedenfalls nicht zum Start Mitte September. Die vorhandenen Schulbücher können weiter eingesetzt werden. Neue Lehrpläne gibt es zumindest noch nicht. Sie seien auch noch nicht notwendig, so das Ministerium.

Denn je nach Fach würden die „Inhalte und Kompetenzen“ lediglich „gestreckt“ oder aber – bei den Fächern, bei denen sich etwas mehr ändert – „angereichert“ werden, heißt es dazu in einer schriftlichen Stellungnahme. Und weiter steht dort: „Nur für die Klassenstufe 11 im G9, die zugleich die Einführungsphase der gymnasialen Oberstufe bildet, ist eine größere Neukonzeption nötig.“

Lesehilfen für Fächer, in denen sich durch G9 wenig ändert

Für das im Herbst beginnende Schuljahr stellt das Kultusministerium für Fächer, in den sich bereits in den Klassenstufen 5 und 6 etwas ändert, sogenannte Lesehilfen zur Verfügung. Einen Ausdruck, den Manfred Birk, geschäftsführender Schulleiter der Gymnasien in Stuttgart, unglücklich findet. „Lesen können wir alle. Es sind Anpassungsverordnungen“, sagt er. Insgesamt habe er das Gefühl, dass das Ministerium sehr pragmatisch vorgehe, auch um die Lehrerschaft zu beruhigen, was durchaus wichtig sei. „Die Lesehilfen geben den Lehrkräften Orientierung, welche Inhalte und Kompetenzen des aktuellen Bildungsplans im betreffenden Standardraum des künftigen Bildungsplans gegebenenfalls anders verortet sein werden“, schreibt das Ministerium. Konkret soll es sie für folgende Fächer geben:

  • Medienbildung
  • Biologie
  • Geografie
  • Fremdsprachen

Handreichungen für G9-Innovationselemente

Um zeitgemäßer zu werden, sieht das neue G9 verschiedene Innovationselemente vor. Für diese soll es laut Kultusministerium „Handreichungen“ geben, die dann auch „praktische Hinweise und Tipps für die Lehrkräfte zur konkreten Umsetzung“ beinhalten. Zudem sind Fortbildungen für Lehrkräfte vorgesehen. Konkret soll es diese Handreichungen zu folgenden Innovationselementen geben:

  • Stärkung der Grundlagenfächer (Mathe, Deutsch, Englisch)
  • Stärkung der Demokratiebildung mit Hilfe von Klassenlehrerstunden
  • Individuelles Mentoring für die Schülerinnen und Schüler

Auflösung Fächerverbund BNT durch Schulreform

Ein „bisschen Bauchweh“ bereitet Manfred Birk die Auflösung des Fächerverbunds „Biologie, Naturwissenschaft und Technik“ (BNT), der bisher in den Klassenstufen 5 und 6 jeweils mit drei Wochenstunden unterrichtet wurde. Künftig gibt es in der fünften Klasse zwei und in der sechsten Klasse eine Stunde Biologie. Die physikbezogenen Inhalte, die früher in den Klassen 5 und 6 mit „Naturphänomene und Technik“ abgedeckt waren, sollen dann in einem projektorientierten Physikunterricht ab Klasse 7 gelehrt werden. Das dürfen und sollen dann auch Biologielehrkräfte machen. „Das stößt in der Fachschaft nicht auf Begeisterung“, sagt Birk. Vielmehr habe man den Eindruck, dass an dieser Stelle der Mangel an Physiklehrern spürbar werde.

Bildungsplan für das neue G9-Fach Informatik und Medienbildung

Das neue Fach Informatik und Medienbildung sei für die Schulen lange Zeit einer der größten Unsicherheitsfaktoren gewesen, sagt Birk. Das Ziel ist es laut Kultusministerium, „die beiden Anteile Informatik und Medienbildung zusammenzudenken“. Das heißt, dass bei jedem großen Thema in der Medienbildung künftig zu berücksichtigen sei, welchen Beitrag die Informatik leisten könne – und umgekehrt. „Dieses Vorgehen ist sinnvoll, da sich die beiden Anteile in vielen Fällen für ein tieferes Verständnis gegenseitig bedingen“, findet das Ministerium.

Theresa Schopper (Grüne) und ihr Ministerium arbeiten an einem Bildungsplan für das Fach Informatik und Medienbildung. Foto: dpa

Das Ministerium arbeitet an einem Bildungsplan für das Fach Informatik und Medienbildung. So lange der noch nicht fertig ist, wird nach den bestehenden Bildungsplänen unter Verwendung einer Lesehilfe (siehe oben) unterrichtet. Zudem soll es Materialien zur Vorbereitung und Fortbildungen geben – und zwar sowohl für Lehrkräfte, die bereits die Fächer Informatik und Medienbildung unterrichtet haben, als auch für Lehrkräfte ohne Vorerfahrungen auf diesem Gebiet.

„Wir kommen zurecht, Schulen waren schon immer zu Pragmatismus verurteilt“, sagt Birk dazu. Seiner Meinung nach sei es für einen guten Unterricht ohnehin am sinnvollsten, wenn „die einzelne Lehrkraft im Rahmen ihrer pädagogischen Verantwortung die größtmögliche Freiheit hat“.

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